In Bielefeld ist einiges in Bewegung: Nutrias breiten sich aus, Lidl baut sein Filialnetz aus und auf dem Campus Süd der Universität Bielefeld sind zwei neue Gebäude fertig. Drei Entwicklungen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben – und doch allesamt zeigen, wie stark sich die Stadt verändert.

Am auffälligsten ist derzeit vielleicht der Blick ans Wasser. Im Jagdjahr 2025/2026 wurden in Bielefeld bislang 105 Nutrias erlegt. Die invasive Tierart kann Uferböschungen beschädigen und der heimischen Tierwelt zusetzen. Die Behörden bitten deshalb ausdrücklich darum, die Tiere nicht zu füttern. Was gut gemeint sein mag, verschärft die Probleme nur.

Nutrias werden zum bundesweiten Problem

Nutrias stammen ursprünglich aus Südamerika. In den 1920er-Jahren wurden sie wegen ihres Fells und Fleisches nach Deutschland gebracht. Heute gelten sie in der Europäischen Union als invasive Art; Deutschland ist verpflichtet, ihre Bestände einzudämmen.

Wie groß die Entwicklung inzwischen ist, zeigen die Zahlen des Deutschen Jagdverbands (DJV), die am 4. Juli 2026 beim Bundesjägertag in Suhl veröffentlicht wurden: Im Jagdjahr 2024/25 wurden deutschlandweit 131.157 Nutrias erlegt – so viele wie nie zuvor. Gegenüber vor 20 Jahren entspricht das einem Anstieg von rund 1.700 Prozent. Niedersachsen lag mit knapp 54.000 Tieren an der Spitze, Nordrhein-Westfalen folgte mit mehr als 41.000 Abschüssen. Auf beide Bundesländer entfielen damit mehr als zwei Drittel der bundesweiten Abschüsse.

Nach Angaben des WILD-Monitorings melden inzwischen mehr als ein Drittel der deutschen Jagdreviere Nutria-Vorkommen. Schwerpunkte liegen im Norddeutschen Tiefland, vor allem an Rhein, Ems, Weser und Elbe samt Nebenarmen. Am Niederrhein sollen die Tiere innerhalb weniger Jahre mehr als 90 Prozent des Schilfs vernichtet haben.

Das ist nicht bloß eine Frage zerfressener Uferpflanzen. Nutrias graben Tunnel in Uferböschungen und Deiche, können Schilfgürtel zerstören und dadurch Lebensräume von Vögeln, Fischen und Amphibien beeinträchtigen. Auch der Hochwasserschutz kann leiden. Die Bejagung erfolgt überwiegend ehrenamtlich und soll sowohl dem Arten- als auch dem Hochwasserschutz dienen.

Städte bieten Nahrung und gute Verstecke

Eine Untersuchung des DJV wertete Daten aus 23.000 Jagdrevieren aus. 2023 wurden Nutrias in 35 Prozent der untersuchten Reviere festgestellt – doppelt so häufig wie 2015. Besonders geeignete Bedingungen finden sie an Rhein, Ems, Weser und Elbe.

In Nordrhein-Westfalen kamen die Tiere in 60 Prozent der Jagdgebiete vor, in Niedersachsen in 55 Prozent und in Sachsen-Anhalt in 50 Prozent. Bremen meldete Nutrias sogar in 93 Prozent der Reviere, sechsmal so häufig wie 2015. In Hamburg wurden sie in 74 Prozent der Reviere festgestellt.

Der DJV führt die starke Verbreitung in Städten unter anderem auf unerlaubte Fütterung, klimatische Vorteile und jagdliche Einschränkungen zurück. In städtischen Gebieten sind die Nagetiere häufig tagaktiv und können sich stark vermehren. Ihre meterlange Grabtätigkeit kann Deiche und Uferböschungen destabilisieren, wodurch der Hochwasserschutz an Flüssen und Küsten gefährdet wird. Fressen sie Röhricht, können ganze Flussabschnitte schilffrei werden. Schilfgebiete sind Lebens- und Fortpflanzungsräume für Insekten, Amphibien, Fische und Vögel; ihr Verlust kann die Artenvielfalt beeinträchtigen.

DJV-Präsident Helmut Dammann-Tamke forderte, Nutrias in das Bundesjagdgesetz aufzunehmen und sich politisch zur Fangjagd zu bekennen. In den meisten Bundesländern gibt es bereits Jagdzeiten oder Sondergenehmigungen für die Nutria-Jagd. Die Deutsche Wildtier Stiftung sieht die Gefahren für den Hochwasserschutz vor allem vor Ort. Nach Angaben von Andreas Kinser bestehen die Herausforderungen und Konflikte lokal, auch wenn nicht jedes Revier mit Nutria-Vorkommen tatsächlich Probleme meldet. Die Reparatur beschädigter und instabiler Deiche kann erhebliche finanzielle Mittel verschlingen. Den ökologischen Schaden schätzt die Stiftung im Vergleich zu anderen gebietsfremden Arten wie dem allesfressenden Waschbären allerdings als geringer ein.

Neue Lidl-Filialen ohne fossile Brennstoffe

Während an den Ufern gebremst werden soll, geht es im Handel voran. Lidl eröffnet im November 2026 zwei neue Filialen in Bielefeld. Eine weitere Filiale soll bis Anfang 2027 modernisiert werden.

Die neuen Standorte verzichten vollständig auf fossile Brennstoffe und nutzen erneuerbare Energien. Das klingt im Alltag weniger spektakulär als ein neuer Marktparkplatz, steckt aber in Heizung, Kühlung und Gebäudetechnik – also genau dort, wo der Betrieb dauerhaft Energie braucht.

Damit ist die Expansion offenbar noch nicht abgeschlossen: Lidl prüft weitere Standorte in Jöllenbeck, Baumheide/Brake/Milse und Dornberg. Für Kundinnen und Kunden heißt das womöglich kürzere Wege zum Einkauf; für die Stadt bedeutet es neue Anlaufstellen an mehreren Ecken.

Medizin auf dem Campus Süd

Auch die Universität Bielefeld meldet einen wichtigen Schritt. Auf dem Campus Süd wurden die Gebäude R5 und R6 fertiggestellt. Zum Wintersemester beginnt erstmals der Vollbetrieb der Medizinischen Fakultät mit 300 Medizinstudierenden.

Damit zählt die Fakultät zu den größeren Standorten der Hochschulmedizin in Nordrhein-Westfalen. Der Weg dorthin war allerdings nicht ganz glatt: Brandschutzprobleme und Lieferengpässe sorgten für Verzögerungen. Den Zeitplan für den Vollbetrieb konnte die Universität trotzdem einhalten – gerade bei einem Vorhaben dieser Größe keine Kleinigkeit.