Für 38 Tegut-Lebensmittelmärkte ist der Weg zu Rewe frei: Das Bundeskartellamt hat die Übernahme unter Auflagen genehmigt. Ursprünglich wollte Rewe 40 Standorte und zwei Immobilien übernehmen. Die beiden Immobilien wurden ebenfalls freigegeben, bei den Märkten bleiben jedoch zwei außen vor.

Mindestens vier Jahre lang darf die gesamte Rewe-Gruppe weder die Tegut-Filiale in der Ketzerbach 25–28 in Marburg noch den Tegut-Standort in Schlüchtern erwerben. Das Verbot umfasst auch Anschlussmietverträge. Die Entscheidung ist allerdings noch nicht rechtskräftig; eine Beschwerde beim Oberlandesgericht Düsseldorf ist möglich.

Ketzerbach bleibt zunächst außen vor

In Marburg kann Rewe damit die Tegut-Märkte in der Marburger Straße 100 in Cappel und in der Universitätsstraße 8 in der Marburg Mall übernehmen. Konkrete Zeitpunkte für die Übergänge stehen bislang nicht fest. Was aus dem Standort in der Ketzerbach wird, ist ebenfalls offen. Die Entscheidungen des Kartellamts legen nicht fest, ob und von wem nicht übernommene Märkte künftig betrieben werden.

Das Amt hatte durch die ursprüngliche Planung Wettbewerbsprobleme in den regionalen Markträumen Schlüchtern, Marburg-Ketzerbach und Marburg-City gesehen. Gerade in Marburg überschneiden sich die Einzugsgebiete. Der Verzicht auf die Ketzerbach-Filiale soll deshalb auch die Bedenken für Marburg-City ausräumen oder zumindest auf ein kartellrechtlich zulässiges Maß drücken. Nach Einschätzung der Behörde verhindert die Auflage eine erhebliche Verschlechterung der Wettbewerbsbedingungen für Verbraucher.

Geprüft wurde das Vorhaben seit April 2026. Ende August übermittelte das Bundeskartellamt den Beteiligten seine vorläufige Bewertung. Bei Lebensmitteleinzelhandelsfusionen schaut die Behörde auf zwei Seiten des Geschäfts: auf den Wettbewerb um Kundinnen und Kunden vor Ort und auf die Stellung großer Handelsunternehmen gegenüber Herstellern und Lieferanten.

Rewe bleibt ein wichtiger Einkäufer

Bei den Beschaffungsmärkten griff das Kartellamt weitgehend auf Erkenntnisse aus dem parallel geprüften Verfahren EDEKA/tegut zurück. Rewe gehört auch beim Einkauf von Lebensmitteln zu den führenden Unternehmen und ist für viele Markenhersteller ein wichtiger Abnehmer. Der zusätzliche Anteil am bundesweiten Beschaffungsvolumen, der durch die Übernahme entsteht, liegt jedoch unter 0,2 Prozentpunkten. Eine erhebliche Behinderung des Wettbewerbs auf diesen Märkten erwartet die Behörde deshalb nicht.

Hinzu kommt eine Zusicherung der Verkäuferin: Rewe erhält weder während des Erwerbsprozesses noch danach Zugriff auf die Beschaffungskonditionen von Tegut oder der Einkaufskooperation RTG. Das ist ein eher trockener Satz aus der Kartellprüfung, kann für Hersteller und Lieferanten aber durchaus Gewicht haben.

Die Konzentration im deutschen Lebensmittelhandel ist ohnehin hoch. Auf Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland sowie Aldi entfallen inzwischen mehr als 90 Prozent des bundesweiten Umsatzes. Ein Fusionsverbot lässt sich daraus allein aber nicht ableiten, erklärt das Bundeskartellamt. Entscheidend seien die konkreten Auswirkungen der jeweiligen Übernahme.

Weitere Märkte gehen an Edeka und Tante Enso

Hinter dem Verkauf steht der Rückzug der Schweizer Genossenschaft Migros Zürich aus Deutschland. Sie hatte Tegut 2013 übernommen und im März 2026 angekündigt, das deutsche Geschäft abzugeben. Laut einem Bericht von ZDFheute machte Migros dabei ein Minus im dreistelligen Millionenbereich. Die Tegut-Gruppe betrieb zuletzt rund 300 Lebensmittelmärkte sowie weitere automatisierte Kleinflächenmärkte; an anderer Stelle war im Zusammenhang mit dem Unternehmen von etwa 340 Filialen die Rede.

