Nach 22 Jahren ist Schluss: Die Metzgerei Bechthold schließt ihre Filiale in der Wetzlarer Langgasse. Letzter Verkaufstag in der Langgasse 34 ist Samstag, der 24. Oktober 2026. Für viele Stammkunden bedeutet das einen Abschied von einem vertrauten Anlaufpunkt mitten in Wetzlar.

Geschäftsführer Jörn Bechthold nennt das Auslaufen des Pachtvertrags zum 31. Oktober als Grund. Ganz weg aus Wetzlar will das Unternehmen allerdings nicht: Bechthold sucht weiterhin nach einem kleineren Standort in der Stadt.

Die drei Mitarbeiter wechseln

Die Filiale in der Langgasse bestand seit 2004. Filialleiter Daniel Reifenberger ist sogar seit 2005 bei der Metzgerei, dort begann er auch seine Ausbildung. Zwei der drei Beschäftigten aus Wetzlar wechseln künftig in den Verkauf nach Atzbach, ein Mitarbeiter soll die Produktion unterstützen.

Früher kamen täglich 250 bis 300 Kunden in das Geschäft, zeitweise wurden rund 60 Mittagessen pro Tag verkauft. Diese Zahlen hätten sich zwischenzeitlich etwa halbiert. Trotzdem, sagt Reifenberger, verfügt die Metzgerei weiterhin über eine Stammkundschaft. Viele Kunden wollen den Mitarbeitern nach Atzbach folgen.

Geöffnet bleiben die Filialen in Atzbach und Heuchelheim. Der Betrieb dort läuft trotz der Suche nach Investoren weiter. In Atzbach befindet sich die Filiale in der Gießener Straße, ebenso in Heuchelheim; die dritte bisher bestehende Verkaufsstelle ist jene in der Wetzlarer Langgasse.

Insolvenzverfahren und Suche nach einer Zukunft

Die Bechthold M & C GmbH mit Sitz in Lahnau befindet sich derzeit in einem vorläufigen Insolvenzverfahren. Der Insolvenzantrag wurde vor etwa zwei Monaten gestellt. Bereits 2024 war der Betrieb nach einer Insolvenz auf die heutige Gesellschaft übertragen worden.

Die damalige Bechthold Metzgerei und Partyservice GmbH & Co. KG, ebenfalls mit Sitz in Lahnau, hatte 2024 mit mehr als 30 Mitarbeitern Insolvenz angemeldet. Als Gründe für die finanzielle Schieflage wurden gestiegene Energie- und Personalkosten genannt. Das Amtsgericht Wetzlar eröffnete das Insolvenzverfahren zum 1. Dezember 2024 und bestellte den Gießener Rechtsanwalt Hans-Jörg Laudenbach zum Insolvenzverwalter.

Der Antrag war wegen drohender Zahlungsunfähigkeit gestellt worden. Nach Angaben Laudenbachs stiegen die Energiekosten infolge des Ukrainekriegs, zugleich erhöhten sich Mindestlohn und Lohnniveau. Im Tagesgeschäft ließen sich die zusätzlichen Energie- und Personalkosten nicht durch entsprechende Preiserhöhungen ausgleichen.

Das Unternehmen hatte bereits einige Monate zuvor beim Amtsgericht Wetzlar Insolvenz angemeldet. Seit Mitte September wird das Betriebsvermögen vom Insolvenzverwalter verwaltet. Die neue Bechthold M & C GmbH beschäftigt mehr als 20 Mitarbeiter; in den früheren Angaben zur damaligen Gesellschaft war von mehr als 30 Beschäftigten die Rede.

Laudenbach versucht, den Betrieb während des Verfahrens aufrechtzuerhalten und eine Übertragung oder Weiterführung zu ermöglichen. Aus der Branche gebe es Interessenten, die den Betrieb übernehmen und fortführen könnten. Eine abschließende Entscheidung steht noch aus. Möglich wäre eine übertragende Sanierung: Der Betrieb könnte wettbewerbsfähig gemacht und an eine andere Gesellschaft verkauft werden. Als mögliche Käuferin wird eine neu gegründete Gesellschaft der Familie Bechthold genannt – bislang ist das nur eine Diskussion. Die Gläubigerversammlung soll Ende Januar stattfinden.

