Filialen & Standorte: In den USA ist Aldi längst mehr als ein europäischer Außenseiter. Rund 2.800 Märkte gibt es inzwischen in 40 Bundesstaaten, bis 2028 soll das Netz auf etwa 3.200 Standorte wachsen. Damit ist Aldi der drittgrößte Lebensmittelhändler der Vereinigten Staaten.

Wie stark die Marke vor Ort ankommt, zeigte sich bei der Eröffnung einer Filiale in Saint Paul, Minnesota. Einige Interessierte warteten bereits seit dem frühen Morgen. Der Markt liegt in einem Gebiet mit wenigen anderen Supermärkten, entsprechend groß war die Erleichterung über die neue Einkaufsmöglichkeit in der Nähe. Ein Kunde, der erstmals bei Aldi einkaufte, lobte die überschaubare Auswahl: Weniger Produkte bedeuteten für ihn auch weniger Kaufentscheidungen.

Weniger Regale, weniger Aufwand

Das Aldi-Prinzip ist schlicht und konsequent. Kleine Filialen, ein begrenztes Sortiment und rund 90 Prozent Eigenmarken drücken die Kosten. Kunden packen ihre Einkäufe selbst ein, für den Einkaufswagen wird ein Pfand verlangt. Was anfangs ungewohnt wirken kann, spart Personal und Zeit – und schafft Spielraum für niedrige Preise.

Hinter den kompakten Märkten steckt ein weitreichendes Effizienzsystem: hohe Warenumschlaggeschwindigkeit, wenig Personal, standardisierte Abläufe und ein hoher Eigenmarkenanteil. Weniger Regalfläche bedeutet auch weniger Aufwand bei Logistik, Bestandsmanagement, Beleuchtung, Kühlung, Reinigung und Bewirtschaftung. Aldi sucht für jede wichtige Warengruppe eine kostengünstige Lösung, häufig aus dem eigenen Sortiment.

Für die Kundschaft fühlt sich das oft angenehm unkompliziert an. Kurze Wege, ein schneller Einkauf, kein endloses Vergleichen vor einem Regal voller Marken. Die begrenzte Auswahl wird zunehmend als Zeitersparnis und Convenience wahrgenommen – nicht bloß als Einschränkung. Aldi muss dabei nicht bei jedem einzelnen Produkt der günstigste Anbieter sein. Entscheidend ist, dass der gesamte Warenkorb preiswert erscheint.

Inflation, Eigenmarken und „Aldi Finds“

Gerade angesichts der hohen Inflation spricht das Konzept preisbewusste US-Haushalte an. Kunden nennen häufig die niedrigen Preise, die Qualität der Eigenmarken sowie den schnellen und unkomplizierten Einkauf als Gründe für ihre Zufriedenheit. Einige berichten sogar, seit dem Wechsel zu Aldi deutlich zu sparen und andere Ketten wie Walmart nicht mehr zu nutzen.

Ganz reibungslos läuft der Einkauf allerdings nicht immer. Bestimmte Artikel sind zeitweise vergriffen, bei Obst und Gemüse schwankt die Frischequalität. Zu Stoßzeiten können die Märkte voll und teilweise eng werden. Trotzdem wird Aldi von vielen US-Kunden als preisbewusste Alternative mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis wahrgenommen.

Das Angebot ist längst nicht mehr nur auf billige Grundnahrungsmittel reduziert. Bio-Produkte, vegane Artikel und wechselnde Aktionsware – die sogenannten „Aldi Finds“ – erweitern Sortiment und Image. Virale „Aldi Hauls“ auf TikTok und YouTube tun ihr Übriges: Menschen zeigen ihre Einkäufe, entdecken neben Milch und Pasta überraschende Aktionsartikel und machen damit kostenlos Werbung für die Kette.

Vom Essener Discountpionier zum US-Faktor

Gegründet wurde Aldi 1946 von Karl und Theo Albrecht in Essen. Der Name steht für „Albrecht Discount“. 1960 teilten die Brüder das Unternehmen auf: Aldi Nord blieb unter Theo Albrecht, Aldi Süd unter Karl Albrecht. Beide Unternehmen arbeiten bis heute unabhängig voneinander und nutzen international unterschiedliche Markengebiete.

Aldi gilt als Pionier des modernen Discountprinzips: ein kleines Sortiment günstiger Produkte, um Kosten zu reduzieren. Zahlreiche Handelsketten weltweit übernahmen Elemente dieses Konzepts. Aktiv ist Aldi unter anderem in den USA, Großbritannien, Australien und großen Teilen Europas. In den USA gehört Aldi Süd außerdem die Kette Trader Joe’s.

Ein wichtiger Wachstumsschub kam durch die Übernahme von Southeastern Grocers mit den Ketten Winn-Dixie und Harveys. Dadurch kann Aldi bestehende Filialen in Aldi-Märkte umwandeln, statt überall bei null anfangen zu müssen. Das beschleunigt die Expansion – bringt aber auch neue Anforderungen an Logistik und Lieferketten mit sich.

Warum Aldi vor Lidl liegt

Auch Lidl setzt auf ein schlankes Sortiment, viele Eigenmarken, effiziente Filialorganisation und ein klares Preisversprechen. In den USA entwickelte Lidl bislang jedoch nicht dieselbe Dynamik. Der Händler verband sein Discountmodell stärker mit Elementen klassischer Supermärkte: größere Verkaufsflächen, ein breiteres Sortiment und eine stärkere Präsentation der Waren. Das kann attraktiv sein, erhöht aber die betriebliche Komplexität.

Aldi entwickelte sein US-Modell dagegen über Jahrzehnte entlang einer nüchternen Frage: Welche Leistungen benötigen Kunden wirklich – und auf welchen Aufwand kann man verzichten? Traditionelle US-Händler arbeiten häufig mit größeren Märkten, mehr Personal, einem breiteren Markenangebot und komplexeren Verkaufsprozessen. Aldi setzt dem kleine Märkte, standardisierte Abläufe und möglichst wenig unnötige Bewegung in der Wertschöpfungskette entgegen.

Inzwischen wird Aldi in den USA als eigenständiges Einkaufskonzept wahrgenommen, nicht nur als Anbieter günstiger Lebensmittel. Erwartet werden kleine Filialen, viele Eigenmarken, ein rascher Einkauf und regelmäßig wechselnde Produkte. Das verlässliche Grundangebot und die Aktionsware gehören zusammen – ein bisschen Routine, ein bisschen Überraschung.

Mit dem weiteren Wachstum steigen allerdings die Aufgaben. Mehr Filialen erhöhen die Anforderungen an die Logistik, mehr Kunden belasten die Lieferketten, und größere Marktanteile machen Aldi für etablierte Wettbewerber sichtbarer. Der US-Lebensmittelhandel dürfte deshalb stärker auf das Discountmodell reagieren. Aldi hat sich vom Außenseiter zu einem etablierten Bestandteil des amerikanischen Lebensmittelhandels entwickelt, während Lidl sein europäisches Geschäftsmodell für den US-Markt noch konsequenter profilieren muss.

Der entscheidende Vorteil liegt dabei nicht allein im niedrigsten Einzelpreis. Es ist das Zusammenspiel aus kleinen Märkten, Eigenmarken, wenig Personal, kurzen Wegen und einem Einkauf, der am Ende des Tages einfach günstiger wirkt. Dazwischen klappert der Einkaufswagen, irgendwo raschelt eine Tüte – und vor der Kasse ist man schon wieder draußen.