Kölner Innenstadt rüstet sich für bis zu 30.000 Demonstrierende der Generation Z
In Köln richtet sich die Innenstadt auf einen unruhigen Samstag ein. Für den 31. Oktober 2026 werden größere Proteste der Generation Z erwartet. Die Initiative „Gen Z regelt“ plant ihre Demonstration inzwischen nicht mehr am Heumarkt, sondern am Konrad-Adenauer-Ufer. Der Beginn bleibt bei 14 Uhr.
Die Verlegung wurde am Donnerstag bekanntgegeben, weil die erwartete Teilnehmerzahl deutlich gestiegen ist. Ursprünglich waren 5.000 Menschen angemeldet, seit Mittwoch rechnen die Veranstalter mit bis zu 15.000 Demonstrierenden. Für diese Menge bietet der Heumarkt zu wenig Platz. Zusätzlich hat eine Privatperson für den Zeitraum von 14 bis 19 Uhr einen Demonstrationszug unter dem Motto „Bildung/Wehrpflicht/Bezahlbares Leben“ angemeldet. Startpunkt ist der Heumarkt; laut Polizei werden auch hierfür rund 15.000 Teilnehmende erwartet. Auf der Website von „GenZ regelt das“ haben nach eigenen Angaben mehr als 11.000 Menschen zugesagt.
Polizei und KVB rechnen mit einem schwierigen Nachmittag
Die Polizei kündigte einen umfangreichen Einsatz an und beobachtet die Mobilisierung der Gruppe „GenZ regelt das“. Außerdem steht sie mit Sicherheitsbehörden auf Bundes- und Landesebene im Austausch. Konkrete Hinweise auf gewalttätige Aktionen wie in Frankreich liegen laut Polizei derzeit nicht vor. Parallel laufen die Vorbereitungen für die jährlichen Halloween-Feierlichkeiten.
Viele Wege dürften Richtung Innenstadt führen, unter anderem über den Breslauer Platz am Hinterausgang des Hauptbahnhofs. Auch aus der Innenstadt wird mit Zulauf gerechnet. Verkehrsbehinderungen sind wahrscheinlich; ob die Rheinuferstraße gesperrt wird, war zunächst offen. Ebenso war noch nicht geklärt, ob aus der Kundgebung ein Demonstrationszug wird. Polizei und Veranstalter führten dazu Gespräche.
Die KVB warnte vor möglichen Änderungen im Bus- und Bahnverkehr am Nachmittag. Hinweise zu Anpassungen sollen über digitale Anzeigen an Haltestellen und in den Fahrzeugen laufen. Im Innenstadtbereich wird zusätzliches KVB-Servicepersonal eingesetzt. Wer an diesem Tag einfach schnell durch Köln möchte, braucht vermutlich etwas Geduld – und vielleicht einen Plan B.
Bereits am Donnerstagmorgen blockierten Vertreter der Initiative den Eingang zum Campus Süd der TH Köln am Ubierring. Rund 30 Personen beteiligten sich bis etwa 10.30 Uhr an der Aktion. Die Polizei war mit zahlreichen Kräften vor Ort, die Aktion verlief friedlich und wurde anschließend beendet.
Geschäfte sichern Schaufenster und schließen Filialen
Mehrere Geschäfte in der Kölner Innenstadt haben vorsorglich Schutzmaßnahmen ergriffen. Beim Juwelier Wempe in der Hohe Straße wurden die Schaufenster mit schweren Platten gesichert. Die Kölner Wempe-Filiale blieb geschlossen; nach Unternehmensangaben wurden die Niederlassungen deutschlandweit geschlossen. Als Grund nannte Wempe die Befürchtung, friedliche Proteste könnten von aggressiven Gruppen unterwandert werden.
Auch die Starbucks-Filiale in der Gürzenichstraße wurde vernagelt. Starbucks erklärte, der Betrieb solle stattfinden, sofern dies sicher möglich sei. Douglas schließt am 31. Oktober vorsorglich zwölf besonders exponierte Filialen in Deutschland. Wo sich diese zwölf Standorte befinden, teilte das Unternehmen nicht mit. Nach Informationen von EXPRESS.de gehört die Filiale auf der Schildergasse dazu.
