Edeka übernimmt 178 Tegut-Märkte – das Ende der Supermarktkette rückt näher
Für Tegut wird es ernst: Die Supermarktkette steht vor dem Rückzug aus dem deutschen Lebensmittelhandel. Filialen, für die kein Nachfolger gefunden wird, sollen voraussichtlich bis zum 19. Dezember 2026 geöffnet bleiben. Mit möglichen Käufern laufen weiterhin Verhandlungen. In Groß-Zimmern ist die Entscheidung bereits gefallen: Dort war der 27. Oktober 2026 der letzte Verkaufstag.
Rund 300 Standorte betreibt Tegut zuletzt, knapp 7500 Menschen arbeiten für das Unternehmen. Nun sollen insgesamt 252 Tegut-Standorte von Edeka, Rewe und Tante Enso übernommen werden. Auch der Name Tegut soll vom deutschen Lebensmittelmarkt verschwinden. Migros, seit 2013 Eigentümerin, hatte im März 2026 angekündigt, einen Käufer für Tegut zu suchen.
Edeka übernimmt den größten Teil
Das Bundeskartellamt hat die Übernahme von 178 tegut-Lebensmittelmärkten und weiteren Unternehmensteilen durch EDEKA freigegeben. Edeka-Chef Markus Mosa zufolge erhalten dadurch mehr als 3700 Beschäftigte eine neue berufliche Perspektive. Weitere 24 Standorte darf Edeka allerdings vier Jahre lang nicht erwerben. Das Verbot gilt für die gesamte EDEKA-Gruppe, also auch für Regionalgesellschaften und selbstständige Einzelhändler. Erfasst sind zudem Miet- und Anschlussmietverträge für diese Standorte.
Die Auflagen sollen wettbewerbliche Bedenken in 34 regionalen Märkten ausräumen oder auf ein zulässiges Maß senken. Ohne die Zusagen hätte der Zusammenschluss in Hessen, Thüringen, Nordbayern und Baden-Württemberg den Wettbewerb in diesen Märkten erheblich behindert. In neun Fällen wäre eine marktbeherrschende Stellung von EDEKA entstanden oder verstärkt worden.
Ursprünglich angemeldet waren 202 tegut-Lebensmittelmärkte, 41 automatisierte teo-Standorte, die Herzberger Bäckerei und ein Logistikzentrum. Das Bundeskartellamt untersuchte das Vorhaben seit März 2026 und übermittelte den Beteiligten Ende Juli eine vorläufige wettbewerbliche Bewertung. Geprüft wurde sowohl der Wettbewerb um Verbraucherinnen und Verbraucher auf lokalen Absatzmärkten als auch der Wettbewerb zwischen Händlern sowie Herstellern und Lieferanten auf grundsätzlich bundesweiten Beschaffungsmärkten.
Ein erstes Zusagenangebot von EDEKA vom 20. Juli 2026 reichte der Behörde nicht aus. Nach weiteren Verhandlungen legte EDEKA am 14. September 2026 ein erweitertes Angebot vor. In 24 Markträumen verschwanden die Bedenken unmittelbar durch den Verzicht auf die dortigen tegut-Standorte, in zehn weiteren durch den Verzicht auf Standorte in benachbarten oder überschneidenden Markträumen. Teilweise überschneiden sich die Einzugsgebiete der Lebensmittelmärkte. Die vierjährige Frist soll ermöglichen, dass die betroffenen Märkte außerhalb der EDEKA-Gruppe weiterbetrieben werden können. Wer das übernimmt, schreiben die Auflagen nicht vor.
