Bei Galeria ist am 29. Oktober 2026 weiterhin offen, welche Filialen schließen müssen. Im laufenden Insolvenzverfahren wird die Wirtschaftlichkeit jedes einzelnen Standorts geprüft. Eine bestätigte Schließungsliste gibt es noch nicht.

Insolvenzverwalter Frank Kebekus will laut Merkur.de, das sich auf das Handelsblatt beruft, noch in dieser Woche Schreiben an die Vermieter verschicken. Daraus soll hervorgehen, ob die jeweilige Filiale weitergeführt werden kann und ob dafür Zugeständnisse der Vermieter nötig oder möglich sind. Im Raum stehen vor allem kleinere Verkaufsflächen.

Mehr als 33 Häuser gefährdet?

Bisher galten 33 Filialen als gefährdet. Nach Informationen aus Unternehmenskreisen sollen jedoch „deutlich mehr Häuser“ auf der Kippe stehen. Unternehmensintern wird dem Bericht zufolge teilweise sogar erwartet, dass eher 50 Standorte geschlossen als erhalten werden. Noch ist das keine beschlossene Zahl – die Standortprüfung dauert an.

Für die rund 12.000 Mitarbeitenden ist die Ungewissheit besonders belastend. Galeria hat am 2. Oktober 2026 zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren Insolvenz angemeldet. Zuvor hatten im April erste Vermieter berichtet, dass Galeria Mieten nicht zahle. Im Juni gewährte Gordon Brothers dem Unternehmen einen Kredit von 160 Millionen Euro, im Juli kündigte Galeria die Überprüfung von 33 Warenhäusern an.

Vom Warenhausglanz zur Dauerkrise

Karstadt und Kaufhof standen im 20. Jahrhundert für Warenhäuser mit umfassendem Sortiment – zeitweise galten sie als Luxus des Alltags. Ab den 1980er-Jahren gerieten die Konzerne durch Einkaufszentren, Fachmärkte und neue Handelskonzepte zunehmend unter Druck. Später verschärfte der Online-Handel die Probleme.

Die Wurzeln reichen weit zurück. 1879 eröffnete Leonhard Tietz in Stralsund auf 25 Quadratmetern ein Geschäft für Garne, Stoffe und Knöpfe. Festpreise, Barzahlung und Rückgaberecht gehörten zu seinem Konzept, das die Grundlage für den späteren Kaufhof-Konzern bildete. Rudolph Karstadt eröffnete 1881 in Wismar ein Tuch-, Manufaktur- und Konfektionsgeschäft; 1906 betrieb Karstadt bereits 24 Kaufhäuser in Norddeutschland.

Vom Wirtschaftsboom ab den 1950er-Jahren profitierten beide Unternehmen. Kaufhof erzielte in seinem 100. Bestehensjahr 7,4 Milliarden Mark Umsatz. Als Karstadt sein 100-jähriges Bestehen feierte, betrieb die Kette 155 Warenhäuser und beschäftigte etwa 75.000 Menschen.

Dann begann das große Umbauen. 1980 stieg der Großhandelskonzern Metro bei Kaufhof ein, 1994 übernahm Kaufhof den Konkurrenten Horten. Karstadt schluckte parallel Hertie. 1997 beteiligte sich Quelle an Karstadt. Der daraus entstandene KarstadtQuelle-Konzern benötigte wiederholt zusätzliches Kapital.

Hohe Mieten, Insolvenzen und neue Eigentümer

2005 übernahm der ehemalige Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff die Führung bei KarstadtQuelle. Seine Pläne für neue Kaufhäuser in Europa wurden nicht umgesetzt. Ein Jahr später verkaufte Middelhoff die Warenhausgebäude für 3,7 Milliarden Euro an einen Fonds von Goldman Sachs. Danach musste Karstadt hohe Mieten für die eigenen Warenhäuser zahlen.

