Am Samstag, dem 31. Oktober 2026, soll es in mehr als 30 deutschen Städten laut werden: Unter dem Motto „Gen Z regelt“ beziehungsweise „Gen Z steht auf“ sind Demonstrationen angekündigt. Erwartet werden vor allem junge Menschen, allein in Berlin ist eine Versammlung mit 10.000 Teilnehmern angemeldet. Auf der Website der Initiative haben sich bundesweit mehr als 150.000 Menschen angekündigt.

Im Mittelpunkt stehen marode Schulen, mehr Geld für Bildung, der Klimawandel und konsequenter Klimaschutz. Dazu kommen Sozialkürzungen, hohe Lebenshaltungskosten und der Wunsch nach einem „bezahlbaren Leben“, die Ablehnung der Wehrpflicht, mehr Mitsprache junger Menschen sowie weniger Überwachung und ein stärkerer Schutz der Grundrechte. Gefordert werden außerdem mehr Geld für Suchthilfe und Psychotherapie statt Kürzungen sowie eine gerechte Verteilung der Lasten.

Eine digitale Bewegung mit offenen Fragen

Wer genau hinter „Gen Z regelt“ steckt, ist nicht vollständig klar. Die Mobilisierung läuft unter anderem über TikTok, Instagram und Telegram. Das Impressum der Website wurde innerhalb einer Woche zweimal geändert und wies zuletzt eine Schweizer Adresse aus. Die Bundesschülerkonferenz distanzierte sich wegen der aus ihrer Sicht unklaren Organisationsstruktur.

Der Bundessprecher von „Gen Z regelt“ trat laut „Süddeutscher Zeitung“ zurück. Er begründete das mit der großen Zahl beteiligter Akteure und damit, dass die gemeinsame friedliche Ausrichtung aus seiner Sicht nicht mehr ausreichend gesichert sei. Protestforscher Jannis Julien Grimm von der Freien Universität Berlin hält lose, digital vernetzte Strukturen für typisch in frühen Phasen von Protestbewegungen. Feste Sprecherrollen und ein ausgearbeitetes Programm entstünden oft erst später – als Beispiel nennt er Fridays for Future.

Die Initiative erklärt sich solidarisch mit Schülerprotesten in Frankreich und betont auf ihrer Website, der Protest sei ausnahmslos friedlich. Gewalt gegen Menschen oder Sachen widerspreche den Zielen der Bewegung. Auf einem Instagram-Konto mit dem Namen „genzregelt“ erschien allerdings ein Beitrag, der die mögliche Enteignung eines Gucci-Geschäfts relativierte und vor einer Trennung in friedliche und gewaltbereite Demonstrierende warnte.

„Gen Z“ ist zudem keine eindeutig abgegrenzte Altersgruppe. Das Pew Research Center fasst darunter Menschen zusammen, die nach 1996 geboren wurden; die Bundeszentrale für politische Bildung verwendet die Jahrgänge 1995 bis 2010. Als gemeinsames Merkmal gilt, dass diese Generation mit digitalen Medien und ohne Erinnerung an eine Welt ohne Smartphones aufgewachsen ist. Für den 20. November ist in Berlin ein eigener Protest geplant, an dem auch Lehrkräfte und andere Jugendbewegungen teilnehmen sollen.

Frankreich als Vorbild – und als Warnung

Die deutschen Proteste sind von Demonstrationen in Frankreich inspiriert, die sich gegen hohe Lebenshaltungskosten und für bessere Bildung richteten. Auch Proteste in Italien, Spanien, Portugal und Albanien spielten bei der internationalen Mobilisierung eine Rolle. Dort kam es zuletzt teilweise zu Plünderungen, brennenden Barrikaden und Angriffen auf Sicherheitskräfte.

In Frankreich blieb die Mehrheit der Demonstrationen friedlich. Einzelne Gruppen verursachten jedoch Gewalt, Verletzungen, Brandstiftungen und Plünderungen. Die Regierung verhängte teilweise Ausgangssperren und Demonstrationsverbote. Nach Angaben der französischen Handelskammer sank der Umsatz in betroffenen Innenstädten an Demonstrationstagen um bis zu 80 Prozent; landesweit wurden mehr als 2.500 Geschäfte beschädigt.

In Lyon wurden zahlreiche Geschäfte an der Rue de la République verwüstet. Betroffen war auch eine Hugo-Boss-Filiale: Die Schaufenster wurden zerstört, laut Medienberichten wurde das Geschäft in Brand gesetzt. In Deutschland sorgt gerade dieses Bild für Unruhe, weil Schaufenster, Eingänge und Einkaufszentren bei Demonstrationen schnell zu neuralgischen Punkten werden.

