Am Berliner Kurfürstendamm klingt es an diesem Freitag nach Akkuschrauber und Spanplatten. Mehrere Geschäfte haben ihre Schaufenster mit Pressspanplatten schützen lassen, einige wollen am Samstag früher schließen. Die Maßnahmen gelten als Vorsicht vor den angekündigten Jugendprotesten der Initiative „Gen Z regelt“ und der Halloween-Nacht.

Auch die Berliner Huawei-Filiale macht früher zu: Für Samstag ist die Schließung um 13 Uhr angekündigt. Vor allem mehrere Luxusgeschäfte ließen ihre Auslagen verbarrikadieren. Die Entscheidung über Schutzmaßnahmen und Öffnungszeiten bleibt allerdings den einzelnen Unternehmen überlassen. Ausländische Filialketten, die meist nicht im regionalen Einzelhandelsverband organisiert sind, verfügen offenbar nicht über dieselben örtlichen Informationen.

Polizei erwartet keine Plünderungen

In Berlin sind für Samstag zwei Demonstrationen angekündigt. Am Brandenburger Tor soll es um 14 Uhr losgehen. 10.000 Menschen wurden angemeldet, die Polizei hält diese Zahl für realistisch und erwartet einen friedlichen Verlauf. Erwartet werden Schülerinnen und Schüler, Studierende und Eltern. Bundesweit sind zeitgleich weitere Veranstaltungen geplant.

Am Rosenthaler Platz beginnt die zweite Versammlung um 17.30 Uhr. Dort rechnet die Polizei mit 400 bis 500 Teilnehmern, möglicherweise kommen mehr. Den Veranstalter ordnet sie dem linken Spektrum zu; außerdem werden Teilnehmer aus der propalästinensischen Szene erwartet. Diese Demonstration bewertet die Polizei kritischer.

Hinweise auf geplante Plünderungen oder gezielte Gewaltaufrufe gebe es nicht, teilte die Polizei mit. Polizeisprecher Jörn Iffländer sagte, es gebe keine Hinweise auf eine Mobilisierung zu schwerer Gewalt. Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel berichtete dennoch von vermehrten Anfragen besorgter Geschäftsleute. Plünderungen wie in Frankreich erwartet die Polizei nicht.

Rund 1.500 Einsatzkräfte sollen mögliche Ausschreitungen verhindern, darunter Beamte der Bundespolizei und anderer Bundesländer. Auch Wasserwerfer stehen laut Einsatzleiter Stephan Katte bereit. In sozialen Medien und Chats beobachten die Sicherheitsbehörden eine breite Thematisierung der Proteste. Vor allem im linksextremistischen Spektrum werde mobilisiert, weil soziale Missstände und eine mögliche Wehrpflicht auch dort auf Resonanz stoßen.

Nach Einbruch der Dunkelheit rechnet die Polizei mit verstärktem Einsatz von Pyrotechnik. Material wurde bereits beschlagnahmt. „Erlebnisorientierte Jugendliche“ könnten Halloween für Krawalle nutzen oder andere Veranstaltungen aufsuchen. Wegen früherer Erfahrungen soll die Polizei unter anderem in der High-Deck-Siedlung und in Gropiusstadt in Neukölln, im Steinmetzkiez und im Märkischen Viertel verstärkt präsent sein.

Händler zwischen Vorsicht und Gelassenheit

Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Berlin-Brandenburg, rät den Mitgliedern nicht, ihre Läden zu verrammeln. Die Sicherheitsbehörden in Berlin und Brandenburg hätten glaubhaft erklärt, dass es keine Anzeichen für organisierte Plünderungen gebe. Nach Gesprächen mit den Behörden seien die Händler beruhigt, teilte der Verband mit.

Auch das Standort-Netzwerk AG City teilt diese Einschätzung und steht nach eigenen Angaben im Austausch mit der Polizei. AG-City-Leiterin Christina Aue sieht keinen Anlass für Panik. Dass einzelne Geschäfte am Kurfürstendamm geschlossen bleiben oder ihre Schaufenster schützen, führt Busch-Petersen auf europaweite Vorgaben der jeweiligen Unternehmen zurück.

Für Verbandsmitglieder gab es in Berlin und Brandenburg gezielte Informationsveranstaltungen. Der Einzelhandelsverband rechnet in Berlin mit einem normalen Geschäftsverlauf. In Brandenburg bleiben wegen des gesetzlichen Feiertags Reformationstag ohnehin die meisten Geschäfte geschlossen.

Brandenburg bereitet sich trotzdem auf Jugendproteste und Halloween vor. Innenminister Jan Redmann (CDU) kündigte den Einsatz der Bereitschaftspolizei an. In den vergangenen Jahren wurden dort an Halloween Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und Angriffe auf Einsatzkräfte registriert. Weil in Brandenburg keine Jugendproteste angekündigt sind, unterstützt die Brandenburger Polizei bereits Einsätze in Berlin.