Für den Standort Bad Neustadt gilt das Erwerbsverbot nur für den Betrieb eines Lebensmitteleinzelhandelsstandorts, nicht für den Kauf der Immobilie. Betroffen sind:
- Aalen, Am Tannenwäldle 2, 73431
- Alsfeld, An der Au 10, 36304
- Bad Langensalza, Marktstraße 25, 99947
- Bad Neustadt, Saalestraße 2, 97616
- Erfurt/Marbach, Bergener Straße 18, 99092
- Geisa, Gartenweg 3, 36419
- Gerbrunn, Am Kirschberg 5, 97218
- Heiligenstadt, Brüsseler Straße 1, 37308
- Hünfeld, Am Niedertor 2–8, 36088
- Kassel, Frankfurter Straße 86, 34121
- Kassel, Friedrich-Ebert-Straße 29, 34117
- Kassel, Wilhelmshöher Allee 262, 34131
- Kirchhain, Mühlgasse 11, 35274
- Korbach, Briloner Landstraße 4–6, 34497
- Neuhof, Hanauerstraße 1, 36119
- Oberelsbach, Oberwaldbehrunger Straße 20, 97656
- Rainrod, Mühlstraße 23, 63679
- Riedstadt, Lise-Meitner-Straße 2, 64560
- Sachsenberg, Frankenberger Straße 12, 35104
- Schonungen, Ludwig-Grobe-Straße 3, 97453
- Tauberbischofsheim, Krautgartenweg 6, 97941
- Würzburg, Frankfurter Straße 18, 97082
- Würzburg-Estenfeld, Am Zehnthügel 2, 97230
- Zella-Mehlis, Ortsteil Benshausen, Benshäuser Straße 12, 98544
Rewe wartet, Tante Enso ist schon dabei
Das Bundeskartellamt hatte im Juni 2026 bereits die Übernahme von 36 überwiegend kleineren tegut-Standorten durch Tante Enso Süd-West freigegeben. Die geplante Übernahme weiterer tegut-Standorte durch REWE wird weiterhin geprüft. REWE hat im Hauptprüfverfahren ein Zusagenangebot vorgelegt. Die verlängerte Prüffrist läuft bis zum 29. Oktober 2026; eine Entscheidung steht noch aus.
Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel vereinten EDEKA, REWE, Schwarz-Gruppe und ALDI 2025 zusammen mehr als 90 Prozent des bundesweiten Umsatzes auf sich: EDEKA rund 30 Prozent, die Schwarz-Gruppe rund 25 Prozent, REWE rund 22 Prozent sowie ALDI Nord und Süd zusammen rund 15 Prozent. Zwischen den großen Lebensmittelhändlern herrscht intensive Wettbewerberbeobachtung. Bei einem Teil des Sortiments ist die Preisgleichheit hoch. Preisänderungen gingen in der Vergangenheit häufig von ALDI aus, zuletzt wurden vermehrt auch zuerst von Lidl vorgenommene Preisänderungen beobachtet.
Die Margen stiegen während der Corona-Pandemie deutlich an und gehen seit spätestens 2022 wieder zurück. Bei den vier großen Handelsgruppen liegen sie im Durchschnitt dennoch weiterhin über dem Vor-Corona-Niveau. Laut Bundeskartellamt bewegen sich die durchschnittlichen Margen im Lebensmitteleinzelhandel im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Eine einzelmarktübergreifende kollektive Marktbeherrschung der führenden Lebensmittelhändler auf den Absatzmärkten stellte die Behörde nicht fest. Dagegen sprachen fehlende Verbindungen und Lieferbeziehungen zwischen den großen Händlern, der tatsächliche Wettbewerb und die vergleichsweise niedrigen Margen. Auch andere europäische Wettbewerbsbehörden hatten eine solche kollektive Marktbeherrschung bislang nicht festgestellt.
Strenge Regeln für Einkauf und Lieferanten
Auf den Beschaffungsmärkten verfügt EDEKA über eine starke Stellung. Das Bundeskartellamt untersuchte unter anderem neun Produktgruppen und befragte rund 150 Hersteller und Lieferanten. Für manche Markenhersteller sind EDEKA und REWE, teilweise auch die Schwarz-Gruppe, als Abnehmer einzeln unverzichtbar. Diese relative Nachfragemacht kann in Missbrauchsverfahren eine Rolle spielen, reicht aber nicht aus, um eine Fusion zu untersagen.
Der durch tegut hinzukommende Anteil am gesamten Beschaffungsvolumen des deutschen Lebensmitteleinzelhandels beträgt weniger als 0,4 Prozentpunkte. Die Bedeutung von tegut als eigenständiger Nachfrager und als Mitglied der Einkaufskooperation Retail Trade Group, kurz RTG, ist laut Ermittlungen begrenzt. Auf den Beschaffungsmärkten erwartet das Bundeskartellamt deshalb keine erhebliche Wettbewerbsbehinderung.
