Liberty Woman in Eigenverwaltung: 115 Filialen bleiben vorerst geöffnet
Die Damenmodekette Liberty Woman mit Hauptsitz in Lübbecke in Nordrhein-Westfalen hat Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Das Amtsgericht Bielefeld genehmigte den Antrag nach Unternehmensangaben. Für Kundinnen ändert sich vorerst wenig: Alle Filialen sollen zunächst geöffnet bleiben, der Geschäftsbetrieb läuft weiter.
Liberty Woman betreibt laut eigener Homepage 115 Standorte – 109 davon in Deutschland, darunter zwei Outlets, sowie sechs in Österreich. Rund 600 Beschäftigte zählt die TextilWirtschaft, auf der Unternehmenshomepage ist von 500 Mitarbeitenden die Rede. Eine weitere Baumarktkette ist ebenfalls insolvent; dort läuft an allen Standorten bereits ein Räumungsverkauf.
Sanierung mit laufendem Geschäft
Unterstützt wird die Sanierung von Experten. Zum vorläufigen Sachwalter bestellte das Gericht Hans-Joachim Berner von der Kanzlei KösterBerner Sanierungsrecht. Liberty Woman will nun Filialnetz, Prozesse und Kostenstrukturen überprüfen. Das Ziel: das Geschäftsmodell mit Boutiquenkonzept sowie stationärem und Online-Handel nachhaltig stärken.
Als Gründe für die Schwierigkeiten nennt das Unternehmen einen herausfordernden Markt, rückläufige Kundenzahlen und eine saisonal, vor allem aber wetterbedingt unterdurchschnittliche Nachfrage nach Herbst- und Wintermode. Wenn draußen der Novemberregen gegen die Scheiben klopft, hilft das dem Verkauf warmer Jacken offenbar nicht automatisch – manchmal ist es sogar umgekehrt.
Liberty Woman steuert die gesamte Wertschöpfungskette selbst und veröffentlicht mehr als 22 Kollektionen pro Jahr. Die Kette blickt auf eine rund 50-jährige Geschichte zurück: 1976 eröffnete in Herford die erste Filiale mit sportlicher Damen- und Herrenmode. 1979 wurde der Firmensitz nach Lübbecke verlegt; die Expansion begann mit neun Filialen in Ostwestfalen. Bis 1988 wuchs das Netz auf 30 Filialen, unter anderem in Südniedersachsen und im Ruhrgebiet.
1990 stellte das Unternehmen auf sportlich-feminine Damenmode um und firmierte in „LIBERTY Damenmoden“ um. 2005 eröffnete die 100. deutsche Filiale, 2011 startete der erste Onlineshop. 2024 folgte in Innsbruck die erste österreichische Filiale.
115 Standorte zwischen Freiburg und Wien
Das Filialnetz reicht heute durch zahlreiche Regionen. In Baden-Württemberg gibt es Standorte in Freiburg im Breisgau, Karlsruhe, Lahr und Reutlingen. In Bayern ist Liberty Woman in Amberg, Ansbach, Coburg, Ingolstadt, Kaufbeuren, Kempten, Neumarkt, Passau, Schweinfurt und Würzburg vertreten. Berlin zählt sechs Filialen.
In Brandenburg liegen Standorte in Brandenburg, Potsdam und Wildau, in Bremen in Bremen. Hessen ist mit Bad Hersfeld, Frankfurt, Fulda, Gießen, Hanau und Wetzlar vertreten. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es Filialen in Greifswald, Neubrandenburg, Rostock, Schwerin, Stralsund und Wismar.
Das niedersächsische Netz umfasst Braunschweig, Buchholz, Celle, Gifhorn, Goslar, Helmstedt, Hildesheim, Leer, Lüneburg, Nordhorn, Osnabrück, Peine, Salzgitter, Stade, Uelzen und Wolfsburg. In Nordrhein-Westfalen finden sich Standorte in Ahlen, Arnsberg, Bad Oeynhausen mit zwei Filialen, Bad Salzuflen, Bünde, Dinslaken, Dorsten, Düren, Eschweiler, Euskirchen, Gütersloh, Hamm, Hürth, Kleve, Lippstadt, Lübbecke, Lünen, Münster, Paderborn, Rheine, Siegburg, Siegen, Warendorf, Wesel und Wuppertal-Barmen.
Hinzu kommen Landau, Neuwied und Speyer in Rheinland-Pfalz. Sachsen ist mit Bautzen, Chemnitz mit zwei Filialen, Dresden, Hoyerswerda, Leipzig mit zwei Filialen, Plauen und Zwickau dabei. In Sachsen-Anhalt gibt es Standorte in Aschersleben, Bernburg, Dessau-Roßlau, Halberstadt, Haldensleben, Halle, Magdeburg mit zwei Filialen, Schönebeck, Stendal und Wernigerode.
Weitere deutsche Standorte liegen in Neumünster in Schleswig-Holstein sowie in Eisenach, Erfurt, Gera, Jena und Weimar in Thüringen. In Österreich betreibt Liberty Woman Filialen in Krems an der Donau, St. Pölten, Vöcklabruck, Graz, Innsbruck und Wien.
