Fast ein Jahr nach der Eröffnung zieht Aldi Süd für seinen Markt in der Karl-Heinz-Kipp-Straße im Alzeyer Industriegebiet eine positive Bilanz. Entstanden ist die Filiale nach Abriss und Neubau innerhalb von sechs Monaten – vollständig in moderner Holzbauweise. Von der ersten Planung bis zur Eröffnung vergingen insgesamt 18 Monate.

Rund 1.100 Quadratmeter Verkaufsfläche, extra breite Gänge und das bisherige Warensortiment erwarten die Kundschaft. Innen wirkt der Markt hell, die Holzoptik ist allgegenwärtig. Nach Angaben von Aldi Süd schätzen Kundinnen und Kunden den Standort ebenso wie das Raumklima, das durch die Holzbauweise entsteht.

Holz als Pilotprojekt

Die tragende Konstruktion besteht aus Holzrahmenbau mit Brettschichtholzstützen und -bindern. Die Wände wurden als Holzmassivbau aus Brettschichtholz-Sperrholz errichtet. Aldi Süd hatte den Markt als Pilot- und Vorzeigeprojekt angelegt: Ziel war ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen und eine nachhaltige Entwicklung.

Auch beim Innenleben wurde nicht einfach alles auf die Deponie gefahren. Das komplette Mobiliar des alten Marktes wurde wiederverwendet und in 13 Lkw-Ladungen zum neuen Standort transportiert. Auf dem Dach arbeiten zwei Photovoltaikanlagen – eine stammt aus dem vorherigen Markt, die andere aus einer weiteren abgerissenen Aldi-Filiale. Sie sollen einen bedeutenden Teil des Strombedarfs für Kühlung und Technik decken.

Die kurze Bauzeit führt Aldi-Süd-Immobiliendirektor Gregor Leier auf die Holzbauweise zurück. Weitere Märkte in dieser Bauweise kündigte er an. Nennenswerte Veränderungen am in Alzey umgesetzten Konzept seien derzeit allerdings nicht geplant. Aldi Süd nutzte Planung und Bau dennoch, um weitere Erfahrungen mit Holz zu sammeln. Ob die Bauweise künftig erneut oder angepasst eingesetzt wird, soll von diesen Erfahrungen und den jeweiligen Standortbedingungen abhängen. Die Bau- und Leistungsbeschreibung für Aldi-Süd-Filialen werde fortlaufend optimiert und weiterentwickelt.

Alzey plant weiter

Der Alzeyer Markt bleibt nicht die einzige Aldi-Süd-Filiale aus Holz. Im kommenden Jahr soll die bestehende Aldi-Filiale in Weißenthurm im Landkreis Mayen-Koblenz in dieser Bauweise neu errichtet werden.

Bürgermeister Steffen Jung bezeichnete das Projekt als bedeutend für Alzey und als Beispiel für moderne Handelsbauten. Auf dem Parkplatz soll in den kommenden Monaten außerdem eine Görtz-Filiale eröffnen. Für den Aldi-Bestandsmarkt in der Schafhäuser Straße ist in den nächsten Jahren ein weiteres Vorhaben geplant: ein Neubau des Marktes samt zusätzlicher Wohnbebauung. Stadt und Unternehmen wollen das gemeinsam umsetzen und damit Handel und Stadtentwicklung mit dem Projekt „Alte Feuerwache“ verbinden.

Holzbau wird im Handel zum Versuchsfeld

Der Alzeyer Markt steht in einer Entwicklung, die weit über Rheinhessen hinausreicht. Die Nahversorgung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs verändert sich; Projektentwickler und Handelsketten setzen zunehmend auf nachhaltige Bauweisen, kreislauffähige Materialien und energieautarke Konzepte. Mehr als 60 Prozent Marktanteil entfallen im deutschen Lebensmitteleinzelhandel auf Aldi, Lidl, Edeka, Kaufland, Rewe und Netto. Was diese Ketten bauen, prägt deshalb auch die nächsten Generationen von Nahversorgungsimmobilien.

