Lidl testet KI-Kameras gegen Warteschlangen und leere Regale
In einer englischen Lidl-Filiale hängen künftig Kameraschienen unter der Decke. Sie verbinden die Beleuchtung mit drei Kameratypen und einem Kleincomputer. Lidl testet dort erstmals in Großbritannien ein KI-gestütztes Überwachungssystem – zunächst nicht, um den Einkauf völlig umzubauen, sondern um die täglichen Abläufe besser in den Griff zu bekommen.
Die Technik kommt von Pyramid Computer, einem deutschen Spezialisten für Netzwerke und Bilderkennung. Ausgewertet werden die Bilddaten von einer KI der Schwarz-Konzern-Tochter Schwarz Digits. Über das Pilotprojekt berichtete die „Lebensmittel Zeitung“.
Mehr Überblick an Kasse und Regal
Das System soll lange Warteschlangen erkennen und sogar vorhersagen. Meldet die KI, dass es an den Kassen eng wird, kann das Personal zusätzliche Kassen öffnen. Gleichzeitig überwacht die Technik die Warenbestände und benachrichtigt Mitarbeitende, wenn Regallücken entstehen.
Auch die Selbstbedienungskassen geraten ins Blickfeld: Die Kameras sollen überprüfen, ob entnommene Artikel tatsächlich gescannt werden. Bei dauerhaft zuverlässigem Betrieb wären später vollständig autonome Lidl-Filialen denkbar, in denen Kundinnen und Kunden ohne klassischen Kassiervorgang bezahlen. Vorläufig geht es aber vor allem um Unterstützung im Arbeitsalltag – weniger leere Regale, weniger Warten, weniger hektisches Hin und Her.
Lidl testet je nach Standort unterschiedliche Einkaufs- und Bezahlsysteme, weil Stadt- und Landfilialen unterschiedliche Kundenanforderungen haben. SB-Kassen sollen bediente Kassen nach Unternehmensangaben nicht ersetzen, sondern ergänzen. Die Filialbesetzung werde dadurch nicht reduziert; Ziel seien kürzere Wartezeiten und mehr Zeit der Mitarbeitenden für andere Tätigkeiten.
Was andere Händler bereits ausprobieren
Autonome Märkte gibt es in Deutschland schon. Bei Rewe Pick&Go in München sowie in hybriden Filialen in Köln, Hamburg, Düsseldorf, Hannover und Berlin melden sich Kunden per App an, nehmen Waren aus den Regalen und verlassen den Markt. Kameras, Sensoren und Gewichtsmessungen rechnen den Einkauf automatisch ab. Einige Rewe-Märkte testen dabei „Pick and Go“- beziehungsweise „Grab and Go“-Systeme: Kameras erfassen die Kunden beim Betreten und verfolgen ihre Bewegungen, Gewichtssensoren in den Regalen registrieren die Entnahmen, am Ausgang wird automatisch abgerechnet. Datenschützer sehen diese umfassende Überwachung kritisch. Ein vergleichbares System setzte Amazon zuerst in den USA ein.
Auch teo arbeitet autonom. Das Unternehmen gibt nach eigenen Angaben 40 Standorte an. Je nach Standort zahlen Kunden per App oder nutzen das „Grab & Go“-Modell ohne aktiven Bezahlvorgang. Der Zugang erfolgt per App oder Giro- beziehungsweise Kreditkarte; entnommene Produkte werden beim Grab & Go automatisch erkannt.
Ganz ohne Menschen kommen diese Märkte trotzdem nicht aus. Mitarbeitende füllen Waren auf, reinigen, kümmern sich um die Technik und helfen Kunden. Das klingt weniger nach menschenleerer Zukunft als nach einer Verschiebung der Aufgaben – die Arbeit verschwindet nicht einfach hinter der Kamera.
In einer Düsseldorfer Filiale von Edeka Paschmann testet Edeka als erster deutscher Supermarkt KI direkt an SB-Kassen. Das System soll Fehler und Diebstähle erkennen: ungelesene Artikel, die direkt in Taschen gelegt werden, deutliche Abweichungen zwischen Warenkorb und Einkaufszettel, versteckte Produkte wie Wodka-Flaschen in einem Wasserkasten oder falsche Barcodes – etwa ein Bananen-Code für ein schwereres Produkt.
