Alnatura zieht erstmals dauerhaft in rund 500 Netto-Filialen ein
Netto und die Bio-Marke Alnatura gehen erstmals gemeinsame Wege. Seit Mitte Oktober 2026 stehen rund 80 Alnatura-Produkte dauerhaft in etwa 500 Netto-Filialen in Bayern und Baden-Württemberg. Das ist zunächst ein kleiner Ausschnitt aus dem deutschen Netto-Netz mit rund 4.400 Standorten – eine Ausweitung auf weitere Regionen ist aber geplant.
In Berlin und Umgebung läuft der Versuch schon seit August 2026: Dort bieten rund 260 Netto-Filialen das Sortiment an. Für Kundinnen und Kunden bedeutet das vor allem haltbare Bio-Ware für den Vorratsschrank: Reis, Nudeln, Haferflocken, Tomatenstücke, Schokolade, Müsliriegel, Cerealien und Öle gehören dazu. Auch pflanzliche Kochalternativen sowie weitere Produkte aus den Bereichen Grundnahrungsmittel, Frühstück, Snacks, Süßwaren, Kochzutaten und Öle sind vorgesehen.
Alnatura ergänzt Biobio
Die neue Auswahl ersetzt Nettos bestehende Bio-Eigenmarke „Biobio“ nicht. Sie kommt obendrauf. Biobio umfasst bereits mehr als 500 dauerhaft verfügbare Lebensmittel. Im Ranking der Statista Consumer Insights war Alnatura 2025 die drittstärkste Biomarke in Deutschland – hinter Rewe Bio und Edeka Bio. Biobio belegte Platz sieben.
Netto-Managerin Christina Stylianou erklärte, Alnatura erweitere die Bio-Auswahl um eine bekannte deutsche Marke. Netto arbeitet im Frischebereich außerdem mit den Bio-Anbauverbänden Biokreis und Naturland zusammen; Teile der Biobio-Eigenmarke tragen ebenfalls deren Siegel.
Für Alnatura ist der Schritt ein Einschnitt. Das Unternehmen war bislang in deutschen Discountern weitgehend nicht vertreten. Die Listung bei Netto soll die Verfügbarkeit ausweiten, gerade in Regionen, in denen der Weg zum nächsten Alnatura-Markt bisher länger ausfiel. Nach Angaben des Unternehmens kam die Initiative auch auf Wunsch von Edeka zustande.
Testlauf mit offenem Ausgang
Die Kooperation ist zunächst als zeitlich befristeter Testlauf im Raum Berlin angelegt. Netto bezeichnet sie als Auftakt für eine mögliche langfristige Erweiterung des Bio-Sortiments in Berlin. Ob weitere Regionen folgen, hängt vom Ergebnis dieses Tests ab. In Bayern und Baden-Württemberg ist die Aufnahme seit Mitte Oktober bereits dauerhaft angelegt; wie schnell das Angebot darüber hinaus wächst, bleibt offen.
Alnatura arbeitet seit 2015 mit Edeka zusammen und hat sich kürzlich auch mit Rewe auf eine Listung verständigt. Die Zusammenarbeit mit Netto öffnet die Marke nun gegenüber dem Discount-Markt. Mitte 2023 hatte Alnatura mit „Prima Alnatura“ außerdem eine preisgünstige Einstiegsmarke exklusiv in den eigenen Filialen eingeführt. Im März 2026 senkte das Unternehmen die Preise zahlreicher Prima-Produkte auf das frühere Preisniveau beim ehemaligen Partner dm.
Die Geschichte hinter dieser Vertriebsstrategie ist nicht ganz reibungslos. 2014 nahm dm nach der Entscheidung für eine eigene Bio-Handelsmarke zahlreiche Alnatura-Produkte aus dem Sortiment. Hintergrund war ein Streit zwischen den miteinander verschwägerten Gründern Götz Werner von dm und Götz Rehn von Alnatura. Ein seit den 1980er-Jahren bestehender Kooperationsvertrag gab dm unter anderem Mitspracherechte bei neuen Vertriebspartnern. Nachdem dm viele Produkte ausgelistet hatte, betrachtete sich Alnatura nicht mehr an den Vertrag gebunden.