Im Verkaufsprozess hatte das Kartellamt zuvor bereits die Übernahme von 178 Tegut-Märkten und weiteren Unternehmensteilen durch Edeka genehmigt. Ende September wurde diese Entscheidung ebenfalls mit dem Verzicht auf ursprünglich geplante Standorte verbunden. Weitere 36 Tegut-Standorte dürfen an Tante Enso gehen, darunter eine Filiale im Stadtwald Marburg. Mit der Rewe-Entscheidung sind nun 38 weitere Standorte freigegeben. Über die Zukunft der übrigen Märkte entscheiden die beteiligten Unternehmen.

Edeka plant nach Angaben von ZDFheute die Übernahme von rund 200 der etwa 340 Tegut-Filialen. In dieser Darstellung musste die Edeka-Übernahme noch vom Bundeskartellamt genehmigt werden; die später genannten behördlichen Angaben verweisen bereits auf die Freigabe von 178 Märkten und weiteren Unternehmensteilen. Ein Detail, an dem man merkt, wie schnell sich ein solcher Verkaufsprozess verändert.

Ein kleiner Anteil in einem riesigen Markt

Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel zählt zu den konzentriertesten Märkten Europas. Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe vereinen laut ZDFheute rund 85 Prozent des Marktes. Der Gesamtumsatz lag 2024 bei 209,7 Milliarden Euro. Edeka kam auf 61,42 Milliarden Euro, Rewe auf 40,05 Milliarden, Aldi Nord und Süd zusammen auf 35,84 Milliarden und die Schwarz-Gruppe auf 55,16 Milliarden Euro.

Für 2025 wurden für den Edeka-Verbund 77,3 Milliarden Euro Nettoumsatz genannt, für die Rewe Group im Deutschlandgeschäft 69,12 Milliarden Euro. Tegut erzielte rund 1,3 Milliarden Euro und damit weniger als ein Prozent Marktanteil. Der Handelsexperte Stephan Rüschen ordnet diesen Anteil als kleiner ein als das jährliche organische Wachstum der großen Handelsgruppen. Eine grundlegende Veränderung der Marktverhältnisse durch die Tegut-Übernahme sei daher kaum zu erwarten.

Rüschen beschreibt den Handel als Oligopol mit wenigen Anbietern; der Eintritt neuer Händler sei inzwischen kaum vorstellbar. Trotzdem sieht er für Verbraucher keinen eindeutigen Wettbewerbsnachteil. Preise bleiben ein zentrales Instrument, große Handelsgruppen senken sie gezielt, um Marktanteile zu gewinnen. Dass Standardprodukte bei verschiedenen Ketten ähnlich viel kosten, sei wegen identischer Produkte nicht automatisch ein Hinweis auf Kartellstrukturen.

Wettbewerb läuft schließlich auch über Sortimente, Eigenmarken, Ladenkonzepte und Kassensysteme. Selbst innerhalb der Konzerne stehen Vertriebslinien nebeneinander: Penny konkurriert mit Rewe, Netto mit Edeka. Für Lieferanten ist die Konzentration heikler, weil ihnen weniger Ausweichmöglichkeiten bleiben. Marktmacht entsteht dort, wo Geschäftspartner nicht ausweichen können.

Edeka erklärt, für faire, partnerschaftliche und langfristige Beziehungen zu mittelständischen Herstellern und heimischen Erzeugern zu stehen. Viele Molkereiprodukte, Fleisch- und Wurstwaren, Getreide sowie Obst und Gemüse würden außerdem exportiert oder außerhalb des Handels, etwa in der Gastronomie, verkauft. Der Lebensmitteleinzelhandel decke nur etwa ein Drittel des Vertriebs ab.

Das Bundeskartellamt kann über Fusionskontrollen und Sektoruntersuchungen eingreifen, wenn der Wettbewerb gefährdet ist. Bei Tegut prüfte die Behörde deshalb besonders die regionalen Auswirkungen und konnte einzelne Filialübernahmen untersagen oder Auflagen verhängen. Rüschen erwartet eine genaue Prüfung, rechnet grundsätzlich aber mit einer Zustimmung zur Übernahme. Einen kritischen Punkt könne der Markt bei weiterer Konzentration irgendwann erreichen; derzeit sei er noch nicht erreicht. Mittelgroße und regionale Händler halten ihn weiterhin beweglich.