Kameras analysieren das Kundenverhalten in Echtzeit. Bei einem vermuteten Fehlscan erscheint ein Hinweis auf dem Kassendisplay, der Vorgang kann wiederholt werden. Erst bei wiederholten Fehlern wird Personal informiert; eine dauernde Kontrolle durch Mitarbeitende soll dadurch entfallen.
Die KI kann außerdem Alterskontrollen beim Kauf von Alkohol übernehmen. Kunden wählen zwischen einer automatischen Prüfung per Kamera und der Kontrolle durch Personal. Das System analysiert Gesichtsmerkmale und schätzt das Alter. Liegt die Einschätzung unter 16 beziehungsweise 18 Jahren, überprüft ein Mitarbeiter das tatsächliche Alter.
Edeka Paschmann plant weitere Anwendungen, darunter die automatische Erkennung von Obst- und Gemüsesorten. Das Unternehmen betreibt elf Märkte mit mehr als 20.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und beschäftigt über 900 Mitarbeiter.
Mehr Kameras, mehr Fragen
Laut einer dpa-Umfrage nutzen Rewe und IKEA bereits intelligente Systeme im Kassenbereich. Kaufland, Lidl und Obi prüfen deren Einsatz; Lidl testet derzeit in London eine KI-Lösung für SB-Kassen. Rossmann und dm verwenden KI vor allem für Beratungsangebote, dm testet in fünf deutschen Filialen Automaten zur Hautanalyse.
In Deutschland gibt es laut EHI mindestens 20.000 SB-Kassen. Die Diebstahlrate liegt dort schätzungsweise 15 bis 30 Prozent über der an bedienten Kassen – für Händler bedeutet das erhebliche Verluste. EHI-Experte Frank Horst erwartet deshalb, dass die Zahl der Geschäfte mit KI-gestützten Überwachungs- und Analysewerkzeugen in den kommenden Jahren weiter steigt.
Das Edeka-System stammt von Diebold Nixdorf und soll laut Hersteller mehr als 20 häufige Ursachen von Warenschwund erkennen. Menschen blieben anonym, Gesichtserkennung werde nicht eingesetzt, Kundeninformationen und Bilder würden nicht gespeichert. Die KI solle Kunden und Mitarbeiter unterstützen.
„Smartes Shoppen“ heißt derzeit allerdings meistens noch ganz schlicht: SB-Kasse. Viele dieser Kassen verwenden Kameras, Funksignale und KI, um Kunden und Waren besser zu erkennen. Händler testen Software, die nicht gescannte Artikel oder verdächtige Bewegungen entdeckt. Penny probiert Kassen aus, die Obst und Gemüse automatisch erkennen; Aldi und Netto planen ähnliche Systeme. Einige Edeka-Märkte in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nutzen automatisierte Alterskontrollen per Gesichtsanalyse, etwa beim Kauf von Alkohol.
Auch jenseits des Lebensmittelhandels wird gezählt und erkannt. Modehändler setzen RFID-Funkchips in Kleidungsstücken ein. Werden Waren auf eine bestimmte Fläche gelegt, erkennt das System Artikel und Preise automatisch. Bei manchen Textilien, Schuhen oder Taschen müssen Kunden die Sicherungselemente trotzdem selbst entfernen – der kleine, etwas umständliche Handgriff bleibt also.
SB-Kassen zwischen Personalmangel und Alltag
Händler verneinen grundsätzlich, dass SB-Kassen dem Personalabbau dienen. Im Einzelhandel herrscht laut den Unternehmen bereits seit Jahren Personalmangel; laut Institut der deutschen Wirtschaft fehlt in keiner anderen Branche so viel Personal wie im Verkauf. Das erklärt manchen zusätzlichen Scanner, auch wenn der Piepton an der Kasse nicht gerade nach großer Entlastung klingt.
dm führte SB-Kassen im Mai 2022 ein. Anfang 2025 gab es sie in mehr als 607 von über 2.130 Märkten, weitere Standorte sollen folgen. Gedacht sind sie vor allem für Stoßzeiten und kleine Einkäufe. In Polen gibt es SB-Kassen in jedem dm-Markt, in Tschechien, Slowenien, Österreich und Kroatien in ausgewählten Märkten. Rund 1.800 deutsche dm-Märkte verfügen über Abholstationen für Online- und App-Bestellungen; in Wuppertal können Kunden Waren vor drei Filialen rund um die Uhr abholen.