Der Protestforscher Grimm hält Ausschreitungen in einem Ausmaß wie in Frankreich in Deutschland für unwahrscheinlich. Er verweist auf das härtere Vorgehen der französischen Polizei und die geringere gesellschaftliche Akzeptanz konfrontativer Protestformen hierzulande. Ein Aufruf extremistischer Gruppen führe außerdem nicht automatisch zu Ausschreitungen. Die Protestkultur sei in Frankreich historisch stärker ausgeprägt, auch die Sicherheitsbehörden gingen teilweise anders damit um – etwa durch den Einsatz von Schockgranaten.

Was die Händler vorbereiten

Die Juwelierkette Wempe schließt vorsorglich alle 24 deutschen Filialen. Das Unternehmen begründet die Entscheidung mit möglichen Unterwanderungen friedlicher Proteste durch aggressive Gruppierungen und verweist auf die Sicherheit der Mitarbeitenden. Douglas schließt am Samstag vorsorglich zwölf besonders gefährdete Filialen. Beide Unternehmen müssten im Schadensfall voraussichtlich selbst für den Umsatzverlust durch diese vorsorglichen Filialschließungen aufkommen.

Hugo Boss hat nach eigener Aussage grundsätzliche Vorkehrungen getroffen, plant derzeit aber weder veränderte Öffnungszeiten noch eine vorsorgliche Schließung. Primark macht aus Sicherheitsgründen keine Angaben zu geplanten Maßnahmen.

Galeria steht nach eigenen Angaben in engem Kontakt mit den Behörden. An Standorten mit mittlerem bis hohem Risiko soll zusätzliches Sicherheitspersonal eingesetzt werden. Teilweise, etwa in Hamburg-Eimsbüttel, werden Schaufenster vorsorglich geleert. Grundsätzlich bleiben die Filialen geöffnet; verkürzte Öffnungszeiten oder Schließungen sind als letzte Maßnahme möglich.

Das Modehaus Apropos verkürzt am Samstag die Öffnungszeiten in Filialen in Köln, Düsseldorf und Berlin. Zugleich kritisiert das Unternehmen, bislang keine konkreten Handlungsempfehlungen von Polizei oder anderen zuständigen Stellen erhalten zu haben. In mehreren Bundesländern bleiben die Geschäfte am Reformationstag geöffnet.

Für die Händler geht es nicht nur um heruntergelassene Rollläden. Zusätzliche Sicherheitskräfte und Schaufensterschutz verursachen für Händler und Immobilienbesitzer erhebliche Kosten. Der Handelsverband Deutschland, der Immobilienverband ZIA und der Handelsimmobilienverband GCSP warnten Innenminister Alexander Dobrindt in einem Brief vor möglichen Folgen für Innenstädte und Einzelhandel. Sie rechnen mit Betriebsstörungen durch Blockaden und Versammlungen. Sachbeschädigungen, Vandalismus und Plünderungen gegen Einzelhandelsgeschäfte und Einkaufszentren könnten nicht ausgeschlossen werden. Der GCSP bezeichnete die Lage als angespannt und verwies auf die ohnehin schwierige Lage des Einzelhandels.

Polizei zwischen Entwarnung und Alarmbereitschaft

Die Polizei Hamburg erwartet einen weitgehend störungsfreien Verlauf. Die Berliner Polizei hat nach eigenen Angaben keine belastbaren Hinweise auf eine gezielte extremistische Einflussnahme. Zugleich sind in Berlin rund 1.500 Einsatzkräfte vorgesehen; in Hamburg sollen mehrere Hundertschaften und Drohnen eingesetzt werden.

Anders klingt es aus Köln. Dort berichtet die Polizei von Hinweisen auf Gewaltaufrufe einzelner Gruppen und Personen, die die Versammlung für Straftaten nutzen wollten, darunter mögliche Brandstiftungen und Sachbeschädigungen. Das Bundesinnenministerium sieht bislang keine konkreten Gewaltaufrufe. Teile der linksextremistischen Szene und einzelne Gruppierungen aus dem Ausland hätten die Aufrufe jedoch aufgegriffen und sich an der Mobilisierung beteiligt.

Laut Handelsblatt warnt auch der Verfassungsschutz vor einer möglichen Instrumentalisierung der Proteste. Marc Henrichmann (CDU), Vorsitzender des Geheimdienst-Kontrollgremiums des Bundestags, befürchtet eine Unterwanderung durch international vernetzte linksextremistische Gruppen. CDU-Innenexperte Alexander Throm warnt, die Demonstrationen könnten von Linksextremisten und kriminellen Personen mit Migrationshintergrund „gekapert“ werden.

