Güterslohs Innenstadt im Wandel: Neue Konzepte zwischen Schließungen und Leerständen
Heute, am 14.10.2026, wirkt die Gütersloher Innenstadt an vielen Ecken wie eine Baustelle im übertragenen Sinn: Zwischen Berliner Straße, Blessenstätte, Kolbe- und Dreiecksplatz sowie Berliner Platz wechseln die Namen an den Schaufenstern. Manche Türen gehen erstmals auf, andere bleiben für immer zu. Dazwischen wird gebohrt, eingerichtet, geräumt und auf eine neue Nutzung gewartet.
Neues gibt es reichlich. Im Kaiserquartier eröffnete im Frühjahr die dritte Filiale des Restaurants „Kunstwerk“. Vorausgegangen war im Sommer 2025 das Aus des „Moto59“. Auf den Tellern landen Pasta, Pizza und Burger. An der Berliner Straße 61, in den früheren NKD-Räumen, serviert das „Natsu“ inzwischen vietnamesisch-japanische Fusionsküche, darunter Sushi.
Vom Familiencafé bis zur Herrenboutique
Im Februar eröffnete Familie Quarta an der Münsterstraße das Café „Molino“. Der Name klingt klein, das Angebot ist es nicht: Eine 30 Quadratmeter große Spiellandschaft mit Klettergerüst, Rutsche und weiteren Spielmöglichkeiten gehört dazu. Eltern können ihren Kaffee trinken, während nebenan Kinderfüße über den Boden sausen – vermutlich nicht immer leise, aber dafür ziemlich beschäftigt.
Auch das seit mehr als 50 Jahren am Pavenstädter Weg ansässige Gartencenter „Gartenhof“ ist nun näher an der Innenstadt vertreten. An der Kökerstraße entstand eine Zweigstelle. Am Kolbeplatz wiederum eröffnete Dwayne Zeyrek das Café „Elijëls“ als Ergänzung zu seinem Imbiss „Eljaqim’s“. Matcha, Softeis, Frozen Yogurt und Waffeln stehen dort unter anderem auf dem Programm. Zuvor befand sich in dem Ladenlokal „Schnick Schnack“.
Im Mai kam an der Königstraße die Herrenboutique „Alto 1980“ hinzu. Alireza Torbati bietet Hemden, Hosen, Shirts und Jacken an, überwiegend aus Italien und jeweils nur in kleiner Stückzahl. Wer lieber sitzen bleibt und etwas Süßes oder einen Kaffee vor sich hat, muss sich noch gedulden: Daniela Amadeea Pone plant für den Sommer die Eröffnung des Cafés „Zerino“ in den früheren Räumen von „Gina Laura“ und „Eiscafé Roma“. Der Gastraum soll bis zu 50 Plätze bekommen, dazu sind 30 bis 40 Außenplätze vorgesehen.
Ende August plant Takko Fashion seine dritte Gütersloher Filiale. Der Modediscounter hat an der Berliner Straße 4 ein 335 Quadratmeter großes Ladenlokal bezogen. Bereits im Juni eröffnete die 31-jährige Azita Rahimi an der Mauerstraße 15 den „Khorasan Market“ mit Lebensmitteln aus Afghanistan, der Türkei, dem Iran und weiteren asiatischen Ländern.
In der Spiekergasse 7 soll im November „Machholz Bricks & Spielwaren“ starten. Tobias Machholz-Till plant dort ein Lego- und Spielwarengeschäft. Es folgt auf „Eva’s Klamotteria“, das Eva Zander aufgibt. Für Ende 2026 ist außerdem die „Essenza-Bar“ in den früheren Räumen der „Eisschleckerei“ an der Eickhoffstraße 32 vorgesehen. Auf 124 Quadratmetern soll es Cocktails, Wein, Champagner und Tapas geben.
Schließungen, Räumungsverkäufe und offene Türen
Auch das „Haus des Döners“ kommt, nur ist der Termin noch nicht fix. Die Kette übernimmt die frühere „Subway“-Filiale an der Strengerstraße 26. Der Franchisenehmer strebt einen Start Ende Oktober an und plant zur Eröffnung eine eintägige Cent-Aktion für Döner.
Auf der anderen Seite steht „Baxmann“. Das Traditionsgeschäft schließt Ende 2026 nach mehr als 90 Jahren. Die Familie Witlake-Baxmann verwies auf das sogenannte Showrooming und auf die Entwicklung der Innenstadt. Beim „Depot“ an der Berliner Straße 54 läuft nach der zweiten Insolvenz innerhalb von zwei Jahren ein Räumungsverkauf. Die Deko-Kette gibt den Standort voraussichtlich endgültig auf; wann genau geschlossen wird, ist offen.