2009 wurde der KarstadtQuelle-Konzern in Arcandor umbenannt. Im September 2009 eröffnete das Insolvenzverfahren für mehrere Arcandor-Gesellschaften, darunter Karstadt. 13 Karstadt-Filialen schlossen, mehr als 1.000 Beschäftigte verloren ihre Arbeitsplätze. 2010 kaufte der Privatinvestor Nicolas Berggruen Karstadt, das Insolvenzverfahren wurde aufgehoben. Rund 40.000 Gläubiger verzichteten auf etwa zwei Milliarden Euro; der Sanierungsplan sah niedrigere Filialmieten und Lohnkürzungen vor.

Im August 2014 übernahm die österreichische Signa-Holding von René Benko Karstadt für einen symbolischen Euro. 2015 ging Kaufhof an die kanadische Hudson’s Bay Company. 2018 fusionierten Karstadt und Kaufhof zur Galeria Karstadt Kaufhof. Signa übernahm 2019 alle Kaufhof-Anteile und wurde alleiniger Eigentümer von 174 Filialen. Der Umsatz lag damals bei 4,5 Milliarden Euro.

Während der Corona-Pandemie mussten alle Filialen schließen. Das Unternehmen erwartete einen Umsatzverlust von rund einer Milliarde Euro und beantragte ein Schutzschirmverfahren. Laut Insolvenzplan sollten 40 Warenhäuser und mehrere Karstadt-Sports-Filialen geschlossen werden. Die Gläubiger verzichteten auf mehr als zwei Milliarden Euro. Ende September 2020 wurde das Verfahren aufgehoben; fast 130 Filialen blieben erhalten, rund 16.000 Mitarbeitende behielten ihre Arbeitsplätze.

Gut zwei Jahre später war Galeria Karstadt Kaufhof erneut zahlungsunfähig. Am 1. Februar 2023 eröffnete das Amtsgericht Essen das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Gläubiger verzichteten erneut auf mehr als eine Milliarde Euro, 47 der damals noch 129 Filialen sollten schließen.

Im Januar 2024 stellte das Unternehmen den dritten Insolvenzantrag. Als Grund galt die finanzielle Schieflage der Signa-Gruppe; zugesagte Sanierungsgelder waren nicht geflossen. Zu diesem Zeitpunkt gab es 92 Filialen und 12.800 Mitarbeitende. Im April 2024 kündigten die US-Investmentgesellschaft NRDC und BB Kapital SA von Bernd Beetz die Übernahme an, gleichzeitig wurde das Insolvenzverfahren eröffnet.

Zunächst sollten 16 Filialen geschlossen und 1.400 Stellen abgebaut werden. Die Namen Karstadt und Kaufhof verschwanden aus dem Firmennamen, ab Juli 2024 hieß das Unternehmen nur noch Galeria. Im August 2024 übernahmen die neuen Eigentümer Galeria und verlegten den Firmensitz von Essen nach Düsseldorf. Statt der geplanten 16 wurden neun Filialen geschlossen; etwa 800 Mitarbeitende verloren ihre Arbeitsplätze.

Einzelhandel unter Druck

Der Fall Galeria fällt in einen tiefgreifenden Strukturwandel im deutschen Einzelhandel. Verändertes Konsumverhalten, steigende Kosten, zunehmender Wettbewerbsdruck und wachsende Insolvenzen setzen die Branche unter Spannung. Besonders kleine und mittelständische Händler geraten unter Druck, obwohl der Handel für Versorgung, Arbeitsplätze und die Belebung der Innenstädte wichtig bleibt.

Ende 2025 war die Konsumstimmung verhalten. Trotzdem wuchs der deutsche Einzelhandel nominal um rund 2,4 Prozent. Der Internet- und Versandhandel legte um knapp 11 Prozent zu und war erneut der wichtigste Wachstumstreiber. Sein Anteil liegt zwar weiterhin unter dem stationären Handel, nimmt aber weiter zu. Kosmetik- und Gesundheitsprodukte entwickelten sich überdurchschnittlich, während die Textil- und Bekleidungsbranche rund 1 Prozent Umsatz verlor.