Eine Abwicklung ist laut Insolvenzverwalter nicht geplant. Kündigungen wurden bislang nicht ausgesprochen, außerdem sei ausreichend Insolvenzmasse vorhanden, um Löhne und Gehälter zu zahlen. Die Sanierung hat begonnen: Zu teure Energieverträge wurden beendet, alte oder defekte Maschinen ersetzt und das Personal neu organisiert. Filialschließungen waren zunächst nicht vorgesehen; Änderungen bei den Öffnungszeiten wurden jedoch geprüft, um Kosten zu senken.

Naunheim war schon 2024 geschlossen worden

Die Filiale im Wetzlarer Stadtteil Naunheim wurde bereits zum 1. Oktober des Vorjahres geschlossen, also im Oktober 2024. Geschäftsführer Jörn Bechthold hatte damals den allgemeinen Fachkräftemangel als Grund genannt: Für den Verkauf seien nicht genügend Mitarbeiter gefunden worden.

Die Lage passt zu einem größeren Problem im Metzgerhandwerk. 2025 blieben in Deutschland durchschnittlich rund 4.600 Stellen für Fleischfachverkäufer unbesetzt – so viele wie nie zuvor. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Beschäftigten seit Jahren, viele Mitarbeitende stehen kurz vor dem Ruhestand. In Supermärkten und Metzgereien bleiben deshalb zunehmend Fleischtheken unbesetzt.

Mehr als fehlende Bewerber

Fichtel Consulting sieht die Ursache nicht ausschließlich darin, dass Bewerber fehlen. Die meisten Betriebe seien klein oder mittelgroß und beschäftigten etwa fünf bis 30 Mitarbeiter. Eine Person übernimmt dort oft gleich mehrere Aufgaben: Beratung zu Fleisch, Wurst, Käse und Feinkost, Warenvorbereitung sowie Lager- und Ablauforganisation.

Fehlen klare Zuständigkeiten, definierte Prozesse und eine strukturierte Einarbeitung, kann das gerade Quereinsteiger schnell überfordern. Nachholbedarf gebe es außerdem bei Personalführung, der Steuerung anhand von Kennzahlen, Digitalisierung, digitaler Aufgabenplanung, transparenter Zielsetzung und strukturierten Einarbeitungsprogrammen. Qualifizierte Beschäftigte suchen laut der Beratung zunehmend Arbeitsplätze mit klaren Abläufen und Entwicklungsmöglichkeiten. Betriebe ohne organisatorische Weiterentwicklung verlieren dadurch an Attraktivität im Wettbewerb um Fachkräfte.

Als Reaktion setzen Betriebe unter anderem auf Selbstbedienungskonzepte oder die Rekrutierung internationaler Fachkräfte. Selbstbedienung kann längere Öffnungszeiten und zusätzliche Umsätze ermöglichen, erzielt laut Beratung aber häufig geringere Erlöse pro Stunde als eine klassische Bedienungstheke. Personal braucht es trotzdem – für Produktion, Verpackung und Logistik.

Internationale Rekrutierung wiederum setzt Wohnraum, die Berücksichtigung kultureller Unterschiede und eine strukturierte Einarbeitung voraus. Ohne diese Voraussetzungen kann die Integration schwierig werden. Fichtel Consulting nennt deshalb klare Organisationsstrukturen, systematische Personalführung und den gezielten Einsatz digitaler Werkzeuge als notwendige Maßnahmen.

Tobias Fichtel, Gründer von Fichtel Consulting, ist nach eigenen Angaben Metzgermeister, Fleischsommelier und Betriebswirt und berät Handwerksmetzgereien im deutschsprachigen Raum. In Wetzlar geht es derweil erst einmal um den letzten Samstag in der Langgasse – und um die Frage, wie es mit Bechthold an einem kleineren Standort weitergeht.