Es folgten Gerichtsverfahren: dm klagte vor dem Landgericht Darmstadt, legte nach einem für Alnatura positiven Urteil Revision ein und forderte insgesamt sechs Millionen Euro. Zwei Millionen Euro hatte dm 2014 einbehalten, obwohl Alnatura die Waren bereits geliefert hatte. Im Februar 2019 entschied das Oberlandesgericht Frankfurt am Main, dass die Kündigung des Kooperationsvertrags durch Alnatura 2014 wirksam war; Alnatura erhielt wegen der offenen Rechnung Recht. Ein weiterer Streit um die Markenrechte an „Alnatura“, den Werner von Rehn verlangte, endete 2017 einvernehmlich, nachdem das Landgericht Frankfurt die Klage zunächst abgewiesen hatte und Werner in Berufung gegangen war.
Vom Beratungsunternehmen zur Bio-Marke
Gegründet wurde Alnatura 1984 von Götz Rehn in Fulda – zunächst als Beratungsunternehmen unter dem Namen „Konzeption und Vertrieb natürlicher Lebensmittel Dr. Rehn“. 1985 ließ er „Alnatura“ als Wort- und Bildmarke eintragen. Der Name leitet sich vom italienischen „All’ Natura“, also „Mit der Natur“, ab.
Ein Jahr später begann der Verkauf von Bio-Produkten bei tegut und dm, zunächst als Shop-in-Shop-Angebot. Im Oktober 1987 öffnete in Mannheim der erste Alnatura Super Natur Markt. 1989 zog das Unternehmen von Fulda nach Bickenbach, seit Januar 2019 liegt der Sitz in Darmstadt. Das Schwesterunternehmen Alnavit kam 2000 hinzu; es ist auf glutenfreie sowie teilweise laktosefreie und vegane Bio-Lebensmittel spezialisiert.
Auch baulich setzt Alnatura eigene Akzente. 2010 nahm das Unternehmen das Verteilzentrum in Lorsch in Betrieb, ein weltweit als größtes Hochregallager aus Holz geltendes Lager. Schafe pflegen dort die Grünflächen. Auf dem Gelände der ehemaligen Kelley Barracks in Darmstadt begann 2016 der Bau des Alnatura Campus. Das Gebäude gilt als europaweit größtes Bürogebäude mit Außenfassaden aus Lehm.
Rehn steht anthroposophischen Konzepten nahe. Das Alnatura Magazin veröffentlichte 2010 eine Serie zur anthroposophischen Medizin und 2011 die Sonderbeilage „Anthroposophische Perspektiven“. Seit 2015 fördert die Alnatura Bio-Bauern-Initiative gemeinsam mit dem NABU die Umstellung konventioneller Höfe auf Biolandbau.
Filialen, Lieferdienste und neue Wege
Nach dem Bruch mit dm baute Alnatura die eigenen Filialen aus und gewann neue Handelspartner wie Müller, tegut, Edeka, Famila, Globus, Hit und Rossmann. Dazu kamen Kooperationen im Ausland. Im November 2022 eröffnete in Karlsruhe die 150. Filiale; anschließend wuchs das Netz auf 153 Filialen in 74 Städten. Zum heutigen Standortbild gehören außerdem Partner im Onlinehandel: Von 2015 bis 2020 wurden Alnatura-Produkte über den eigenen Onlineshop gemeinsam mit Gourmondo Food in 19 Länder geliefert. Anfang 2020 wurde dieser Shop eingestellt.
2022 kooperierte Alnatura online unter anderem mit bringmeister.de, knuspr.de, gurkerl.at, kifli.hu, rohlik.cz, sezamo.ro, houra.fr, Greenstories und Picnic. Gemeinsam mit dem Schweizer E-Commerce-Unternehmen Farmy startete das Unternehmen außerdem erneut einen eigenen Liefer- und Abholdienst. Alnatura-Mitarbeiter packten die Bestellungen und lieferten sie in Elektrofahrzeugen aus; Farmy nahm im Gegenzug mehrere Hundert Alnatura-Produkte ins Sortiment auf. Zum 30. September 2024 wurde dieser Dienst in Berlin, Frankfurt und Potsdam eingestellt.
