Schlüchtern sucht nach dem Tegut-Aus einen neuen Lebensmittelmarkt
Für den Tegut-Standort in Schlüchtern bleibt die Zukunft offen. Das Bieterverfahren läuft bis Mitte November. Erst danach kann die Stadt aktiv werden und erfahren, ob ein Käufer gefunden wurde. Der Tegut-Markt selbst wird am 19. Dezember endgültig schließen.
Bürgermeister Matthias Möller bittet die Bürgerinnen und Bürger deshalb um Ruhe – und darum, die weiterhin geöffneten Geschäfte am Standort zu unterstützen. Rossmann sowie die Meisterbäcker-Filiale im Gebäude bleiben geöffnet. Auch nach dem 19. Dezember sollen die Kundinnen und Kunden diese Geschäfte und ihre Beschäftigten nicht aus dem Blick verlieren.
„Attraktiver Standort“ trotz schwieriger Lage
Möller hält den Standort für attraktiv. Die Drogerie Rossmann und „Der Meisterbäcker“ sorgen für Kundenfrequenz. Zugleich gibt es in der Schlüchterner Innenstadt keinen weiteren Lebensmitteleinzelhandel. Für ein Zentrum, das im Landesentwicklungsplan als „Mittelzentrum Plus“ eingestuft ist, sei das Fehlen eines Vollsortimenters problematisch.
Der Bürgermeister kritisiert außerdem die aus seiner Sicht intransparente Entscheidung des Bundeskartellamts. Die Stadt will daher intensiv nach einem Nachfolger suchen und zugleich rechtliche Möglichkeiten prüfen, um die Entscheidung zu hinterfragen. Unterstützung zugesichert wird den Tegut-Mitarbeitenden, der Geschäftsführerin von „Der Meisterbäcker“, Janet Dietrich, und ihrem Team, den Rossmann-Beschäftigten sowie den Kundinnen und Kunden.
Falls im laufenden Bieterverfahren kein Käufer gefunden wird, soll die Stadt in die nächste Runde gehen. Dafür wollen Stadtverwaltung, Immobilienmanagement, Gebäudemieter, Magistrat, Stadtparlamentsfraktionen und der Gewerbeverein WITO zusammenarbeiten. Informationen sollen gebündelt über die Stadt verbreitet werden; unabgestimmte Einzelgänge sollen vermieden werden. Anfragen und Vorschläge können zentral an die Stadtverwaltung unter [email protected] geschickt werden.
Spätestens nach Abschluss des Bieterverfahrens will sich die Stadt erneut öffentlich äußern. Bürgermeister Möller geht davon aus, dass bis zum 19. Dezember bereits eine Nachfolgelösung gefunden sein wird. Ob das klappt, ist derzeit allerdings noch offen.
Warum REWE den Markt nicht übernehmen darf
Hinter der Schließung steht auch die Entscheidung des Bundeskartellamts vom 14. Oktober 2026: Die Behörde hat die Übernahme von 38 tegut-Lebensmittelmärkten durch REWE unter Auflagen freigegeben. REWE verzichtet für vier Jahre auf den Erwerb der tegut-Standorte Marburg-Ketzerbach und Schlüchtern. Das Erwerbsverbot gilt für die gesamte REWE-Gruppe und umfasst auch den Abschluss von Anschlussmietverträgen für die beiden Standorte.
Damit seien wettbewerbliche Bedenken in den lokalen Markträumen Schlüchtern, Marburg-Ketzerbach und Marburg-City ausgeräumt oder auf ein kartellrechtlich hinnehmbares Maß reduziert worden. Ursprünglich hatte REWE den Erwerb von 40 tegut-Märkten und zwei Immobilien angemeldet. Die Übernahme der beiden Immobilien wurde ebenfalls freigegeben.
Das Bundeskartellamt prüfte das Vorhaben seit April 2026 und übermittelte den Beteiligten Ende August eine vorläufige wettbewerbliche Bewertung. Nach dieser Prüfung hätte die ursprünglich geplante Übernahme in den drei hessischen Markträumen den wirksamen Wettbewerb erheblich behindern können. Weil sich die Einzugsgebiete überschneiden, reduziert der Verzicht auf Marburg-Ketzerbach zugleich die Bedenken im Marktraum Marburg-City.
Untersucht wurden sowohl der Wettbewerb um Kundinnen und Kunden als auch die Auswirkungen auf Hersteller und Lieferanten. Auf den Beschaffungsmärkten erwartete das Bundeskartellamt keine erhebliche Wettbewerbsbehinderung: REWE gehört bei der Lebensmittelbeschaffung zu den führenden Unternehmen, der zusätzliche Anteil am bundesweiten Beschaffungsvolumen liegt deutlich unter 0,2 Prozentpunkten. Nach Angaben der Verkäuferin erhält REWE weder während des Erwerbsprozesses noch nach dem Vollzug Zugriff auf tegut-Beschaffungskonditionen, insbesondere nicht auf die Konditionen der Einkaufskooperation RTG.
Verkauf nach dem Rückzug von Migros Zürich
Die Entscheidung fällt in eine größere Verkaufsrunde. Die Schweizer Genossenschaft Migros Zürich hatte im März 2026 ihren Rückzug aus Deutschland und den Verkauf von tegut angekündigt. Die tegut-Gruppe betrieb zuletzt rund 300 Lebensmittelmärkte sowie weitere automatisierte Kleinflächenmärkte.
Im Zuge des Verkaufsprozesses wurden bereits 36 tegut-Standorte für Tante Enso und 178 Märkte sowie weitere Unternehmensteile für EDEKA freigegeben. Nun kommen 38 Standorte für REWE hinzu. Über die Zukunft der übrigen tegut-Standorte sowie der von EDEKA und REWE ausgenommenen Märkte entscheiden die beteiligten Unternehmen. Die Entscheidungen des Bundeskartellamts legen nicht fest, ob und von wem diese Standorte künftig betrieben werden.
Das Verfahren zeigt zugleich die hohe Konzentration im deutschen Lebensmitteleinzelhandel: EDEKA, REWE, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland sowie ALDI vereinen inzwischen mehr als 90 Prozent des bundesweiten Umsatzes. Die Konzentration allein reicht laut Bundeskartellamt allerdings nicht für ein Verbot. Entscheidend seien die konkreten Auswirkungen der jeweiligen Übernahme auf die Wettbewerbsverhältnisse.
Rechtskräftig ist die Entscheidung noch nicht. Gegen sie kann Beschwerde beim Oberlandesgericht Düsseldorf eingelegt werden. Für Schlüchtern läuft derweil die Uhr bis zum 19. Dezember weiter – zwischen Bieterverfahren, Nachfolgesuche und den Einkaufswagen, die hoffentlich nicht plötzlich ganz woanders hingeschoben werden müssen.
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