Einige Kölner Geschäftsleute wollen am Samstag außerdem keine Tische und Stühle im Außenbereich aufstellen. Sie möchten mögliche Ansatzpunkte für Vandalismus vermeiden. Kioskbetreiber Omar Amajjoud erwartet Nachteile für sein Geschäft, hält Demonstrationen aber für ein Recht. Er hoffe, dass sich der aufgestaute Unmut friedlich entlade.
Auch auf der Düsseldorfer Königsallee wird vorgesorgt. Viele Geschäfte sollen geschlossen bleiben, teilweise sind zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen geplant. Der Goldschmied Andreas Menze schließt sein Geschäft und will es bereits am Freitagabend verbarrikadieren. Außerdem will er die Ware aus dem Laden räumen. Er begründet das mit Sorgen vor dem Ausmaß der Proteste und fehlenden Informationen der Stadt. Die Parfümeriekette Douglas schließt am Samstag ebenfalls vorsorglich zwölf Filialen; ob die Filiale auf der Königsallee betroffen ist, ließ das Unternehmen offen.
Der Handelsverband NRW Aachen-Düren-Köln berichtet von besorgten Händlern in Aachen und Köln. Anlass sind vor allem die Bilder von Ausschreitungen in Frankreich. Eine Aachener Händlerin hatte sich bereits eine Woche zuvor an die Polizei gewandt, weil sie keine Informationen der Behörden erhalten hatte. Ihr sei lediglich geraten worden, im Notfall die 110 zu wählen. Verbandschef Jörg Hamel hält das für unzureichend: Händler erwarteten vorbereitete Behörden und Informationen über deren Maßnahmen.
Zwischen Solidarität und Sorge vor Gewalt
Die Bürgergemeinschaft Altstadt wandte sich angesichts der Ausschreitungen in Paris und Mailand an den Kölner Oberbürgermeister und die Ratsfraktionen. Sie fordert ein gemeinsames Signal der Stadt. Die Anliegen junger Menschen sollten ernst genommen, eine gewaltorientierte Vereinnahmung der Proteste aber zurückgewiesen werden.
Die Aachener Studentin Coco Schwarz begrüßt das geplante Zusammenkommen der Generation Z. Studierende hätten häufig wenig Zeit für Proteste, sagt sie, die Demonstrationen könnten genutzt werden, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Sie erwartet, dass die Proteste in Deutschland überwiegend friedlich verlaufen. Auch in Frankreich seien ihrer Einschätzung nach nur kleinere Teile der Proteste gewalttätig geworden.
Der Hintergrund reicht über Köln hinaus. Für Samstag sind in rund 30 deutschen Städten Demonstrationen angekündigt. Vorausgegangen ist eine Protestwelle in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Albanien. Zehntausende Menschen gingen dort unter anderem wegen hoher Lebenshaltungskosten, für bessere Bildung und gegen Korruption auf die Straße. Einige Proteste führten zu Plünderungen, brennenden Barrikaden und Angriffen auf Sicherheitskräfte.
Beworben werden die Aktionen von „Gen Z regelt“ beziehungsweise „Gen Z steht auf“. Wer genau hinter den Aufrufen steht, ist laut dem Bericht nicht eindeutig erkennbar. Das Impressum der Website wurde innerhalb einer Woche zweimal geändert, zuletzt war eine Schweizer Anschrift angegeben. Die Mobilisierung läuft unter anderem über TikTok, Instagram und Telegram.
Die Bundesschülerkonferenz distanzierte sich wegen der aus ihrer Sicht unklaren Organisationsstruktur von den Protesten. Für den 20. November plant sie in Berlin eine eigene Demonstration mit Lehrkräften und anderen Jugendbewegungen. Der Bundessprecher von „Gen Z regelt“ ist laut „Süddeutscher Zeitung“ zurückgetreten. Er begründete das mit der Vielzahl beteiligter Akteure; ein gemeinsamer und friedlicher Rahmen sei aus seiner Sicht nicht mehr ausreichend abgesichert.
Protestforscher Jannis Julien Grimm von der Freien Universität Berlin hält eine lose Organisationsstruktur für typisch bei neuen Protestbewegungen. Früh entstünden solche Bewegungen oft aus informellen Netzwerken, persönlichen Kontakten und digitalen Kommunikationsstrukturen. Klare Zuständigkeiten, Sprecherrollen und ein politisches Programm entwickelten sich, wenn überhaupt, häufig erst später. Als Beispiel nennt Grimm Fridays for Future.
