Edeka übernimmt Tegut-Großteil – Fuldaer Traditionsmarke vor dem Aus
Bei Tegut steht ein großer Eigentümerwechsel bevor: Der Großteil der Supermarktkette mit Hauptsitz in Fulda soll an Edeka verkauft werden. Migros Zürich (GMZ), seit 2013 Eigentümerin, zieht sich damit vollständig aus Deutschland zurück. Mehr als 7.400 Beschäftigte in rund 340 Filialen wurden am Morgen über die Pläne informiert.
Der Markenname „Tegut“ beziehungsweise „tegut…“ soll künftig nicht weitergeführt werden. Für die seit 1948 bestehende Tegut-Tradition in Fulda ist das ein tiefer Einschnitt, erklärten Fuldas Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld und Landrat Bernd Woide. Sie bekundeten ihre Solidarität mit den Beschäftigten und hofften auf eine gute, zukunftsfähige Lösung mit neuen Eigentümern.
Was Edeka übernehmen soll
Der bereits unterzeichnete Vertrag umfasst einen Großteil der Tegut-Filialen, das dort beschäftigte Verkaufspersonal, das Logistikzentrum in Michelsrombach in Hessen, die Herzberger-Bäckerei sowie die Smart Retail Solutions GmbH mit den Teo-Smartstores. Damit würde Edeka nicht nur Märkte, sondern wesentliche Teile der Tegut-Wertschöpfungskette übernehmen.
Nach Angaben aus dem Umfeld der Transaktion plant Edeka den Kauf von rund 200 der etwa 340 Tegut-Filialen. Genannt werden dabei die Edeka-Regionen Hessenring, Südwest, Südbayern und Nordbayern. Mit der Smart Retail Solutions GmbH kämen auch die Teo-Smartstores und deren Technologie zum Verbund. Migros hatte das Teo-Geschäft erst wenige Monate zuvor von Tegut getrennt, neu gestaltet und als eigenständiges, franchise-fähiges Technologieunternehmen positioniert.
Welche Filialen konkret an Edeka gehen und welche Standorte andere Händler übernehmen, ist aus Vertraulichkeitsgründen noch offen. Auch der Kaufpreis wurde nicht veröffentlicht. Die Transaktion steht unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Bundeskartellamts; Angaben zu einzelnen Märkten sollen voraussichtlich erst danach möglich sein.
Eine Komplettübernahme durch einen einzigen Händler war offenbar nicht umsetzbar. Migros Zürich verhandelt deshalb für die übrigen Standorte mit weiteren, bislang nicht genannten Marktteilnehmern. Auch Rewe und die Minimarkt-Kette Tante Enso haben Interesse signalisiert. Eine Gesamtübernahme durch einen bislang nicht in Deutschland tätigen Händler kam laut Migros nicht zustande.
Viele Fragen für die Beschäftigten
In den rund 300 Tegut-Märkten sollen nach Unternehmensangaben voraussichtlich viele Arbeitsplätze erhalten bleiben, weil Edeka einen wesentlichen Teil der Filialen samt Verkaufspersonal übernimmt. Offen bleibt aber, wie viele Beschäftigte der Zentrale, der Logistik und der Herzberger-Bäckerei weiterbeschäftigt werden. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Filialen und in der Fuldaer Zentrale bleibt die Zukunft daher zunächst unsicher – bis die Übernahme genehmigt und für die übrigen Standorte Käufer gefunden sind.
GMZ begründet den Verkauf mit einer umfassenden Analyse. Trotz umfangreicher Einsparungen im vergangenen Jahr habe sich das Marktumfeld in Deutschland weiter verschärft, zugleich seien die Tegut-Umsätze erneut zurückgegangen. Migros bewertet das Unternehmen wegen seiner vergleichsweise kleinen Größe und seiner spezifischen Positionierung langfristig als wirtschaftlich nicht zukunftsfähig.
Das kommt trotz einiger Verbesserungen. Im Frühjahr 2025 sprach Tegut-Chef Patrik Pörtig noch von einer deutlichen Trendwende und einer Ergebnisverbesserung um 44 Prozent im ersten Quartal. Laut aktueller Migros-Mitteilung konnten die operativen Verluste um mehr als die Hälfte reduziert werden. Trotzdem reichte das nicht.
Im November 2024 hatte Migros die Tegut-Geschäftsführung ausgewechselt, Stellenabbau angekündigt und dem Unternehmen öffentlich bis Ende 2026 Zeit für schwarze Zahlen gegeben. Während der Sanierung wurden unter anderem Frischetheken geschlossen, das Sortiment ausgedünnt und der Bio-Fokus verringert. Die Integration der übernommenen Biomarktkette Basic war zuvor gescheitert. Solche Einschnitte könnten zur Abwanderung bisheriger Stammkundschaft beigetragen haben – wer jahrelang wegen der Frischetheke oder des Bioangebots kam, merkt Veränderungen eben sofort.