Das Dessous-Geschäft „Lingerie & Meer“ an der Moltkestraße soll nach elf Jahren voraussichtlich Ende September schließen. Inhaberin Alexandra Horst nannte die sinkende Attraktivität der Innenstadt und rückläufige Kundenbesuche als Gründe. Ruth und Manfred Niehaus hatten ihre Goldschmiede an der Königstraße bereits zum 31. Dezember 2025 geschlossen – nach mehr als 20 Jahren, weil kein Nachfolger gefunden wurde.
Zum Jahresende endet voraussichtlich auch „White Cube“ an der Berliner Straße 3. Das Herrenmodegeschäft schließt nach fast 20 Jahren. Als Gründe gelten gesunkene Umsätze seit der Corona-Pandemie und die nachlassende Attraktivität der Innenstadt. Das Modeschmuckgeschäft „Blair Jewelry“, das erst vor zweieinhalb Jahren am Kolbeplatz eröffnet hatte, ist bereits geschlossen; für das Ladenlokal wird eine Nachnutzung gesucht.
Im Kaiserquartier schloss Ende Juni der 2021 eröffnete Escape Room. Genannt wurden Herausforderungen in der modernen Unterhaltungsbranche. Und am Dreiecksplatz kündigte Händler Michael Tucker nach seiner Insolvenz die Schließung der „MusikGalerie“ an. Ein vertrauter Ort für Instrumente und Zubehör verschwindet damit ebenfalls aus dem Stadtbild.
Einzelhandel unter Druck
Was in Gütersloh an einzelnen Adressen sichtbar wird, passt zu einem bundesweiten Strukturwandel. Onlineplattformen, Discounter und große Filialisten gewinnen Marktanteile, während kleine und mittelständische Händler zunehmend unter wirtschaftlichen Druck geraten. Fachgeschäfte verschwinden, Leerstände nehmen zu, die Vielfalt des stationären Handels sinkt.
Zwischen 2010 und 2025 sank die Zahl der Einzelhandelsbetriebe um rund 16 Prozent auf 316.310. Besonders deutlich fiel der Rückgang bei kleinen, inhabergeführten Geschäften aus: 2010 gab es mehr als 236.000 Läden mit einem Jahresumsatz unter 250.000 Euro, 2025 waren es nur noch knapp 171.000 – fast 30 Prozent weniger. Gleichzeitig verdoppelte sich die Zahl der Einzelhandelsunternehmen mit mehr als 25 Millionen Euro Umsatz.
Im Bekleidungsmarkt legte der Versand- und Onlinehandel innerhalb von sechs Jahren um ein Drittel zu. 2024 lag sein Umsatz bei mehr als 19 Milliarden Euro. Der Textilfachhandel setzte im selben Jahr rund 36 Milliarden Euro um, etwa eine Milliarde Euro weniger als 2018. Die Zahlen stammen aus einer Untersuchung der Creditreform Wirtschaftsforschung und des Handelsblatt Research Institute.
Auch die Insolvenzen ziehen an: 2025 gab es rund 2.440 Insolvenzen im Einzelhandel, etwa neun Prozent mehr als im Vorjahr. Schon 2024 war die Zahl um fast 20 Prozent gestiegen. Überdurchschnittlich betroffen waren zuletzt unter anderem Buchhandlungen, Händler von Back- und Süßwaren sowie der Textileinzelhandel. Nicht nur einzelne Unternehmen geraten ins Wanken; auch etablierte Geschäftsmodelle wie klassische Warenhäuser und mittelgroße Modefilialisten stehen unter Druck.
Die Liste der Belastungen ist lang: Inflation, Kaufzurückhaltung, steigende Energie-, Personal- und sonstige Betriebskosten. Dazu kommen sinkende Ertragskraft, geringere Eigenmittel, zunehmende Verbindlichkeiten und Zahlungsstockungen sowie eine verschlechterte Bonität. Besonders im Textil- und Bekleidungshandel liegt der Bonitätsindex deutlich unter dem Durchschnitt aller Branchen. Viele Händler haben Pandemie, Inflation, steigende Kosten und die Kaufzurückhaltung nur knapp überstanden; gerade kleinere und mittlere Unternehmen verfügen kaum noch über finanzielle Reserven.
Mehr als Einkaufen
Mit den Geschäften verändern sich die Innenstädte selbst. Kundenfrequenzen sinken, große Frequenzbringer wie Warenhäuser fallen weg, und Fragen nach Mobilität und Aufenthaltsqualität werden wichtiger. Die klassische Einkaufsfunktion verliert an Gewicht, während Gastronomie, Dienstleistungen, Freizeit- und Erlebnisangebote zulegen. Ein Café mit Spiellandschaft, eine Bar, ein Escape Room oder ein Laden für Spielwaren sind deshalb nicht bloß Ersatz für ein weggefallenes Geschäft – sie verändern, wie Menschen eine Innenstadt nutzen.
