Wenn die letzten Kunden gegangen sind und in den Gängen von Føtex nur noch das Summen der Kühltruhen zu hören ist, beginnt in einer Filiale im dänischen Lyngby nördlich von Kopenhagen ein ungewöhnlicher Test. Humanoide Roboter sollen Waren in die Regale räumen. Noch bewegt sich dabei nichts von allein: Ein menschlicher Bediener steuert derzeit jede Bewegung aus der Ferne.

Die Tests laufen seit Juni 2026 nach Ladenschluss. Føtex arbeitet dafür mit HIVE Robots zusammen. Die mehrjährige Partnerschaft mit mehr als zehn Robotik-Softwareentwicklern war am 11. März 2026 angekündigt worden. Der Versuch soll Routineaufgaben übernehmen, die Beschäftigten körperlich entlasten und ihnen mehr Zeit für Kundinnen und Kunden verschaffen.

Der Roboter greift nach Nudelpackungen

Die Maschinen haben Arme, Beine und Finger. Sie sind zwischen 140 und 180 Zentimetern groß, einige humanoide Modelle erreichen 182 Zentimeter. Weil sie für eine Umgebung gebaut sind, die für Menschen eingerichtet wurde, muss Føtex seine Märkte laut HIVE Robots nicht umbauen. Zum Einsatz kommt unter anderem der Unitree G1 des chinesischen Herstellers Unitree, den HIVE Robots für den Einzelhandel anpasst.

Für das Training setzt sich ein Mitarbeiter eine Virtual-Reality-Brille auf und nimmt Handcontroller in die Finger. Dann führt er den Roboter durch die einzelnen Handgriffe: Nudelpackung greifen, anheben, drehen, ins Regal stellen. Was für Menschen nebenbei passiert, muss der Maschine Schritt für Schritt beigebracht werden. Robotpilot Roger Sala sagt, dass unzählige kleine Bewegungen ausdrücklich vermittelt werden müssen, die Menschen intuitiv ausführen.

HIVE Robots verbindet integrierte künstliche Intelligenz mit Fernsteuerung über die Teleoperationsplattform Heimdall. Die Demonstrationen liefern Daten, aus denen die Roboter die Abläufe später selbstständig lernen sollen. Die Datenverarbeitung erfolgt auf europäischer Infrastruktur. Noch sind die Maschinen langsamer als menschliche Angestellte und brauchen eine enge Überwachung; aktuell steuert jeweils ein menschlicher Pilot einen Roboter.

Nachts zunächst mit Aufsicht

Føtex und die Salling Group wollen erreichen, dass die Roboter bis Anfang 2027 während der Nachtschicht selbstständig arbeiten können. HIVE Robots plant für 2027 zunächst eine Übergangsphase: Ein Teleoperator soll nachts acht Stunden lang einen Roboter überwachen. Danach ist ein Modell vorgesehen, bei dem zwei Bediener drei Roboter betreuen und so einen durchgehenden 24-Stunden-Nachtbetrieb ermöglichen.

Die Roboter werden nicht verkauft. Die Märkte sollen sie stundenweise als Service mieten und bezahlen. Finanzielle Konditionen, die genaue Zahl der beteiligten Filialen sowie Kosten- und Sicherheitsdaten sind bislang nicht veröffentlicht. Die Salling Group will die Testergebnisse in den kommenden Monaten auswerten und danach über eine mögliche Ausweitung entscheiden.

Ein autonomer Einsatz während der Anwesenheit von Kunden ist derzeit nicht vorgesehen. Nach Angaben der Beteiligten wäre dafür eine Änderung des dänischen Rechts erforderlich. Der Test findet deshalb vorerst ausschließlich nachts in für Kunden geschlossenen Filialen statt. Der EU AI Act regelt zwar Hochrisikosysteme, enthält bislang aber keine spezifischen Vorschriften für humanoide Roboter im Lebensmitteleinzelhandel.

Zwischen Entlastung und Personalfrage

Nach Angaben von Føtex verbringen Beschäftigte 40 bis 50 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Auffüllen von Regalen. Gleichzeitig hat die Kette laut HIVE Robots Schwierigkeiten, junge Menschen für diese Tätigkeit zu gewinnen. Das Pilotprojekt soll vor allem die körperliche Belastung während der Nachtschichten verringern; Entlassungen sind im Rahmen des Tests nicht geplant. Die Salling Group betont, die Roboter sollten Beschäftigte unterstützen und nicht ersetzen.

Langfristig stellt sich Føtex ein bis zwei humanoide Roboter pro Markt vor. Neben dem Einräumen könnten sie fehlende oder falsch platzierte Produkte erkennen, leere Kartons entfernen und Mindesthaltbarkeitsdaten kontrollieren. Bis solche Aufgaben zuverlässig funktionieren, dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen. Føtex-Betriebsdirektor Simon Kudsk hält es für möglich, dass es bis zu fünf Jahre dauert, bis Roboter in allen Filialen eingesetzt werden.

Die Salling Group betreibt mehr als 2.100 Filialen in Dänemark, Deutschland, Polen, Lettland, Estland und Litauen, darunter auch Netto und Bilka. Der größere Blick auf den Arbeitsmarkt fällt weniger gemütlich aus: Ein Bericht des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass künstliche Intelligenz die Ausführung von rund 60 Prozent der Jobs in der EU verändern könnte. Manche Aufgaben könnte KI unterstützen, andere vollständig übernehmen. Höhere Produktivität wäre die eine Seite, wegfallende Arbeitsplätze die andere.

Noch steht in Lyngby also kein Roboter unbeaufsichtigt zwischen den Regalen. Stattdessen trägt irgendwo ein Mensch eine VR-Brille, während eine Maschine langsam nach der nächsten Packung greift. Anfang 2027 soll daraus der erste selbstständige nächtliche Einsatz werden – wenn Geschwindigkeit, Präzision, Technik und Regeln bis dahin zusammenpassen.