In den Netto-Filialen wird das Bio-Regal größer: Seit Oktober 2026 baut Netto Marken-Discount die Zusammenarbeit mit Alnatura aus. Bis zu 80 Alnatura-Produkte kommen in rund 260 zusätzlichen Märkten ins Sortiment, vor allem in Bayern und Baden-Württemberg. Für manche Kundinnen und Kunden dürfte das beim Wocheneinkauf praktisch sein: Bio-Reis, Snacks oder Kokosmilch liegen dann dort, wo ohnehin der Einkaufswagen steht.

Damit sind Alnatura-Produkte in mehr als 500 Netto-Filialen erhältlich. Zuvor gab es sie bereits in Berliner Netto-Märkten. Die Einführung in den zusätzlichen Filialen erfolgt ab Mitte Oktober. Netto erweitert damit eine Auswahl, die bislang stark von günstigen Eigenmarken und wechselnden Sonderangeboten geprägt war.

Vom Haferflockenregal bis zur pflanzlichen Alternative

Das Alnatura-Sortiment deckt alltägliche Grundnahrungsmittel ebenso ab wie speziellere Bio-Produkte. Dazu gehören Reis und Haferflocken, Tomatenmark und Kokosmilch, Frühstücksprodukte, Snacks sowie pflanzliche Alternativen. Alnatura ergänzt dabei das bestehende BioBio-Sortiment und schafft zusätzliche Auswahl bei Bio-Artikeln.

Die bisherigen preiswerten Produkte bleiben weiterhin erhältlich. Mehrere Preisklassen stehen also nebeneinander – der günstige Eigenmarkenartikel, das Alnatura-Produkt und saisonale oder aktionsbezogene Ware. Netto führt derzeit mehr als 1.000 Bio-Artikel im Standard-, Saison- und Aktionssortiment. Außerdem arbeitet der Discounter mit Naturland und Biokreis zusammen.

Für Kundinnen und Kunden bedeutet die Erweiterung: Bestimmte Bio-Produkte lassen sich künftig beim regulären Einkauf im Discounter mitnehmen, ohne dass noch ein weiterer Supermarkt angesteuert werden muss. Der Preisvorteil ist allerdings nicht automatisch gegeben. Ein Blick auf Grundpreis, Packungsgröße und Zutaten kann sich lohnen – gerade bei kleinen Packungen, die im Einkaufswagen schnell nach wenig aussehen.

Mehr Reichweite für Alnatura, mehr Spielraum für Netto

Netto will mit dem größeren Angebot zusätzliche Kundengruppen erreichen und sein Sortiment verbreitern. Alnatura erhält im Gegenzug weitere Verkaufsflächen außerhalb der eigenen Bio-Supermärkte. Langfristig plant Netto, das Alnatura-Angebot auf weitere Regionen auszuweiten.

Auch Rewe hat kürzlich Alnatura-Produkte aufgenommen. Seit Mitte Oktober 2026 sind dort je nach Marktgröße bis zu 200 Produkte bundesweit erhältlich. Der Wettbewerb um Bio-Kundschaft spielt sich damit längst nicht mehr nur im Naturkostladen ab.

Ob sich die Sortimentserweiterung trägt, entscheidet am Ende die Nachfrage. Für viele Haushalte bleibt der Preis ausschlaggebend, auch wenn der Wunsch nach bewussterem Einkauf wächst. Genau diese Spannung steht zwischen dem Bio-Regal und dem Haushaltsbudget: Die Verpackung verspricht Qualität, an der Kasse wird nachgerechnet.

Bio zwischen Qualitätswunsch und knapper Kasse

Der deutsche Bio-Markt wächst 2026 weiter, befindet sich nach Jahren starken Wachstums aber in einer Konsolidierungsphase. Nachhaltigkeitsbewusstsein, finanzielle Belastungen und das Vertrauen in Zertifizierungen wie das deutsche Bio-Siegel beeinflussen die Kaufentscheidung. Bio-Produkte machen etwa 6–7 % des Umsatzes im Lebensmitteleinzelhandel aus.

Die Käufergruppen sind dabei nicht über einen Kamm zu scheren. Nachhaltigkeitsorientierte Menschen akzeptieren eher höhere Preise. Für pragmatische Käufer steht Bio vor allem für ein Qualitätsmerkmal. Eine wachsende Gruppe greift nur bei ausgewählten Kategorien zu und rechnet besonders genau.

Gesundheit und wahrgenommene Qualität sind für viele Verbraucher mindestens ebenso wichtig wie allgemeine Nachhaltigkeitskriterien. Bei Fleisch, Milch und Eiern gewinnen konkrete Haltungsbedingungen an Bedeutung. Das Bio-Siegel bleibt ein wichtiger Vertrauensanker, reicht allein aber nicht mehr aus: Gewünscht werden zusätzliche Angaben zu Herkunft, Verarbeitung und Lieferketten.

