Frankfurter Tegut-Filialen halbieren Preise – und verabschieden sich von ihrer Marke
Vor den Tegut-Filialen in Frankfurt bilden sich bereits lange Schlangen. In 19 Märkten läuft eine Rabattaktion: Auf viele Waren gibt es 50 Prozent Preisnachlass. Für Kundinnen und Kunden klingt das nach einem schnellen Schnäppchen, für die Beschäftigten ist es zugleich der sichtbare Beginn eines großen Umbruchs.
Tegut soll bis Ende 2026 als Marke vom deutschen Markt verschwinden. Hintergrund ist der im März angekündigte geplante Verkauf durch den Schweizer Betreiber Migros. Die Frankfurter Märkte werden im Zuge der Übergabe an neue Betreiber geräumt beziehungsweise auf den Betreiberwechsel vorbereitet.
Diese Frankfurter Filialen machen mit
Teilnehmende Standorte liegen quer über das Stadtgebiet. Dazu gehören die Filialen in der Berger Straße 40–42 und 226, an der Eckenheimer Landstraße 127, in der Kaiserstraße 62–64, an der Kurt-Schumacher-Straße, der Neuen Mainzer Straße und der Walter-Kolb-Straße.
Auch im Flughafen, Terminal 1, Ebene U1, sowie am Gravensteiner Platz 4–6, an der Leonardo-da-Vinci-Allee 4–8, in der Mailänder Straße 8 und in der Joachim-Biermann-Straße wird rabattiert. Weitere teilnehmende Märkte befinden sich an der Friedberger Landstraße 408, der Voltastraße 70–72, der Radilostraße 17–19, der Triebstraße 51, der Bleichstraße 57 und der Pfortenstraße 3.
Im Einkaufswagen landen vor allem haltbare Lebensmittel sowie Drogerie- und Haushaltswaren. Nicht dabei sind Obst und Gemüse, Waren von der Fleischtheke, Säuglingsanfangsnahrung, Tabakwaren, Verlagserzeugnisse und Handyguthaben. Ebenfalls ausgeschlossen sind Geschenkgutscheine und sonstige Wertkarten, Tchibo-Artikel, Lotterieprodukte, Postdienstleistungen und Pfandbeträge. Die Kassen bleiben also trotz halber Preise an manchen Stellen ganz gewöhnlich streng.
Viele Märkte wechseln den Betreiber
Nicht alle Tegut-Filialen in Hessen nehmen an der Aktion teil. Nach Angaben von Tegut hängt das davon ab, wie die Abstimmung mit den künftigen Betreibern läuft und ob die Waren übernommen werden. Viele Standorte sollen an Edeka oder Rewe übergehen, weitere an die Smart-Store-Kette Tante Enso.
Für 36 Tegut-Filialen in Hessen ist noch kein neuer Betreiber gefunden. Migros zufolge werden diese Märkte in einem weiteren, laufenden Bieterverfahren vergeben. Bis zur Übernahme bleiben die Standorte unverändert geöffnet. Wann das Verfahren endet und ob einzelne Filialen schließen müssen, ist offen.
Die Entwicklung betrifft ein Unternehmen mit mehr als 300 Filialen, die überwiegend in der Nähe des Unternehmenssitzes Fulda liegen. Das Netz erstreckt sich vor allem über Hessen, Thüringen und Westfranken sowie auf einzelne Standorte in Mainz und im Raum Göttingen. Seit der Expansion unter Migros kamen Märkte im Raum Stuttgart und München hinzu; 2014 eröffnete Tegut in Stuttgart den ersten Markt außerhalb des bisherigen Verbreitungsgebiets.
Vom „Thegu“ zur Marke Tegut
Die Geschichte begann 1947: Theo Gutberlet gründete das Handelsunternehmen unter dem Namen „Thegu“, abgeleitet aus den Anfangsbuchstaben seines Vor- und Zunamens. 1955 wurde daraus „Tegut“. Größere Filialen firmierten ab 1961 unter „HaWeGe“, der „HandelsWarenGesellschaft“, kleinere ab 1973 unter „Okay“.
1972 gründete Tegut die eigene Wurst- und Fleischverarbeitung kff Kurhessische Fleischwaren GmbH. Ein Jahr später übernahm Wolfgang Gutberlet, der Sohn des Gründers, die Unternehmensführung. 1982 begann Tegut mit dem Anbau und der Vermarktung von Bio-Lebensmitteln, 1989 wurde das Unternehmen in eine Stiftung überführt. Deren Aufsichtsrat setzt die Geschäftsführung ein.
Es folgten die Bio-Bäckerei herzberger Bäckerei GmbH im Jahr 1996 und 1997 nach eigenen Angaben eine Premiere im deutschen Lebensmittelhandel: Tegut akzeptierte als erster deutscher Lebensmittelhändler Kreditkartenzahlungen. 1998 wurde das Unternehmen in „tegut…“ umbenannt, ebenso die Märkte. 2010 kam mit „Lädchen für alles“ ein Kleinstladen-Konzept für kleinere Gemeinden und Stadtteile hinzu.