Kommunen reagieren mit neuen Nutzungskonzepten, der Umgestaltung öffentlicher Räume und einer stärkeren Verbindung von Handel, Wohnen und Freizeit. Städte entwickeln zunehmend Modelle, in denen Einkaufen, Gastronomie, Freizeit und Wohnen zusammengedacht werden. Unternehmen und andere Innenstadtakteure setzen auf Kooperationen, etwa zwischen Geschäften, Cafés und kulturellen Einrichtungen. Die Aufenthaltsqualität wird zum wichtigeren Standortfaktor. Gegen dauerhafte Leerstände kommen Pop-up-Läden, Zwischennutzungen, temporäre Ausstellungen und kulturelle Experimentierräume zum Einsatz.
Für viele Zentren bleiben Leerstände, sinkende Besucherzahlen und der Wegfall großer Geschäfte dennoch erhebliche Herausforderungen. Die Frage ist also nicht nur, wer in ein frei gewordenes Ladenlokal einzieht. Es geht auch darum, was davor passiert, wer vorbeikommt und ob eine Straße nach Ladenschluss noch etwas zu erzählen hat.
Die Veröffentlichung der Creditreform verweist dabei auf die Quellen Creditreform Wirtschaftsforschung und Handelsblatt Research Institute. Die Zahlen liefern den großen Rahmen für das, was an der Berliner Straße oder am Kolbeplatz oft ganz unmittelbar zu sehen ist: ein neues Schild, ein leergeräumtes Schaufenster, der Geruch von Kaffee neben dem Staub einer Baustelle.
Kommunen als Gestalter der Zentren
Die COVID-19-Pandemie und mehrere parallel wirkende Krisen haben den Druck auf den strukturell wandelnden Einzelhandel zusätzlich erhöht. Innenstädte und Zentren stehen dadurch vor weiteren Herausforderungen. Die Zukunftsfähigkeit und wirtschaftliche Grundlage bislang dominierender innerstädtischer Nutzungen werden zunehmend infrage gestellt.
Es entsteht ein Spannungsfeld: Ladenlokale und Büroflächen brauchen mögliche Nachnutzungen, der öffentliche Raum muss weiterentwickelt werden, zugleich drohen zusätzliche Leerstände und weitere Umsatzverluste. Die Veröffentlichung „Innenstadt, Onlinehandel und Pandemie: Aufgabenfelder für die Zentrenentwicklung“ fasst zunächst empirische Ergebnisse einer ExWoSt-Studie zusammen und leitet daraus Handlungsempfehlungen für die Entwicklung von Innenstädten und Zentren ab.
Berücksichtigt werden funktional-räumliche Unterschiede zwischen Innenstädten und Zentren ebenso wie der Einfluss aktueller Megatrends. Die Empfehlungen umfassen drei strategische Aufgaben, fünf konkrete Aufgabenfelder und Aspekte, die bei der Umsetzung zu beachten sind. Das übergeordnete Leitbild lautet „Innenstädte und Zentren stärken“. Hauptadressaten sind die Kommunen, die als zentrale Akteure den Transformationsprozess aktiv gestalten können.
Die Veröffentlichung behandelt die Ausgangslage und Fragestellung, Onlinehandel und urbane Logistik, empirische Ergebnisse aus sechs Fallstudien aus den Jahren 2022 und 2023, Zwischenergebnisse und Bewertung, Handlungsempfehlungen und Aufgabenfelder für die Zentrenentwicklung sowie Rahmenbedingungen der Innenstädte und Umsetzung. Ergänzt wird sie durch ein Literaturverzeichnis.
Wissenschaftlich begleitet wurde die Untersuchung vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, kurz BBSR, sowie den Referaten „Stadtentwicklung“ und „Digitale Stadt, Risikovorsorge und Verkehr“. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen begleitete das Vorhaben über das Referat „Lebendige Zentren, Nationale Projekte des Städtebaus“. Auftragnehmer waren Junker+Kruse, Stadtforschung Planung, Dortmund, die HafenCity Universität Hamburg und die Technische Universität Hamburg, Institut für Verkehrsplanung und Logistik.
Veröffentlicht wurde die Studie von Kruse, Kopischke, Krüger, Anders und Flämig im Jahr 2024 unter dem Titel Innenstadt, Onlinehandel und Pandemie: Aufgabenfelder für die Zentrenentwicklung. Herausgeber ist das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Die Veröffentlichung gehört zur Reihe ExWoSt-Informationen 54/2, Bonn, und ist unter dem DOI https://doi.org/10.58007/nk51-wa85 erreichbar.
In Gütersloh entscheidet sich dieser Wandel nun nicht in einer einzigen großen Maßnahme, sondern Laden für Laden: ein vietnamesisch-japanisches Menü, Matcha im Becher, italienische Hemden, Spielzeug, Döner, Cocktails – und dazwischen die Frage, welches Schaufenster als Nächstes wieder Licht bekommt.
