Am Samstag, 31. Oktober, soll es in 34 deutschen Städten laut werden: Unter dem Namen „Gen Z regelt“ sind Demonstrationen angekündigt, Beginn ist jeweils ab 14 Uhr. Als zentrale Orte gelten Berlin, Köln, Frankfurt und München. Viele junge Menschen wollen ihren Unmut über die Entwicklung in Deutschland auf die Straße bringen – und dabei sichtbar machen, dass sie sich politisch wenig vertreten fühlen.

Für den Handel wird der Tag zur organisatorischen Herausforderung. Einige Geschäfte, vor allem im Südwesten, planen aus Sicherheitsgründen eine vorzeitige Schließung. Hintergrund sind gewaltsame Proteste in Frankreich und Italien, weshalb die Polizei die Veranstaltungen absichern soll. Zusätzlich fällt der Demonstrationstag auf Halloween-Abend – Masken, Kostüme und die ohnehin angespannte Sicherheitslage machen die Planung nicht gerade leichter.

Früher Ladenschluss in einigen Städten

Händler aus Freiburg baten darum, Baustellen so zu sichern, dass dort keine Gegenstände als Wurfgeschosse verwendet werden können. Die Parfümeriekette Douglas will vorsorglich zwölf Filialen in Deutschland schließen. Welche Standorte betroffen sind, wurde nicht genannt.

In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind keine zusätzlichen Schließungen nötig: Dort ist der 31. Oktober ein Feiertag. Für andere Filialen und Standorte bleibt die Lage am heutigen 30.10.2026 von den jeweiligen Sicherheitsplanungen abhängig.

Breite Themen statt einer einzigen Forderung

Anders als bei Fridays for Future oder den Protesten gegen Corona-Maßnahmen richtet sich „Gen Z regelt“ nicht auf ein einzelnes Thema. Genannt werden der Umgang mit der Klimakrise, Sozialkürzungen, die Debatte über eine Wehrpflicht, bessere Gesundheitsversorgung und ein bezahlbares Leben. Das Bündnis spricht außerdem über steigende Lebenshaltungskosten, Bildung, soziale Gerechtigkeit und den gesellschaftlichen Rechtsruck.

Der gemeinsame Kern: Junge Menschen sehen sich durch politische Entscheidungen belastet und verlangen mehr Sichtbarkeit und Mitbestimmung. „Ohne uns läuft die Zukunft nicht“, erklärt das Bündnis. Es kritisiert kaputte Schulen, Sparmaßnahmen im Bildungssystem, eine ungleiche Verteilung, steigende Kosten und die Wehrpflicht.

Der 18-jährige Mitorganisator Steven Sedehi sagt, bei vielen jungen Menschen bestehe das Gefühl, ihre Zukunft werde gefährdet. In Wuppertal wurde der 16-jährige Konny Schmitz nach eigenen Angaben zunächst durch friedliche Proteste in Frankreich inspiriert. Er hat den Eindruck, dass die Regierung die junge Generation vergisst, und fordert mehr Investitionen in Bildung statt zusätzlicher Ausgaben für Waffen. Marode Schulen, fehlende finanzielle Mittel, der Wegfall von Jugend-Suchthilfe und schwer erreichbare Psychotherapie zählt er ebenso auf wie Leistungsdruck, teure Schulsachen und die Wehrpflicht. Gleiche Bildungschancen und eine stärkere Berücksichtigung junger Menschen bei politischen Entscheidungen gehören für ihn zusammen.

Emily-Melissa Schoon, 16 und Mitorganisatorin in Münster, nennt Klimaschutz, Bildung, den Rechtsruck, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit. Dahinter stehe die Frage, welche Verantwortung die Gesellschaft übernimmt und wessen Bedürfnisse politisch berücksichtigt werden. Sicherheit bedeute für sie mehr als militärische Verteidigung; unter anderem fordert sie eine gute Gesundheitsversorgung für chronisch kranke Menschen. Bildungs- und soziale Gerechtigkeit seien Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Die Anliegen verschiedener Generationen dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, sagt sie, und ruft dazu auf, gemeinsam politischen Einfluss auszuüben.

David, 22, ebenfalls Mitorganisator in Wuppertal, hält passives Abwarten für keine Lösung gesellschaftlicher Probleme. Er kritisiert Kürzungen bei Bildung, Gesundheit und Rente im Verhältnis zu hohen Ausgaben für Militarisierung und wirbt für gemeinsame Lösungen statt für ein Gegeneinander.

Aus Köln berichtet die 17-jährige Schülervertreterin Marie Hacker von großem Interesse – auch bei Jugendlichen, die bisher noch nie demonstriert haben. Lehrermangel, Leistungsdruck und unsanierte Schulgebäude hätten sie politisiert. Sie will friedlich demonstrieren und den Schwerpunkt auf Bildung legen. Für sie verbinden sich die Proteste mit Hoffnung und der Möglichkeit, gemeinsam politischen Druck auszuüben. Von der Politik erwartet sie eine Reaktion.