Am 11. Oktober 2012 wurde der Verkauf der Tegut-Handelssparte an die Genossenschaft Migros Zürich (GMZ) bekanntgegeben. Wirksam wurde die Übernahme im Januar 2013, nachdem die kartellrechtliche Genehmigung vorlag und der Migros-Genossenschafts-Bund zugestimmt hatte. Bei der bisherigen Tegut-Stiftung blieben die Produktionsbetriebe Herzberger Bäckerei und KFF sowie die landwirtschaftlichen Betriebe; sie wurden in die „W–E–G Stiftung & Co. KG“ überführt.
Ende 2016 verkaufte die Gutberlet-Stiftung ihre KFF-Anteile an die Deuerer-Gruppe aus Bretten, einen Hersteller von Heimtierfutter. Im Mai 2017 wurde die Herzberger Bäckerei wieder in die Tegut-Gruppe eingegliedert. In einigen Märkten gab es im Vorkassenbereich Bäckereitheken von Herzberger. Tegut kündigte 2012 allerdings an, diese selbst betriebenen Marktcafés aufzugeben und die Flächen an regionale Bäckereien zu vergeben; Herzberger-Backwaren sollten danach nur noch im Selbstbedienungsbereich verkauft werden.
Verluste, neue Konzepte und Einschnitte
Die vergangenen Jahre waren für Tegut keineswegs geradlinig. Zwischen 2013 und 2023 schrieb das Unternehmen in zehn Jahren nur in vier Jahren keinen Verlust. Ende April 2021 führte eine Cyberattacke zum Ausfall des Warenwirtschaftssystems, die Regale blieben dadurch leer. Hacker veröffentlichten außerdem eine Datenbank mit persönlichen Daten von Kundenkartenbesitzern im Darknet.
2023 übernahm Tegut 19 Filialen und alle Mitarbeitenden der insolventen Bio-Supermarktkette Basic. Die Märkte werden schrittweise in Tegut-Filialen umgewandelt. Nach hohen Verlusten der Migros Zürich in den Jahren 2022 und 2023 teilte die Genossenschaft 2024 zunächst mit, dass kein Verkauf von Tegut geplant sei. Laut Lebensmittel Zeitung wollte Migros bis Ende 2024 über die weitere Zukunft entscheiden.
Am 14. November 2024 wurde dann bekannt, dass Migros Zürich jede zehnte Tegut-Filiale verkaufen will. In der Fuldaer Zentrale sollten 120 Vollzeitstellen wegfallen, außerdem wurde die Geschäftsleitung erneuert. Geschäftsführer Thomas Gutberlet, Enkel des Gründers und seit 30. August 2009 in dritter Generation Vorsitzender, verließ das Unternehmen sofort.
Auch die Logistik wurde neu geordnet. Die Standorte Seebergen und Fulda wurden Anfang 2024 geschlossen. Seit Juli 2024 läuft die Logistik über das neue, an der A7 gelegene Logistikzentrum Michelsrombach. Anfang Dezember 2024 setzte Migros Zürich Tegut eine Frist bis Ende 2026, um wieder Gewinne zu erzielen.
Im März 2026 berichteten mehrere Medien über einen möglichen Verkauf von Tegut. Nun sind Edeka, Rewe und Tante Enso als mögliche neue Betreiber zahlreicher Filialen im Gespräch. Die Zentrale in Fulda soll voraussichtlich Ende März 2027 geschlossen werden.
Teo bleibt als Konzept bestehen
Ein Teil der Entwicklung spielt sich außerhalb der klassischen Märkte ab. Im November 2020 eröffnete in Fulda der erste digitale „tegut… teo“-Kleinstladen. Auf 50 Quadratmetern standen rund 950 Produkte, eingekauft wurde ohne Verkaufspersonal und rund um die Uhr. Anfang März 2024 gab es 39 teo-Märkte.
Wegen einer Neubewertung der Rechtslage mussten teo-Märkte in Hessen von Januar bis Juli 2024 an Sonn- und Feiertagen geschlossen bleiben. In der Schweiz startete Migros das teo-Konzept bereits im Oktober 2022; dort sind die Standorte auch am Wochenende rund um die Uhr zugänglich.
2024 wurde in Fulda die Smart Retail Solutions GmbH gegründet, um teo als Franchise-Konzept zu vertreiben. Die Gesellschaft ist eine Tochter von Migros und Schwesterunternehmen von Tegut. Inzwischen werden die teo-Märkte von Smart Retail Solutions betrieben und gehören nicht mehr zu Tegut. Gerade deshalb taucht Tante Enso bei den möglichen Übernahmen der klassischen Filialen auf, während das digitale Kleinstladenmodell seinen eigenen Weg weitergeht.
In Frankfurt geht es derweil um Einkaufswagen, volle Gänge und die Frage, was an den Standorten nach dem Abverkauf passiert. Wer noch zugreifen will, sollte bei den teilnehmenden Märkten mit Wartezeit rechnen – und damit, dass längst nicht jede Ware im Regal zum halben Preis zu haben ist.