Seit März 2023 sind zahlreiche Produkte auch über Flaschenpost erhältlich. Seit Juli 2024 kooperiert Alnatura mit der Schweizer Markant-Gruppe, 2024 begann zudem eine Zusammenarbeit mit dem Lieferdienst Wolt in Berlin und Hamburg. Das Sortiment selbst wurde ebenfalls erweitert: Im November 2021 nahm Alnatura Rindfleisch aus Weideschlachtung auf. Bereits im September 2016 waren die ersten Eier der Alnatura-Bruderküken-Initiative ausgeliefert worden. Ziel ist, nur Eier von Hennen anzubieten, deren männliche Geschwister als Masthähnchen aufgezogen und nicht als Küken getötet werden.
Seit 2021 ist Alnatura nach dem Nachhaltigkeitsstandard „We Care“ des Forschungsinstituts für biologischen Landbau zertifiziert. Im Oktober 2019 listeten Alnatura und weitere deutsche Bio-Märkte Hirseprodukte der Spreewälder Hirsemühle aus, nachdem bekannt geworden war, dass deren Inhaber AfD-Politiker ist.
Arbeitswelt und Anerkennung
Nach kritischer Berichterstattung über untertarifliche Löhne kündigte Alnatura im Juli 2010 an, ab Oktober 2010 allen Beschäftigten mindestens Tariflohn zu zahlen. Götz Rehn verwies zuvor auf freiwillige Leistungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld, vermögenswirksame Leistungen, Altersvorsorgebeiträge und Wertschöpfungsbeteiligung. Im Oktober 2024 erhöhte Alnatura den internen Mindestlohn auf 14,50 Euro.
Bei den Betriebsräten war die Entwicklung zäher. Zunächst gab es unter mehr als 110 Filialen nur in Freiburg im Breisgau einen Betriebsrat. Ein zweiter hätte die Bildung eines Gesamtbetriebsrats ermöglicht. Verdi-Landesleiter Hubert Thiermeyer kritisierte 2015 die sozialen Standards. In einer Bremer Filiale versuchte ein Teil der Belegschaft, einen zweiten Betriebsrat zu wählen; die Geschäftsleitung widersetzte sich. Fünf Beschäftigte erwirkten im Februar 2016 beim Arbeitsgericht die Einsetzung eines Wahlvorstands.
Das Landesarbeitsgericht Bremen wies eine Beschwerde von Alnatura im November 2016 zurück, anschließend legte das Unternehmen beim Bundesarbeitsgericht Rechtsmittel ein. In der zweiten Jahreshälfte 2016 wurde die Belegschaft der Bremer Filiale Faulenstraße auf 20 Beschäftigte reduziert – laut Alnatura aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Dadurch sank der Anspruch auf einen Betriebsrat mit nur noch einem Mitglied. Im Februar 2019 verwies das Bundesarbeitsgericht den Fall an das Bremer Arbeitsgericht zurück. Am 18. April 2024 wurde in Kaiserslautern der zweite Betriebsrat nach Freiburg gewählt.
Auszeichnungen gab es ebenfalls reichlich: 2009 und 2010 gehörte Alnatura jeweils zu den drei nachhaltigsten Unternehmen Deutschlands beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis. 2011 folgten der erste Platz als „Pionier der Bio-Einzelhandelsmärkte“ und der Titel „Deutschlands nachhaltigstes Unternehmen“. 2016 wurde Alnatura als Deutschlands nachhaltigstes mittelgroßes Unternehmen ausgezeichnet. 2019 folgte die Nominierung für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur; Ende November 2019 nahm Götz Rehn die Auszeichnung für die nachhaltige Gestaltung des Unternehmensgebäudes entgegen.
2021 erhielt Rehn den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie Lebenswerk. 2019 und 2022 gewann Alnatura den New Work Award und wurde als beste Bio-Marke in der Kategorie „Food & Beverages“ ausgezeichnet. 2024 kamen der Deutsche Nachhaltigkeitspreis Unternehmen, der Deutsche Nachhaltigkeitspreis im Transformationsfeld Natur und der Sustainable Impact Award hinzu. 2025 folgten die Auszeichnung als beste Bio-Marke in der Kategorie „GenZ Food & Beverages“, der GEM Markenaward für Götz Rehn, erste Plätze im Kundenmonitor 2025, 2024, 2023 und 2022, der Fruchthandel Magazin Retail Award sowie der ECR Award für den EUDR Best Practice Standard. 2026 erhielt Alnatura schließlich das „Goldene Brandeisen“ in der Kategorie Unternehmen.
