Bäckerei Lampe kämpft sich mit 15 Filialschließungen durch die Sanierung
Für die Bäckerei Lampe aus Roßleben-Wiehe geht es um weit mehr als um einzelne Verkaufsstellen. Das Familienunternehmen, dessen Geschichte bis 1879 zurückreicht, befindet sich nach einer Insolvenz in einem umfassenden Sanierungsprozess. Damals gründete Albert Hermann Lampe in Obhausen bei Querfurt eine Bäckerei. Heute führen die Brüder André und Stephan Lampe den Betrieb in sechster Generation.
Vor etwa vier Monaten meldete Lampe Insolvenz an. Betroffen sind rund 280 Beschäftigte und 44 Filialen in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Das Amtsgericht Mühlhausen prüft die wirtschaftliche Lage. Trotzdem läuft der Alltag zunächst weiter: Produktion, Cafés und Verkaufsstellen bleiben geöffnet, auch der Hauptstandort in Roßleben-Wiehe arbeitet. Brot, Brötchen, Kuchen und weitere Backwaren werden weiterhin gebacken und verkauft.
15 Filialen fallen weg
Bei einer Gläubigerversammlung wurde die Fortführung des Geschäftsbetriebs einstimmig unterstützt. Auch die weitere Ausarbeitung des Insolvenzplans ist genehmigt. Der Einschnitt fällt dennoch kräftig aus: Von ursprünglich 44 Filialen sollen insgesamt 15 verschwinden. Drei Standorte wurden bereits geschlossen, zwölf weitere Schließungen sind geplant. Übrig bleiben sollen 29 Filialen – damit mehr als ein Drittel des bisherigen Netzes.
Eine Schließungsliste war zunächst nicht veröffentlicht. Geprüft wird jede Verkaufsstelle nach Umsatz, Kosten, Lage, Kundenfrequenz, Mietvertrag und Zukunftsperspektive. Auch Zusammenlegungen oder kleinere Verkaufsflächen sind möglich. In Halle betreibt Lampe nach den vorliegenden Angaben mehrere Filialen; Schwerpunkte des Netzes liegen in Sachsen-Anhalt und Sachsen, weitere Standorte gibt es in Thüringen.
Das große Netz ermöglicht zwar eine zentrale Organisation von Produktion, Einkauf, Werbung und Verwaltung. Gleichzeitig entstehen hohe Logistik- und Personalkosten. Die einzelnen Filialen sind zudem sehr unterschiedlich ausgelastet. Wenige Wochen vor Bekanntgabe des Sanierungsverfahrens wurde nach Medienberichten sogar noch eine weitere Filiale eröffnet. Zu Finanzierung und Hintergründen ist bislang nichts veröffentlicht.
Hohe Kosten, vorsichtige Kundschaft
Die Gründe für die Schieflage liegen auf mehreren Ebenen: Energiepreise, Rohstoffe und Personal sind teurer geworden. Dazu kommen höhere Sozialabgaben, Transportkosten, Mieten, Wartung und der laufende Betrieb der Filialen. Verkaufspreise lassen sich nicht beliebig erhöhen, weil Kunden auf günstigere Backwaren von Supermärkten und Discountern ausweichen können.
Und dann ist da die allgemeine Kaufzurückhaltung. Kaffee, belegte Brötchen, Kuchen – manches bleibt liegen, wenn das Geld knapper sitzt. Lampe konkurriert außerdem nicht nur mit anderen Handwerksbäckern, sondern auch mit Tankstellen, Backshops, Lebensmittelmärkten und gastronomischen Ketten. Die gesamte Bäckereibranche steht bundesweit wegen hoher Kosten und industrieller Anbieter unter Druck.
Durch die Schließungen sollen vor allem Miet-, Personal- und sonstige Betriebskosten sinken. Zahlreiche Arbeitsplätze sind bereits weggefallen. Bis zum Abschluss der Sanierung sollen etwa 40 weitere Stellen abgebaut werden, rund 150 Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben. Betroffen sind unter anderem Verkaufspersonal, Bäcker, Konditoren, Fahrer, Reinigungskräfte, Verwaltungsmitarbeiter und Beschäftigte in der Produktion.