EDEKA verpflichtete sich, im Zusammenhang mit der Übernahme keine Konditionen ohne angemessene Gegenleistung zu verlangen. Damit soll vor allem nachträglichen Forderungen sogenannter „Hochzeitsrabatte“ entgegengewirkt werden. EDEKA und tegut erklärten außerdem, keinen Bestwertabgleich anzustreben. Dabei würde der Erwerber versuchen, eigene Einkaufskonditionen an möglicherweise günstigere Konditionen des Zielunternehmens anzupassen. EDEKA soll zu keinem Zeitpunkt Zugriff auf die Beschaffungskonditionen von tegut oder der RTG erhalten.
Auch auf der Beschaffungsseite wurde keine kollektive Marktbeherrschung der führenden Unternehmen festgestellt. Es fehlten ausreichende Anhaltspunkte für eine hohe Transparenz der Beschaffungspreise, eine gegenseitige Abhängigkeit der Verhandlungen oder einen Anreiz zur Koordinierung von Beschaffungspreisen. Keine andere befragte europäische Wettbewerbsbehörde hatte bislang eine kollektive Marktbeherrschung auf der Beschaffungsseite festgestellt.
Eine lange Geschichte mit vielen Umbauten
Gegründet wurde das Unternehmen 1947 in Fulda von Theo Gutberlet – damals unter dem Namen „Thegu“, abgeleitet aus den Anfangsbuchstaben seines Vor- und Zunamens. 1955 wurde daraus „Tegut“. Ab 1961 liefen größere Filialen unter „HaWeGe“, der „HandelsWarenGesellschaft“, kleinere ab 1973 unter „Okay“. 1972 gründete Tegut die eigene Wurst- und Fleischverarbeitung kff Kurhessische Fleischwaren GmbH; 1973 übernahm Wolfgang Gutberlet, der Sohn des Gründers, die Unternehmensführung.
1982 begann Tegut mit dem Anbau und der Vermarktung von Bio-Lebensmitteln. 1989 wurde das Unternehmen in eine Stiftung überführt, deren Aufsichtsrat die Geschäftsführung einsetzt. Die Bio-Bäckerei herzberger Bäckerei GmbH entstand 1996 als Tochterunternehmen. Nach eigenen Angaben war Tegut 1997 der erste deutsche Lebensmittelhändler, der Kreditkartenzahlungen akzeptierte. 1998 wurde der Name in „tegut…“ geändert; seitdem tragen auch die Märkte diese Bezeichnung.
Für kleinere Geschäfte in ländlichen Gemeinden und Stadtteilen führte Tegut 2010 das Konzept „Lädchen für alles“ ein. Am 11. Oktober 2012 wurde die Übernahme der aus sechs Einzelunternehmen bestehenden Handelssparte durch die Genossenschaft Migros Zürich, GMZ, bekanntgegeben. Nach kartellrechtlicher Genehmigung und Zustimmung des Migros-Genossenschafts-Bundes wurde sie im Januar 2013 wirksam. Die GMZ übernahm die Handelssparte der früheren „tegut… Gutberlet Stiftung & Co. KG“.
Produktionsbetriebe wie die Herzberger Bäckerei und KFF sowie die landwirtschaftlichen Betriebe verblieben bei der neu gegründeten „W–E–G Stiftung & Co. KG“. Ende 2016 verkaufte die Gutberlet-Stiftung ihre KFF-Anteile an die Deuerer-Gruppe aus Bretten, einen Hersteller von Heimtierfutter. Hintergrund war der Wegfall von Tegut als Hauptkunde durch die Migros-Übernahme. Im Mai 2017 wurde die Herzberger Bäckerei wieder in die Tegut-Gruppe eingegliedert.