Auch das Einkommen spielt hinein. Haushalte mit höherem Einkommen kaufen regelmäßiger Bio. Familien wählen Bio vor allem bei Produkten, die sie als sicherheitsrelevant empfinden – etwa Obst, Gemüse und Milch. Jüngere und ältere Verbraucher setzen teilweise unterschiedliche Prioritäten. In Städten ist Bio stärker verbreitet, während ländliche Regionen von einem niedrigeren Niveau aus schneller wachsen.

Wo Bio wächst – und wo der Preis bremst

Obst und Gemüse weisen bereits eine hohe Bio-Durchdringung auf, das Wachstum verlangsamt sich dort. Fleisch und Fisch bieten weiteres Potenzial. Getreide- und Milchprodukte entwickeln sich stabil, aber moderat. Bio-Eigenmarken des Lebensmitteleinzelhandels wachsen schneller als Bio-Markenprodukte – ein Punkt, der zum Netto-Modell passt.

Der Preis bleibt trotzdem eine harte Grenze. Ein Bio-Apfel kostet laut der genannten Analyse etwa 40–60 % mehr als ein konventioneller Apfel. Bei Obst und Gemüse ist die Zahlungsbereitschaft vergleichsweise hoch, bei Getreideprodukten und Teigwaren geringer. Fleisch und Fisch sind ohnehin teuer und können eine hohe Zahlungsbereitschaft auslösen, werden unter Druck aber häufig durch konventionelle Produkte ersetzt. Haushalte mit niedrigem Einkommen kaufen weniger Bio oder beschränken sich auf bestimmte Kategorien.

Höhere Preise werden eher akzeptiert, wenn Bio mit Regionalität, besonderer Verarbeitung, Fairness oder einer nachvollziehbaren Lieferkette verbunden ist. Konkrete Aussagen – Platzangebot für Tiere, Verzicht auf Pestizide oder Wasserverbrauch – sind verständlicher als abstrakte Begriffe wie „ökologischer Fußabdruck“. QR-Codes, Apps und Plattformen sollen Herkunft, Produzenten und Produktionsbedingungen nachvollziehbar machen.

Bei den Vertriebswegen verschieben sich die Gewichte: Biomärkte und Naturkostfachgeschäfte verlieren Marktanteile an Supermärkte und Discounter. Hofläden und Wochenmärkte gewinnen wegen Regionalität, Transparenz und persönlichem Kontakt. Discounter machen Bio-Produkte zu wettbewerbsfähigeren Preisen zugänglich, während der E-Commerce vor allem bei haltbaren und spezialisierten Waren selektiv wächst. Frische Produkte werden weiterhin überwiegend stationär gekauft.

Regionale Lieferketten stehen für kurze Wege, Frische und lokale Wertschöpfung. Globale Lieferketten ermöglichen größere Vielfalt und teilweise niedrigere Preise, sind aber schwerer zu kontrollieren. Als Modell gilt eine Kombination aus regionalen Produkten und transparenten, fairen globalen Lieferketten.

Daneben entstehen neue Nischen: Fermentierte Lebensmittel wie Kombucha, fermentierte Gemüsesäfte und fermentierte Milchprodukte verbinden Bio mit funktionalen Eigenschaften. Trinkmahlzeiten sprechen besonders mobile, jüngere und urbane Verbraucher an und wachsen online schneller als traditionelle Bio-Produkte. Für manche bleibt Bio trotzdem eine Luxusentscheidung oder eine Sache, deren konkreter Nutzen nicht überzeugt. Unter Budgetdruck wird Bio häufig früh gestrichen – selbst dann, wenn die absoluten Mehrkosten überschaubar wären.

Für Händler und Hersteller liegt deshalb einiges nahe: Käufergruppen stärker segmentieren, Bio mit Regionalität, Fairness, Transparenz oder Funktionalität verbinden, Bio-Eigenmarken und digitale Lieferkettentransparenz ausbauen und Produkte sowie Kommunikation an unterschiedliche Motive und Preistoleranzen anpassen. Alltagsnahe Vorteile und ein Bio-Angebot im Discounter können die Kaufbereitschaft erhöhen. Ob das neue Alnatura-Regal am Ende dauerhaft gut läuft, zeigt sich aber erst dort, wo die Einkaufswagen vorbeischieben – und an der Kasse die Summe steht.

Als Quellen und Institutionen für die Markteinordnung werden AMI, YouGov, NIQ sowie die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) genannt. Quellen zur Sortimentserweiterung sind Netto Marken-Discount und Alnatura.