2016 hatte die Bäckerei nach Medienberichten 31 Filialen der insolventen Kette „Der Stadtbäcker“ in Sachsen-Anhalt übernommen. Ob dieses Wachstum zur heutigen Krise beigetragen hat, bestätigte das Unternehmen nicht. Im Verfahren dürfte allerdings geprüft werden, ob die aktuelle Unternehmensgröße tragfähig ist.
Sanierung unter Aufsicht
Das Verfahren läuft in Eigenverwaltung. Die bisherige Geschäftsführung bleibt grundsätzlich verantwortlich, wird aber gerichtlich überwacht. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Frank Kreuznacht bestellt. Während des Insolvenzgeldzeitraums ist das Unternehmen teilweise von Personalkosten entlastet. Löhne und Gehälter waren zunächst bis Ende Juli über Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit abgesichert. Wie die Vergütung danach finanziert wird, hängt vom weiteren Verlauf und von der Stabilisierung des Betriebs ab.
Geschäftsführer und Bäckermeister André Lampe erklärte, das Verfahren habe zunächst keine Auswirkungen auf das Tagesgeschäft. Die Rohstoffversorgung sei gesichert; der Hauptlieferant BÄKO beliefere das Unternehmen weiter. In den Backstuben können also weiterhin Teiglinge verarbeitet, Bleche eingeschoben und die Filialen beliefert werden – vorerst.
Geprüft werden Verträge, Finanzierung, Kostenstrukturen und betriebliche Abläufe ebenso wie das Filialnetz. Insolvenzverwalter Frank Kreuznacht zufolge hat sich die wirtschaftliche Lage während des Verfahrens verbessert und stabilisiert. Die bisherigen Einsparungen hätten die Rentabilität spürbar erhöht. Gespräche mit den Gläubigern über eine Verringerung der Schuldenlast laufen.
Das Ziel: Lampe soll langfristig wieder profitabel werden und den Geschäftsbetrieb fortführen. Kreuznacht bezeichnet die Aussichten auf eine erfolgreiche Sanierung als sehr aussichtsreich. Das Unternehmen möchte möglichst im Herbst 2026 saniert aus dem Verfahren gehen. Dafür müssen Gläubiger, Gericht, Geschäftsführung und Insolvenzverwalter eine tragfähige Lösung vereinbaren. Denkbar sind neue Finanzierungen, angepasste Mietverträge, weitere Kostensenkungen, Veränderungen im Filialnetz und eine stärkere Konzentration auf rentable Standorte. Ein Investor oder strategischer Partner wäre grundsätzlich möglich, eine konkrete Investorensuche wurde bislang aber nicht bestätigt.
Hilfe in der Krise – und offene Fragen
André Lampe sagte, das Land Thüringen und regionale Finanzierungspartner hätten das Unternehmen während der Corona-Pandemie und der Energiekrise unterstützt. Welche Förderungen, Kredite oder Bürgschaften gewährt wurden, ist nicht bekannt. Einen Beleg für verletzte Förderbedingungen oder verlorene öffentliche Gelder gibt es bisher nicht.
Die Fortführung aller Filialen und die vorläufige Lohnabsicherung bedeuten noch keinen erfolgreichen Abschluss der Sanierung. Entscheidend wird sein, ob Lampe nach Ende des Insolvenzgeldzeitraums die laufenden Kosten aus eigener Kraft decken kann. Stabile Umsätze und die weitere Unterstützung der Kundschaft sind dafür wichtig.
Für Kunden besteht beim normalen Kauf von Backwaren kaum ein besonderes Risiko. Wer Gutscheine kauft, Vorauszahlungen leistet oder langfristige Bestellungen aufgibt, sollte direkt in der Filiale nachfragen. Gerade in kleineren Orten geht es bei einer Bäckerei schließlich nicht nur um die Tüte mit Brötchen: Verkaufsstellen sind oft Treffpunkt und Nahversorgung zugleich. Mögliche Schließungen könnten deshalb neben Beschäftigten und Eigentümern auch Kommunen und Nachbarschaften treffen.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob sich das Unternehmen mit seinem Filialnetz, seiner Marke und seiner Kundschaft wirtschaftlich erhalten lässt. Bis dahin bleiben in den geöffneten Läden die Türen auf, die Auslagen gefüllt – und hinter den Kulissen wird weiter gerechnet.