Lea, 18, aus Wuppertal will gegen das demonstrieren, was sie als strukturelle Gewalt bezeichnet: Polizeigewalt, Gewalt durch Männer im persönlichen Umfeld, Rassismus, Krieg und Besatzung. Tobias, 21, kritisiert, dass junge Menschen für einen Staat sterben könnten, während aus seiner Sicht wichtige Zukunftsbereiche gekürzt würden.

Unterstützung – aber bitte friedlich

Aleyna Karaca, 20, Vorsitzende der Jusos Wuppertal, befürwortet, dass junge Menschen sich für Veränderungen einsetzen. Jugendliche müssten in der politischen Debatte ernst genommen werden. Als zentrale Anliegen nennt sie bezahlbaren Wohnraum, gute Bildung, finanzielle Sicherheit und eine verlässliche Gesundheitsversorgung; Kürzungen in diesen Bereichen kritisiert sie.

Lina Giannone, 21, Kreisvorsitzende der Jungen Liberalen Wuppertal, fordert ebenfalls mehr Beteiligung junger Menschen und eine bessere Bildungspolitik. Friedlicher Protest sei ein demokratisches Recht. Zugleich warnt sie vor Gewalt und verweist auf entsprechende Beiträge in sozialen Medien.

Finn Grimsehl-Schmitz, 26, Grünen-Politiker aus Solingen, sieht ökologische und soziale Fragen als zusammengehörig. Anliegen der jungen Generation hätten in der Bundespolitik an Bedeutung verloren, sagt er; auch die öffentliche Infrastruktur sei eine wichtige Zukunftsaufgabe. Er unterstützt eine stärkere Politisierung und Proteste, will selbst aber nicht mitdemonstrieren.

Daniel Pilz, 24, SPD-Fraktionsvorsitzender im Remscheider Stadtrat, erkennt bei Bildung, Einsparungen, Lebenshaltungskosten und Zukunftsperspektiven ähnliche Probleme wie die Protestierenden. Für ihn handelt es sich weniger um einen Generationenkonflikt als um gemeinsame Auswirkungen von Kürzungen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene. Dass für andere Bereiche Geld vorhanden sei, nicht aber für junge Menschen, hält er für ein nachvollziehbares Gefühl. Er plädiert für eine gerechtere Verteilung der Lasten, ohne Sicherheitsausgaben grundsätzlich gegen Jugendinteressen auszuspielen, unterstützt die Proteste bei friedlichem Verlauf und hofft auf eine Mobilisierung wie bei Fridays for Future.

Auch Soufian Goudi, 29, von der SPD und Bezirksbürgermeister von Wuppertal-Elberfeld, kann die Proteste angesichts von Krisen, steigenden Lebenshaltungskosten sowie ungleichen Herkunfts- und Bildungschancen nachvollziehen. Er fragt nach den gesellschaftlichen Perspektiven für junge Menschen und erwartet, dass die Demonstrationen friedlich bleiben.

Hinweise der Veranstalter und offene Sicherheitsfragen

Am 30. Oktober um 10:09 Uhr veröffentlichten die Veranstalter praktische Hinweise. Demonstrierende sollen einen Personalausweis, ein geladenes Handy, Wasser, Snacks und gegebenenfalls Medikamente mitnehmen. Glas, Alkohol, Drogen, Feuerwerkskörper und Waffen sollen ausdrücklich zu Hause bleiben. Außerdem rufen die Organisatoren dazu auf, die Polizei nicht zu provozieren. Laut dem Artikel gibt es in diesen Hinweisen keine Anzeichen für eine geplante Eskalation.

Gleichzeitig waren Proteste in anderen europäischen Ländern teilweise von Krawallen und Ausschreitungen begleitet. Marie Hacker hält Gewalt für einen kleinen Teil des Gesamtgeschehens und fordert, die inhaltlichen Themen in den Mittelpunkt zu stellen. Konny Schmitz erwartet in Wuppertal wegen der voraussichtlich rund 150 Teilnehmenden keine größeren Störungen; ein höheres Risiko sieht er eher in größeren Städten.

Finn Grimsehl-Schmitz warnt vor einer möglichen Vereinnahmung der thematisch breiten Proteste, lehnt aber Vorverurteilungen ab. Das Bündnis ruft dazu auf, keine Masken zu tragen und identifizierbar zu bleiben. Für die Polizei, die Städte und die Geschäfte bleibt damit ein langer Samstag: Demonstrationen ab 14 Uhr, Halloween am Abend – und viele offene Fragen dazu, wie reibungslos beides nebeneinander funktioniert.