Rückzug nach knapp 13 Jahren
Der Verkauf beendet das knapp 13-jährige Deutschlandgeschäft der Migros Zürich. Ende 2023 hatte sich GMZ verpflichtet, Tegut bis zum 31. Dezember 2026 finanziell so auszustatten, dass das Unternehmen seine Verpflichtungen erfüllen kann. Diese Liquiditätsgarantie bleibt laut GMZ bis zum Vollzug aller Veräußerungen und deren Abwicklung bestehen. Wie lange die finanzielle Verpflichtung tatsächlich läuft, hängt damit auch vom Abschluss des Kartellverfahrens und den weiteren Verkäufen ab.
Die finanziellen Auswirkungen der Transaktion sollen bereits im Migros-Jahresabschluss 2025 erscheinen, der am 24. März veröffentlicht werden soll. Unklar ist daneben, wie lange die Zusammenarbeit mit Amazon bei Lieferungen fortbesteht.
Für Migros war Tegut zuletzt ein Verlustgeschäft im dreistelligen Millionenbereich. Die Kette erzielte rund 1,3 Milliarden Euro Umsatz und kam damit auf weniger als ein Prozent Marktanteil. Eine große Verschiebung der Kräfte im deutschen Lebensmittelhandel dürfte allein durch den Verkauf deshalb nicht entstehen – die Konzentration nimmt aber weiter zu.
Ein Markt mit wenigen großen Namen
Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland vereinen zusammen rund 85 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. Lebensmittelhandelsexperte Stephan Rüschen spricht von einem Oligopol. Der Gesamtumsatz des deutschen Lebensmitteleinzelhandels lag 2024 bei rund 209,7 Milliarden Euro.
| Handelsgruppe | Umsatz 2024 |
|---|---|
| Edeka | 61,42 Milliarden Euro |
| Rewe | 40,05 Milliarden Euro |
| Aldi Nord/Süd | 35,84 Milliarden Euro |
| Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland | 55,16 Milliarden Euro |
Für 2025 wurden beim Edeka-Verbund 77,3 Milliarden Euro Nettoumsatz genannt, bei Rewe Deutschland 69,12 Milliarden Euro. Der Markteintritt neuer oder ausländischer Händler ist wegen hoher Eintrittsbarrieren laut Rüschen kaum noch vorstellbar. Teguts Anteil entspreche zudem weniger als dem jährlichen organischen Wachstum der großen Handelsgruppen.
Das Bundeskartellamt kann die Übernahme auf regionale Auswirkungen prüfen, einzelne Filialkäufe untersagen oder Auflagen erteilen, wenn Wettbewerb und Auswahl für Verbraucher gefährdet sind. Rüschen erwartet eine genaue Prüfung, rechnet grundsätzlich aber mit einer Zustimmung.
Aus Verbrauchersicht sieht der Experte trotz der Konzentration derzeit keinen wesentlichen Wettbewerbsnachteil. Preise blieben ein zentrales Instrument, große Preissenkungen würden gezielt eingesetzt, um Marktanteile zu gewinnen. Ähnliche Preise bei identischen Standardprodukten seien nicht automatisch ein Hinweis auf Kartellstrukturen. Konkurrenz zeigt sich auch bei Sortimenten, Eigenmarken, Ladenkonzepten und Bezahlsystemen.
Selbst innerhalb der großen Konzerne treten Ketten gegeneinander an: Penny gehört zu Rewe, Netto zu Edeka. Beide Discounter stehen trotzdem im Wettbewerb. Schwieriger ist die Lage für Lieferanten, die weniger Ausweichmöglichkeiten haben. Marktmacht entsteht laut Rüschen dort, wo Geschäftspartner nicht ausweichen können.
Edeka erklärte, man stehe für faire, partnerschaftliche und langfristige Beziehungen zu mittelständischen Herstellern und heimischen Erzeugern. Der Konzern verweist außerdem darauf, dass Molkereiprodukte, Fleisch, Wurst, Getreide sowie Obst und Gemüse zu großen Teilen exportiert oder in der Gastronomie und anderen Außer-Haus-Märkten verkauft werden. Der Lebensmitteleinzelhandel decke nach Edeka-Angaben nur etwa ein Drittel des Vertriebs dieser Produkte ab.
Ob der Markt bei weiterer Konzentration irgendwann einen kritischen Punkt erreicht, will Rüschen nicht ausschließen. Einen solchen Kipppunkt sieht er derzeit jedoch noch nicht. Mittelgroße und regionale Händler tragen weiterhin dazu bei, dass Bewegung im Geschäft bleibt. In Fulda und an den vielen Tegut-Standorten dürfte man derweil vor allem auf eines warten: die Entscheidung aus Bonn.