Die Ertragslage vieler Unternehmen bleibt trotz des nominalen Wachstums angespannt. 2025 gab es rund 2.500 Insolvenzen im Einzelhandel – den höchsten Stand seit fast einem Jahrzehnt. Viele Händler spüren die anhaltende Kaufzurückhaltung; Verbraucher wägen ihre Ausgaben bewusster ab und reagieren preissensibler. Rund jedes dritte Handelsunternehmen erwartet für 2026 eine weitere Verschlechterung der Geschäftslage.

Energie, Mieten, Logistik und Personal werden teurer. Preiserhöhungen lassen sich nur begrenzt durchsetzen, die Margen schrumpfen. Besonders der Non-Food-Bereich leidet unter der zurückhaltenden Nachfrage. Gleichzeitig gibt es ein strukturelles Überangebot an Verkaufsflächen. In schwächeren Lagen sinken die Kundenfrequenzen, Leerstände nehmen zu und austauschbare Ladenkonzepte verlieren an Attraktivität. Für Innenstädte ist das eine ziemlich zähe Mischung.

Arbeits- und Fachkräftemangel erschweren das Tagesgeschäft und notwendige Veränderungsprozesse. Zunehmende Bürokratie bindet gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen Ressourcen. Online-Plattformen und internationale Anbieter mit aggressiven Preisen erhöhen den Druck, während Investitionen in Digitalisierung, Datenkompetenz, Logistik und Omnichannel-Angebote nötig werden. Für viele kleinere Händler ist das finanziell schwer zu stemmen. Die Folge: mehr Restrukturierungen und Insolvenzen, vor allem im Non-Food- und Modesegment.

Der Online-Handel wächst weiter, allerdings langsamer als in den Boomjahren. Erfolgreiche Händler verbinden stationäre Geschäfte, Online-Shops, Apps und Services wie Click & Collect. Social Commerce gewinnt an Bedeutung: Produkte werden direkt über Instagram, YouTube und TikTok entdeckt und gekauft. Live-Shopping verbindet Unterhaltung, Beratung und Verkauf in Echtzeit und richtet sich besonders an jüngere Zielgruppen.

Filialen werden dadurch vom reinen Verkaufsort zu Orten für Beratung, Service und Kundenerlebnis. Nur Regale und Verkaufsflächen reichen immer weniger. Eine klare Positionierung und ein nachvollziehbares Sortiment können bei der Differenzierung helfen, Nachhaltigkeit und transparente Lieferketten Glaubwürdigkeit und Vertrauen stärken. Digitale Kanäle erhöhen lokale Sichtbarkeit und Reichweite; persönliche Beratung, Events, Workshops und Live-Formate können die Kundenbindung unterstützen.

Auch Kooperationen, etwa bei Logistik oder Verkaufsflächen, können Kosten senken und zusätzliche Reichweite schaffen. Gut geführte und motivierte Mitarbeitende stärken Stabilität und Außenwirkung. Moderne digitale Prozesse verbessern den Überblick, reduzieren Reibungsverluste und erhöhen die Effizienz.

Kurzfristig bleibt die Lage angespannt, eine schnelle Entlastung wird nicht erwartet. Gerade der stationäre Non-Food-Handel steht wegen steigender Kosten, Fachkräftemangels und intensivem Wettbewerb unter Druck. Technologische Entwicklungen und neue Vertriebskanäle eröffnen Chancen für Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln. Als Voraussetzungen für Stabilität gelten klare Unternehmensprofile, durchdachte Omnichannel-Strategien, digitale Effizienz und eine aktive Einbindung in das lokale Umfeld.

Strukturelle Anpassungen sollten nicht weiter aufgeschoben werden. Verlässliche wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen gelten als wichtig; der Handelsverband Deutschland fordert Entlastungen und strukturelle Reformen für den Einzelhandel. Bei Galeria entscheidet sich derweil erst mit den Schreiben an die Vermieter, welche Türen offen bleiben – und welche bald für immer zufallen.