In der Jüdenstraße in Weißenfels bleibt die Bäckerei- und Café-Filiale Lampe nur noch bis zum 30. November 2026 geöffnet. Danach ist Schluss. Für die Innenstadt ist das ein weiterer Verlust: In diesem Jahr haben sich dort bereits drei weitere Einzelhändler verabschiedet.

Und noch bevor die Tür endgültig geschlossen wird, müssen sich Kundinnen und Kunden auf Veränderungen einstellen. Welche konkreten Änderungen vor dem 30. November greifen, wird im vorliegenden Textausschnitt nicht näher ausgeführt. Auch Gründe für die Schließung der Weißenfelser Filiale werden dort nicht genannt.

15 Filialen sollen verschwinden

Die Weißenfelser Schließung steht im Zusammenhang mit dem weit größeren Umbau der insolventen Traditionsbäckerei Lampe aus Roßleben-Wiehe in Thüringen. Von ursprünglich 44 Filialen sollen 15 aufgegeben werden. Drei Standorte sind bereits geschlossen, zwölf weitere sollen folgen. Rechnerisch blieben damit 29 Filialen in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Welche zusätzlichen Standorte betroffen sind, ist allerdings noch nicht vollständig bekannt.

Zu Beginn des Insolvenzverfahrens beschäftigte Lampe rund 280 Menschen. Langfristig sollen nach der Sanierung etwa 150 Arbeitsplätze erhalten bleiben. Bis zum Abschluss der Restrukturierung ist laut Insolvenzverwalter Dr. Frank Kreuznacht außerdem der Abbau von rund 40 weiteren Beschäftigungsverhältnissen vorgesehen. Für Beschäftigte und Kunden bleibt damit offen, welche Filialen am Ende tatsächlich weiterbestehen.

Das Unternehmen hatte vor etwa vier Monaten Insolvenz angemeldet. Bei der Gläubigerversammlung am 20. Oktober 2026 stimmten die Gläubiger einstimmig dafür, den Betrieb fortzuführen und den Insolvenzplan weiter auszuarbeiten. Eine endgültige Rettung ist damit aber noch nicht beschlossen. Der Plan muss fertiggestellt und erfolgreich umgesetzt werden. Entscheidend wird sein, ob die verbleibenden Filialen genügend Umsatz erzielen und ihre Kosten dauerhaft decken können.

Weniger Standorte, weniger Kosten

Lampe wird von den Brüdern André und Stephan Lampe in sechster Generation geführt und besteht seit 147 Jahren. Durch die Schließung unrentabler Filialen sollen Miet-, Personal- und weitere Betriebskosten sinken. Zusätzlich verhandelt das Unternehmen mit den Gläubigern über eine Reduzierung der Schuldenlast.

Insolvenzverwalter Dr. Frank Kreuznacht berichtet von einer verbesserten Rentabilität und einer stabileren Geschäftslage. Als Belastungen nennt die Bäckerei die hohen Energie-, Rohstoff- und Personalkosten sowie den Wettbewerb durch preisgünstige Backwaren von Discountern. Das klingt trocken, spürt man aber spätestens an der Kasse und in den Backstuben: Öfen laufen, Kühlanlagen brummen, Personal wird gebraucht – auch dann, wenn weniger Kundschaft Brot und Brötchen mitnimmt.

Eine Branche unter Druck

Die Zahlen des Reports von insolvenzkarte.de, veröffentlicht am 20. Mai 2026 und aktualisiert am 4. September 2026, zeigen, dass Lampe kein Einzelfall ist. Ende 2025 gab es in Deutschland 8.659 Meisterbäckereien, 2,8 Prozent weniger als im Vorjahr. 2014 waren es noch 12.611 Betriebe. Innerhalb von elf Jahren verschwanden damit mehr als 3.900. Zum Vergleich: 2018 wurden 10.925 Bäckereien gezählt, 2021 waren es 9.965, 2023 9.242 und 2024 8.912. In den 1990er-Jahren existierten sogar noch mehr als 55.000 Bäckereien.

Die verbliebenen Betriebe betreiben rund 35.000 Filialen beziehungsweise 43.500 Verkaufsstellen. Ende 2025 arbeiteten dort rund 232.000 Menschen, 1,4 Prozent weniger als im Vorjahr. 2014 waren es 277.200 Beschäftigte – rund 45.000 Stellen gingen seitdem verloren. Nachwuchs gibt es zwar: 2025 wurden 11.389 Auszubildende gezählt, darunter 4.593 im Bäckerberuf und 6.668 im Fachverkauf. 2014 waren es allerdings noch 20.540 Auszubildende. Immerhin machten sich 2025 448 Bäckermeisterinnen und -meister selbstständig, nach 405 im Jahr 2024.

Der Branchenumsatz stieg 2025 um 1,3 Prozent auf 18,14 Milliarden Euro. Das reicht vielen Betrieben trotzdem nicht, wenn an anderer Stelle die Kosten davonlaufen. Der Anteil von Strom- und Gaskosten am Umsatz stieg von etwa 3 Prozent vor 2020 auf teils über 15 Prozent nach der Energiepreiskrise 2022. Einzelne Bäckereien berichteten von bis zu siebenfach höheren Gasrechnungen. Die Betriebsergebnisse niedersächsischer Bäckereien sanken 2022 durchschnittlich um rund 27 Prozent, obwohl die Umsätze stiegen.