Der Projektentwickler RATISBONA Handelsimmobilien hat seit 2025 mehrere Lebensmittelmärkte in Holzbauweise realisiert, unter anderem in Creußen, Berne, Erfurt-Vieselbach, Untersteinach, Barsinghausen und Pahlen. Die RATISBONA.ECO.BAUWEISE kombiniert Holzständerkonstruktionen, Zellulosedämmung aus recyceltem Zeitungspapier, Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und Batteriespeicher.

Beim im Oktober 2025 eröffneten Projekt in Creußen wurden ein Netto-Markt und ein Markgrafen-Getränkemarkt vollständig aus Holz errichtet. Die Fassaden aus Weißtannenholz aus dem Bayerischen Wald binden laut Unternehmen mehr als 330 Tonnen CO₂ dauerhaft. Netto bezeichnet die Creußener Filiale als seinen bislang nachhaltigsten Standort und als Pilotprojekt für künftige Filialentwicklungen.

Der Netto-Markt in Berne entstand in Holzrahmenbauweise. Laut RATISBONA lassen sich dadurch rund 55 Prozent der CO₂-Emissionen beim Bau und 65 Prozent im Betrieb einsparen. Statt herkömmlicher Steinwolle kommt eine kreislauffähige und wiederverwendbare Zellulosedämmung zum Einsatz. Photovoltaik, Batteriespeicher und Wärmepumpe decken einen großen Teil des Energiebedarfs direkt am Standort.

Vom Rückbau bis zur Wildbienenhilfe

Hinter diesen Projekten steht das LOOP-Prinzip von RATISBONA, das sich am Cradle-to-Cradle-Design orientiert. Baustoffe sollen nach dem Rückbau wiederverwendet werden können, statt als Abfall zu enden. Die Zellulosedämmung lässt sich nach der Nutzung aus Gebäuden ausblasen und in neuen Märkten erneut einsetzen. Laut RATISBONA-CEO Sebastian Schels sieht auch die EDEKA/Netto-Leitlinie für zirkuläres Wirtschaften vor, Märkte so zu planen, dass ihre Baustoffe später wiederverwertbar sind.

Die neuen Märkte erfüllen den BEG-40-Standard. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Energieeffizienz von Gebäuden weiter: Die EU-Gebäuderichtlinie EPBD sieht vor, dass der Neubau von Nichtwohngebäuden ab 2028 stärker auf Nullenergiegebäude ausgerichtet wird.

Solche Standorte werden nicht nur als Verkaufsflächen gedacht, sondern als städtebauliche Ankerpunkte mit ökologischen Funktionen. Wildblumenwiesen, heimische Sträucher, klimaresistente Bäume, Wildbienennisthilfen und Sickermulden gehören zur Außengestaltung. In Berne entstanden rund 680 Quadratmeter Wildblumenwiese und 560 Quadratmeter Landschaftsrasen. In Creußen wurden Habitatzonen und Retentionsflächen für das Wassermanagement angelegt.

E-Ladepunkte gibt es durchgehend, teilweise mit Schnellladefunktion. Die Anlagen werden außerdem auf Fuß- und Radverkehr ausgerichtet; in Erfurt-Vieselbach wurde dafür eine neue Fuß- und Radwegeverbindung geschaffen. Kommunen und Bürgermeister begrüßen die Projekte überwiegend – wegen der gesicherten Nahversorgung, aber auch wegen ihrer architektonischen und ökologischen Wirkung.

Ganz ohne Reibung läuft der Wandel freilich nicht. Holzbauweise kann höhere Baukosten verursachen als konventionelle Bauweisen. Kürzere Bauzeiten und niedrigere Betriebskosten können diese Mehrkosten teilweise ausgleichen. RATISBONA gibt an, in 35 Jahren mehr als 1.200 Märkte realisiert zu haben, und positioniert sich als Marktführer bei der Entwicklung von Lebensmittelmärkten in Deutschland. Ob nachhaltige Handelsimmobilien tatsächlich zum Standard werden, hängt nun unter anderem von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und davon ab, ob weitere Projektentwickler und Handelsketten nachziehen.