Modehandel unter Druck
Die Insolvenz kommt in eine angespannte Branchenlage. 2024 wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz 161 Insolvenzanträge aus der Modebranche registriert – 0,6 Prozent mehr als im Vorjahr. 2023 war mit rund 160 Mode-Insolvenzen bereits ein Rekordjahr, ein Anstieg um 57 Prozent gegenüber 2022. Bei Unternehmen mit mehr als 10 Millionen Euro Jahresumsatz verdreifachte sich die Zahl der Fälle 2023 von elf auf 33.
2024 sank die Zahl dieser Großinsolvenzen wieder von 33 auf 19 Fälle, also um 42 Prozent. Genannt werden unter anderem Esprit, die Gries Deco Company mit Depot und Sinn. Esprit meldete im Mai 2024 für das Europageschäft Insolvenz an; bis Ende 2024 schlossen alle deutschen Filialen, rund 1.300 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz. Gerry Weber meldete im März 2025 zum dritten Mal innerhalb von sechs Jahren Insolvenz an, betroffen waren rund 230 Beschäftigte. Eigene Shops und Outlets blieben zunächst in Betrieb.
Beim Schuhhändler Görtz eröffnete das Amtsgericht Hamburg das Insolvenzverfahren am 1. Juni 2025, zahlreiche Filialen – besonders in Hamburg – wurden geschlossen. Galeria Karstadt Kaufhof durchlief bis 2024 drei Insolvenzverfahren und gehört seit August 2024 der BB Kapital SA. Zu den großen Fällen des Jahres 2023 zählten Signa Sports United, Peek & Cloppenburg Düsseldorf und der Versandhändler Klingel.
Deutschland verzeichnete 2025 insgesamt 24.064 Unternehmensinsolvenzen, 10,3 Prozent mehr als 2024 und den höchsten Wert seit 2014. Aus den gemeldeten Fällen blieben Forderungen von rund 47,9 Milliarden Euro offen. Bei Modeunternehmen zeigte sich im ersten Quartal 2025 zwar ein Rückgang: 34 Unternehmen meldeten Insolvenz an, 40,4 Prozent weniger als im ersten Quartal 2024 mit 57 Fällen. Das Niveau lag aber weiterhin über dem der Vor-Pandemie-Jahre.
Weniger Laufkundschaft, mehr Kosten
Der deutsche Markt für Bekleidung sowie Heim- und Haustextilien umfasst rund 67 Milliarden Euro. Rund 28 Prozent dieser Waren werden inzwischen online oder im Versandhandel gekauft. Nach Schätzungen des BTE geben jährlich etwa 500 Textileinzelhändler dauerhaft auf – durch Insolvenz oder weil eine Nachfolge fehlt. Im ersten Halbjahr 2024 verschwanden zudem etwa 100 Unternehmen aus dem Schuhhandel.
Der stationäre Bekleidungsumsatz sank 2024 um knapp ein Prozent und lag fast fünf Prozent unter dem Niveau von 2019. Rund 33 Prozent der privaten Konsumausgaben entfallen auf den Einzelhandel. Im Schuhmarkt vereinen etwa sechs Unternehmen rund 51 Prozent des Umsatzes; Mode-Insolvenzen häufen sich laut der Branchenanalyse in großen Konsumzentren und Innenstadtlagen.
Auch die Hersteller spüren den Gegenwind. Bis zum Ende des dritten Quartals 2024 sanken die Umsätze der Textil- und Modeindustrie um 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im August 2024 ging der Umsatz der Bekleidungshersteller um 12,4 Prozent zurück, bei den Textilherstellern waren es zehn Prozent. Ende August arbeiteten in der Textilindustrie 5,4 Prozent und in der Bekleidungsindustrie 2,7 Prozent weniger Menschen als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Bekleidungsbetriebe sank binnen eines Jahres um rund fünf Prozent, die der Textilbetriebe um etwa vier Prozent.
Deutsche gaben 2024 durchschnittlich 547 Euro pro Kopf für Kleidung und Schuhe aus. In 25 europäischen Ländern lag der Durchschnitt bei 772 Euro. Der ifo-Geschäftsklimaindex für den Mode- und Schuhhandel fiel im Juni 2024 auf minus 38,4 Punkte. Als Belastungen gelten Kaufzurückhaltung, hohe Energie-, Personal- und Mietkosten, strengere Regulierung sowie die Konkurrenz preisgünstiger Plattformen aus Asien. Mono-Label-Ketten wie H&M und Zara verdrängen laut der Analyse den klassischen Fachhandel.
Unternehmen sanieren sich deshalb teils in Eigenverwaltung, verkleinern sich, werden verkauft oder aufgelöst. Bei anhaltend schwacher Nachfrage und niedrigen Margen werden weitere Insolvenzen erwartet. Liberty Woman versucht derweil, die Türen offenzuhalten – in Lübbecke ebenso wie in Wien, Innsbruck und den vielen anderen Städten.