Rund 55 Prozent der Energiekosten entstehen in der Produktion, 35 Prozent im Vertrieb und 10 Prozent in der Verwaltung. Backöfen und Kälteanlagen zählen zu den größten Energieverbrauchern. Weizenmehl kostete Betriebe 2022 teilweise bis zu 55 Prozent mehr als im Vorjahr; auch Hefe, Zucker und Salz verteuerten sich. Im Juni 2026 war Getreide dann 7,7 Prozent günstiger als ein Jahr zuvor, pflanzliche Agrarerzeugnisse insgesamt 6,5 Prozent. Der Kostendruck liegt 2026 laut dem Report daher vor allem bei Personal und Löhnen.

In personalintensiven Betrieben machen die Lohnkosten mehr als 50 Prozent des Umsatzes aus. Der gesetzliche Mindestlohn stieg im Januar 2026 auf 13,90 Euro und soll 2027 auf 14,60 Euro steigen. 86 Prozent der Beschäftigten berichteten von ständigem Zeitdruck und Personalmangel. Fehlen Leute, werden Öffnungszeiten kürzer – oder Filialen machen ganz zu. In Weißenfels wird das nun konkret.

Insolvenzen und weniger Brot im Einkaufskorb

2023 wurden 86 Insolvenzverfahren in der Backwarenherstellung eröffnet, sieben Verfahren wurden mangels Masse abgewiesen. Die Unternehmensinsolvenzen in der Backwarenherstellung stiegen 2024 um 16,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bundesweit gab es 2024 rund 22.400 Unternehmensinsolvenzen, 24,3 Prozent mehr als 2023 und den höchsten Stand seit 2015. 2025 wurden 24.064 Unternehmensinsolvenzen registriert – 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Stand seit 2014.

Von Januar bis Mai 2026 wurden 10.546 Unternehmensinsolvenzen beantragt, 4,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Im ersten Quartal 2026 waren es 6.275 Fälle, 6,5 Prozent mehr als im ersten Quartal 2025. In der verwendeten Datenbank wurden bis zum 4. September 2026 insgesamt 21 eröffnete Firmeninsolvenzen von Bäckereien, Konditoreien und Backwarenbetrieben erfasst. Die Datenbank zählte 2020 elf, 2021 sieben, 2022 fünfzehn, 2023 vierundzwanzig, 2024 fünfundzwanzig und 2025 ebenfalls fünfundzwanzig Verfahren – insgesamt 128 seit 2020. In den zwölf Monaten bis zum Stichtag wurden 34 Fälle gezählt.

Die Auswertung umfasst ausschließlich eröffnete Firmeninsolvenzen von Kapitalgesellschaften. Einzelunternehmen und stille Betriebsaufgaben sind nicht enthalten. Auch bei Ketteninsolvenzen werden einzelne Gesellschaften und Standorte häufig zeitversetzt in separaten Verfahren erfasst.

Die Beispiele reichen von Lila Bäcker, das am 1. Februar 2025 die letzten 160 Filialen und die Produktion in Pasewalk schloss. Rund 900 Beschäftigte verloren ihre Arbeitsplätze; ursprünglich hatte die Kette 232 Standorte und etwa 1.600 Beschäftigte. Rackls Backstubn meldete im Dezember 2025 Insolvenz an. Die Münchner Bäckerei betreibt 35 Filialen mit rund 470 Beschäftigten, das Verfahren wurde am 1. Dezember 2025 in Eigenverwaltung eröffnet. Hansen Mürwik aus Flensburg stellte am 20. November 2025 Insolvenzantrag; betroffen waren elf Standorte und 145 Beschäftigte. Als Gründe wurden dort hohe Modernisierungs-, Energie- und Personalkosten genannt.

Die Bäckerei Lampe aus Roßleben-Wiehe ging im Juni 2026 vorläufig in Insolvenz – mit 44 Filialen und rund 280 Beschäftigten. Die Bäckerei Kayser aus Neuenrade schloss im März 2026 nach der zweiten Insolvenz innerhalb von zwei Jahren alle 14 Filialen; 120 Arbeitsplätze gingen verloren. Auch die ostdeutsche Großbäckerei Sternenbäck wird als insolventer Filialist genannt.

Währenddessen kaufen Haushalte weniger Brot. Von 2019 bis 2023 verteuerten sich Brot und Brötchen um 34,4 Prozent, die allgemeine Inflation lag im selben Zeitraum bei 17,3 Prozent. 2024 kauften Haushalte rund 10 Prozent weniger Brot als 2019, durchschnittlich 4,3 Kilogramm weniger pro Haushalt. Von April 2025 bis März 2026 waren es pro Haushalt rund 2,5 Kilogramm weniger als im Vergleichszeitraum vier Jahre zuvor.

Für 2025 wurde ein Pro-Kopf-Verbrauch von 106,19 Kilogramm Brot- und Getreideprodukten angegeben, davon 61,13 Kilogramm Brot. Für 2026 wurde ein Absatzplus von 0,9 Prozent erwartet. Discounter hielten rund 47,5 Prozent des Brotmarkts im Einzelhandel; der Markt für Brot und Aufbackwaren im Einzelhandel wurde mit rund 3,7 Milliarden Euro angegeben. Selbstbedienungsstationen und Backautomaten treten dabei immer stärker gegen klassische Bedientheken an.

So steht die Filiale in der Jüdenstraße zugleich für einen lokalen Einschnitt und für eine Entwicklung, die weit über Weißenfels hinausreicht. Der Ofen läuft in vielen Betrieben noch, der Umsatz ist nicht völlig weg – aber zwischen steigenden Löhnen, Fachkräftemangel, verändertem Kaufverhalten, sinkendem Brotkonsum und günstiger Konkurrenz wird die Luft dünner. Am 30. November 2026 geht in der Jüdenstraße jedenfalls das Licht aus.