Hornbach hatte im Frühjahr 2024 in Deutschland rund 450 SB-Kassen in knapp 100 Märkten. In allen neun europäischen Ländern des Unternehmens werden sie angeboten – als Ergänzung, nicht als Ersatz für bediente Kassen. In ausgewählten deutschen Märkten gibt es über die App auch Self-Scanning. In den Niederlanden und Schweden ist das laut Unternehmen bereits etabliert. Dazu kommen Videoberatung und eine App-Funktion zur Berechnung des Materialbedarfs.
IKEA bietet seit 2008 zusätzlich zu herkömmlichen Kassen Express-Kassen an. Je nach Größe haben die Einrichtungshäuser acht bis 24 SB-Kassen. Das Angebot werde unabhängig von Alter und Geschlecht gut angenommen, Mitarbeitende stehen für Fragen bereit. Seit Einführung der Express-Kassen berichtet IKEA von keinen nennenswerten Inventurdifferenzen.
Seit Mai 2022 gibt es „Shop & Go“ in allen 54 deutschen Einrichtungshäusern. Kunden scannen ihre Einkäufe per App und bezahlen an speziellen Express-Kassen, ohne die Waren am Ende erneut aus dem Wagen nehmen zu müssen. Besonders schnell wächst die Nutzung laut IKEA in Bremerhaven, Braunschweig und Nürnberg.
Kaufland bietet seit 2015 in ausgewählten Filialen SB-Kassen zusätzlich zu bedienten Kassen an. Derzeit stehen etwa 1.200 SB-Kassen in mehr als 200 deutschen Filialen. Dort nutzen durchschnittlich rund 40 Prozent der Kunden dieses Angebot. Ein Kaufland-Mitarbeiter bleibt als Ansprechpartner vor Ort, und anders als bei vielen anderen Händlern ist auch Barzahlung möglich. Die Nutzung durch ältere Kunden nimmt laut Kaufland zu.
In mehreren europäischen Ländern gibt es das Angebot ebenfalls. Beim Selbst-Scan scannen Kunden die Waren per Handscanner oder App bereits beim Einlegen in den Einkaufswagen. Bezahlt wird anschließend an der SB-Kasse, ohne alles wieder heraus- und einzuräumen. Bundesweit ist das System in rund 70 Filialen verfügbar, besonders bei großen Wocheneinkäufen wird es wiederverwendet.
Vom Supermarkt bis zum S.MART Store
Im Juli 2024 schätzte das EHI Retail Institute, dass bereits rund 5.000 deutsche Geschäfte SB-Kassen einsetzen könnten. Bei der offiziellen Erhebung im August 2024 lagen zunächst Zahlen für 2023 vor: 4.270 Geschäfte mit mehr als 16.000 SB-Kassen. 2019 waren es bundesweit erst 903 Geschäfte.
Wie weit der Weg vom Selbst-Scan zum komplett autonomen Laden sein kann, zeigt der „S.MART Store“ auf dem Betriebsgelände von SAP in Walldorf. Der vollständig autonome Shop wird vom Dienstleister Aramark betrieben. Mitarbeitende können dort rund um die Uhr ohne Personal vor Ort einkaufen. Der Zutritt erfolgt per App, beim Verlassen wird der Preis der entnommenen Waren automatisch über die App abgerechnet.
SAP-Systeme und KI steuern die Technik. Der Shop gilt in Deutschland bislang als einzigartig und soll als Pilotprojekt für weitere, auch städtische Standorte dienen. Ob die Kamera dann eher unauffällig über dem Regal hängt oder sichtbar über dem Kassenbereich wacht, dürfte Kunden weiterhin beschäftigen – spätestens beim nächsten Einkauf mit einer Tasche voller Kleinigkeiten.