„Gen Z regelt“ erklärt sich solidarisch mit den Schülerprotesten in Frankreich und nennt sechs Forderungen: mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie statt Kürzungen; ein bezahlbares Leben und eine gerechte Verteilung der Lasten; keine Einsparungen zulasten der jungen Generation; keine Wehrpflicht und eine Beteiligung junger Menschen an Entscheidungen über ihre Zukunft; Schutz der Grundrechte statt einer weiteren Ausweitung der Überwachung sowie konsequenter Klimaschutz.
Was hinter dem Protest steckt
Grimm sieht in mehreren europäischen Ländern gemeinsame Ursachen: politische Ohnmacht und Unsicherheit, zunehmende soziale Ungleichheit, steigende Lebenshaltungskosten, unterfinanzierte Bildungssysteme, die Klimakrise und ihre langfristigen Folgen für jüngere Generationen. Hinzu kommen die zunehmende Militarisierung, Debatten über Wehrpflicht und Aufrüstung sowie die Frage, wer die Kosten dafür trägt.
In alternden Gesellschaften verschärfe sich dadurch ein Generationenkonflikt, sagt Grimm. Junge Menschen trügen langfristig besonders stark die Folgen politischer Entscheidungen, hätten aber vergleichsweise wenig politisches Gewicht. „Gen Z“ ist dabei keine einheitlich definierte Altersgruppe: Das Pew Research Center zählt Menschen dazu, die nach 1996 geboren wurden, die Bundeszentrale für politische Bildung verwendet die Jahrgänge 1995 bis 2010. Gemeinsames Merkmal ist das Aufwachsen mit digitalen Medien und ohne Erinnerung an eine Welt ohne Smartphones.
Ausschreitungen im Ausmaß der Proteste in Frankreich hält Grimm in Deutschland für unwahrscheinlich. Die französische Polizei gehe deutlich härter vor, außerdem hätten konfrontative Protestformen hierzulande eine geringere gesellschaftliche Akzeptanz. Grünen-Vorsitzender Felix Banaszak warnt davor, Demonstrierende unter Generalverdacht zu stellen und die Proteste vorab zu kriminalisieren. Eine solche Rhetorik könne Menschen möglicherweise radikalisieren; stattdessen sollten die politischen Anliegen sachlich behandelt werden.
Das Bundesinnenministerium sieht bislang keine konkreten Gewaltaufrufe. Teile der linksextremistischen Szene und einzelne Gruppierungen aus dem Ausland hätten die Aufrufe jedoch aufgegriffen und sich an der Mobilisierung beteiligt. Der CDU-Politiker Marc Henrichmann warnt vor einer möglichen Unterwanderung durch international vernetzte und koordinierte linksextremistische Gruppen. CDU-Innenexperte Alexander Throm befürchtet, dass Linksextremisten und Kriminelle mit Migrationshintergrund die Demonstrationen „kapern“ könnten.
Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel beobachtet Aufrufe, die an die Proteste in Frankreich anknüpfen. Diese fänden derzeit allerdings wenig Resonanz; konkrete Hinweise auf geplante Plünderungen gebe es bislang nicht. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann verweist auf Aufrufe aus der linksradikalen Szene. Die Wahl von Halloween als Protesttag sei bewusst erfolgt, da sich Menschen an diesem Tag maskierten. In der Vergangenheit habe es im Schutz von Masken Körperverletzungen und Sachbeschädigungen gegeben. Redmann spricht von einem Versuch, französische Zustände nach Deutschland zu übertragen.
Auf der eigenen Website erklärt „Gen Z regelt“, der Protest sei ausnahmslos friedlich. Gewalt gegen Menschen oder Sachen widerspreche den Zielen der Bewegung. Auf einem Instagram-Konto namens „genzregelt“ mit mehr als 9.000 Followern wurden allerdings auch Beiträge veröffentlicht, die eine Trennung zwischen friedlichen und gewaltbereiten Demonstrierenden ablehnen.
Handels- und Immobilienverbände warnten Innenminister Alexander Dobrindt in einem Schreiben vor möglichen Folgen für Innenstädte und den Einzelhandel. Genannt werden Betriebsstörungen durch Blockaden und Versammlungen. Sachbeschädigungen, Vandalismus und Plünderungen von Geschäften und Einkaufszentren könnten nicht ausgeschlossen werden. Die Verbände fordern eine starke Polizeipräsenz. In mehreren Bundesländern bleiben die Geschäfte am Protesttag geöffnet, weil der Reformationstag dort kein Feiertag ist.