Grünen-Chef Felix Banaszak wiederum warnt davor, Demonstrierende unter Generalverdacht zu stellen und die Proteste vorab zu kriminalisieren. Dies könne Radikalisierung begünstigen. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel beobachtet Aufrufe, die an die Proteste in Frankreich anknüpfen sollen; diese fänden derzeit jedoch keinen größeren Widerhall. Konkrete Hinweise auf Plünderungsplanungen gebe es bislang nicht.

Brandenburgs Innenminister Jan Redmann verwies auf Aufrufe aus der linksradikalen Szene. Halloween sei gezielt als Termin gewählt worden, weil Maskierungen in der Vergangenheit Körperverletzungen und Sachbeschädigungen erleichtert hätten.

Versicherungsschutz hat enge Grenzen

Für mögliche Schäden kommen laut Gesamtverband der Versicherer vor allem drei Versicherungen infrage: die Geschäftsinhaltsversicherung für Waren und Ladeneinrichtung, die Glasversicherung für Schaufenster und die Gebäudeversicherung für Gebäudeschäden. Allerdings sind Schäden nur gedeckt, wenn die jeweilige Gefahr im Vertrag versichert ist.

Schäden durch „innere Unruhen“, zu denen Demonstrationen zählen können, sind nicht automatisch versichert und müssen zusätzlich vereinbart werden. Versicherungsrechtlich gelten außerdem nicht alle Ausschreitungen automatisch als „innere Unruhen“. Nach den GDV-Musterbedingungen müssen erhebliche Teile der Bevölkerung unter Störung der öffentlichen Ordnung Gewalt gegen Personen oder Sachen ausüben.

Plünderungen gelten nicht als eigenständiger Versicherungsfall; entscheidend ist der konkrete Ablauf des Schadens. Werden Täter nicht ermittelt oder sind sie zahlungsunfähig, bleiben Händler trotz grundsätzlicher zivilrechtlicher Haftung häufig auf den Kosten sitzen. Eine vorsorgliche Schließung oder eine polizeiliche Absperrung ohne Sachschaden löst in der Regel keine Leistung aus einer Betriebsunterbrechungsversicherung aus. Dafür wären gesonderte vertragliche Vereinbarungen erforderlich.

Die Sorge der Händler richtet sich damit auf zwei Seiten: auf mögliche Schäden an Waren, Glas und Gebäuden – und auf den Umsatz, der ausbleibt, wenn eine Filiale aus Sicherheitsgründen geschlossen bleibt. Beides ist versicherungsrechtlich nicht automatisch abgesichert.

Eine Jugendbewegung, die über Generationen reicht

Generationenforscher Rüdiger Maas sieht als gemeinsame Verbindung der Proteste in mehreren europäischen Ländern vor allem das junge Alter der Teilnehmenden und den Wunsch nach einer anderen Zukunft. Die konkreten Themen und politischen Ausrichtungen unterscheiden sich allerdings deutlich: In Albanien handelt es sich laut Maas um eine breite Nationalfront gegen die Regierung, in Serbien gibt es eine ähnliche Bewegung.

Soziale Medien beschleunigen nach seiner Einschätzung die Ausbreitung. Junge Menschen sehen dort, welche Protestformen in anderen Ländern möglich sind, und werden dadurch zu eigener Aktivität angeregt. Ähnliche Jugendbewegungen gab es bereits in Madagaskar, Nepal und Marokko. Für Deutschland erwartet Maas keine zentralen Protest-Hotspots wie in Frankreich, sondern dezentrale Demonstrationen in vielen Städten.

Bei den deutschen Protesten soll es zunächst um bessere Bildungschancen und Schulen gehen. Maas rechnet derzeit nicht mit Ausschreitungen und Unruhen. Außerdem beteiligten sich vielerorts nicht nur junge Menschen, sondern auch ältere. Die Bewegung sei deshalb breiter als eine reine Generation-Z-Protestwelle – und sollte von der Politik nicht als Randphänomen abgetan werden.

Grimm sieht in mehreren europäischen Ländern gemeinsame Erfahrungen mit politischer Ohnmacht und Unsicherheit: soziale Ungleichheit, steigende Lebenshaltungskosten, chronisch unterfinanzierte Bildungssysteme und die Klimakrise. Hinzu kommen Militarisierung, Wehrpflicht, Aufrüstung und die Frage, wer die Kosten trägt. In alternden Gesellschaften könne daraus ein Generationenkonflikt entstehen: Junge Menschen tragen langfristig besonders stark die Folgen politischer Entscheidungen, haben aber vergleichsweise wenig politischen Einfluss.

In Frankreich reagierte die Regierung teilweise auf Forderungen, unter anderem in den Bereichen Bildung und Universitäten. Auch in Deutschland müsse sich die Politik bewegen, bevor Proteste eskalierten, sagt Maas. Einige Forderungen der Bewegung seien möglicherweise schwer umzusetzen, dürften von der Politik aber nicht ignoriert werden.