Ende April 2021 führte eine Cyberattacke zum Ausfall des Warenwirtschaftssystems und dadurch zu leeren Regalen. Hacker veröffentlichten eine Datenbank mit persönlichen Daten von Kundenkartenbesitzern im Darknet. 2023 übernahm Tegut 19 Filialen und alle Mitarbeitenden der insolventen Bio-Supermarktkette Basic; die Filialen werden schrittweise in Tegut-Märkte umgewandelt.
Zwischen 2013 und 2023 erzielte Tegut nur in vier Jahren keinen Verlust. Nach hohen Verlusten der Schweizer Muttergesellschaft 2022 und 2023 teilte die Genossenschaft Migros Zürich 2024 mit, dass kein Verkauf von Tegut geplant sei. Laut Lebensmittel Zeitung wollte Migros bis Ende 2024 über die weitere Zukunft entscheiden. Am 14. November 2024 wurde bekannt, dass Migros Zürich den Verkauf jeder zehnten Filiale plante, in der Fuldaer Zentrale 120 Vollzeitstellen abgebaut werden sollten und die Geschäftsleitung erneuert würde. Geschäftsführer Thomas Gutberlet, Enkel des Gründers und seit 30. August 2009 in dritter Generation Vorsitzender, verließ das Unternehmen sofort.
Die Logistikstandorte in Seebergen und Fulda wurden Anfang 2024 geschlossen. Seit Juli 2024 läuft die Logistik über das neue, an der A7 gelegene Logistikzentrum Michelsrombach. Anfang Dezember 2024 setzte Migros Zürich Tegut eine Frist bis Ende 2026, um wieder Gewinne zu erzielen. Im März 2026 berichteten mehrere Medien über einen möglichen Verkauf der Supermarktkette. Die Zentrale in Fulda soll voraussichtlich Ende März 2027 geschlossen werden.
Das Filialnetz liegt überwiegend in der Nähe des Unternehmenssitzes in Fulda und umfasst große Teile Hessens und Thüringens, Westfranken sowie einige Filialen in Mainz und im Raum Göttingen. Seit der Expansion unter Migros kamen Standorte im Raum Stuttgart und München hinzu. 2014 eröffnete in Stuttgart der erste Tegut-Markt außerhalb des bisherigen Verbreitungsgebiets. Beliefert wurden die Filialen vom Zentrallager Fulda und bis Anfang 2024 auch vom Standort Seebergen.
Im November 2020 eröffnete in Fulda der erste „tegut… teo“-Laden. Das digitale Kleinstladen-Konzept bietet etwa 50 Quadratmeter Verkaufsfläche und rund 950 Produkte, funktioniert im Selbstbedienungsbetrieb ohne dauerhaft anwesendes Verkaufspersonal und ist grundsätzlich durchgehend geöffnet. Anfang März 2024 gab es 39 teo-Märkte. Wegen einer Neubewertung der Rechtslage durften die teo-Märkte in Hessen ab Januar 2024 an Sonn- und Feiertagen nicht öffnen; das galt bis zur Neufassung des hessischen Ladenöffnungsgesetzes im Juli 2024.
Im Oktober 2022 startete Migros das teo-Konzept auch in der Schweiz. Die Schweizer Standorte sind auch am Wochenende rund um die Uhr zugänglich. 2024 wurde in Fulda die Smart Retail Solutions GmbH gegründet, um teo als Franchise-Konzept zu vertreiben. Das Unternehmen ist eine Tochtergesellschaft der Migros und Schwesterunternehmen von Tegut. Smart Retail Solutions betreibt die teo-Märkte, die inzwischen nicht mehr zu Tegut gehören.
In einigen Tegut-Märkten gab es im Vorkassenbereich Bäckereitheken von Herzberger. Tegut kündigte 2012 an, diese selbst betriebenen Marktcafés aufzugeben und die Flächen an regionale Bäckereien zu vergeben. Herzberger-Backwaren sollten seitdem nur noch im Selbstbedienungsbereich der Märkte verkauft werden.
Für regionale Erzeuger könnte der Rückzug Folgen haben. Der Hessische Bauernverband befürchtet Nachteile, wenn Absatzmöglichkeiten wegfallen oder neu organisiert werden müssen. Zwischen den Regalen, an der Kasse und bei den Lieferanten geht es damit um mehr als ein neues Schild über dem Eingang.