Was hinter „Gen Z regelt“ steckt

Unter den Slogans „Gen Z regelt“ und „Gen Z steht auf“ sind für Samstag, den 31. Oktober 2026, Demonstrationen in rund 30 deutschen Städten angekündigt. Im Mittelpunkt stehen vor allem Schüler und Studierende, etwa in Hamburg, Bremen, Berlin, Köln, Frankfurt und München. Mobilisiert wurde hauptsächlich über TikTok, Instagram und Telegram unter dem Hashtag #genzregelt; als Erkennungszeichen gilt ein Eichhörnchen.

Bezugspunkt sind Jugendproteste in Frankreich, an denen in den vergangenen Wochen mehr als 400.000 Menschen teilgenommen haben. Dort und in anderen europäischen Ländern war es zuvor zu Krawallen gekommen. Die Initiative selbst betont auf ihrer Website, der Protest sei ausnahmslos friedlich; Gewalt gegen Menschen oder Sachen widerspreche ihren Grundsätzen.

Die Forderungen reichen weit über ein einzelnes Thema hinaus: mehr Geld für Bildung und Soziales, kleinere Klassen, zusätzliche Lehrkräfte, Suchthilfe und Psychotherapie. Hinzu kommen Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten und für bezahlbaren Wohnraum, eine faire Verteilung finanzieller Lasten zwischen den Generationen sowie schneller und wirksamer Klimaschutz.

Gefordert werden außerdem der Schutz der Grundrechte und keine weitere Ausweitung staatlicher Überwachung. Die Initiative lehnt eine Wiedereinführung der Wehrpflicht und verpflichtende Dienstmodelle ab. In der öffentlichen Debatte wird das teils verkürzt als Forderung nach Abschaffung der Wehrpflicht beschrieben.

Wie groß die Bewegung tatsächlich ist, unterscheidet sich von Stadt zu Stadt. Für Frankfurt gibt es online mehr als 10.000 Interessenten, in Bremen wurden 4.000 Teilnehmer bei der Polizei angemeldet. Stuttgart, Dresden, Chemnitz und Mainz rechnen jeweils mit etwa 500 Menschen, München mit etwa 200 und Erfurt mit etwa 30.

Schülervertretungen gehen auf Abstand

Wer die Proteste genau organisiert und welche Leitungsstrukturen dahinterstehen, ist öffentlich nicht transparent. Die Bundesschülerkonferenz distanzierte sich von den Demonstrationen und kündigte für den 20. November eine eigene Kundgebung in Berlin an. Auch die Landesschülervertretungen in Niedersachsen, Hamburg, Hessen und Thüringen unterstützen die Veranstaltungen am 31. Oktober nicht.

Der Brandenburger Landesschülerrat beteiligt sich ebenfalls nicht an der Berliner Protestaktion. Sprecher Jakob Stamm nannte Unklarheiten über die Organisatoren und die Sorge, dass bestimmte Gruppen die Proteste übernehmen könnten. Damit orientiert sich der Landesschülerrat an einer Empfehlung des Bundesschülerrats, begrüßt aber grundsätzlich Demonstrationen von Jugendlichen für ihre Rechte. Die Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalen unterstützt weiterhin die inhaltlichen Kernforderungen.

Das Bundesinnenministerium berichtet, Teile der linksextremistischen Szene sowie vereinzelt Gruppen aus dem auslandsbezogenen Extremismus hätten die Aufrufe aufgegriffen und sich an der Mobilisierung beteiligt. Jan Redmann sowie Innenpolitiker von Union und SPD warnten vor Einflussversuchen aus der linksradikalen Szene. Grünen-Chef Felix Banaszak kritisierte dagegen einen pauschalen Generalverdacht gegen die Demonstrierenden und forderte, ihre inhaltlichen Anliegen ernst zu nehmen.

Als Argumente für die Proteste werden Lehrkräftemangel, Sanierungsstau und soziale Ungleichheit genannt, außerdem mehr politische Beteiligung Jugendlicher, die Ablehnung von Wehrpflicht und Sparmaßnahmen sowie Investitionen in Gesundheit und Psychotherapie. Dem stehen intransparente Organisationsstrukturen, mögliche extremistische Einflussnahme, Sicherheitsrisiken an Halloween und die Ablehnung durch mehrere Schülervertretungen gegenüber.

Die Warnungen vor Ausschreitungen knüpfen an Erfahrungen mit Jugendunruhen in europäischen Nachbarländern an. GdP-Bundesvorsitzender Jochen Kopelke warnte vor gewaltbereiten Trittbrettfahrern und verwendete für mögliche Angreifer auf Polizeikräfte den Ausdruck „junge Krawallmigranten“. Auch bayerische Behörden bereiten sich auf mögliche Zwischenfälle vor. Der Extremismusforscher Ahmad Mansour stellte mögliche Zusammenhänge zwischen Gewaltbereitschaft, Frustration, Perspektivlosigkeit, sozialen Medien und ungelösten Integrationsproblemen her.

Rund um den Kurfürstendamm bleiben damit Spanplatten, verkürzte Öffnungszeiten und die Frage, wie viel Vorsicht nötig ist. Die Demonstrierenden wollen für Bildung, soziale Sicherheit, Klimaschutz und gegen Wehrpflicht auf die Straße gehen; die Polizei richtet sich zugleich auf Halloween, Pyrotechnik und mögliche Trittbrettfahrer ein. In Brandenburg laufen die meisten Geschäfte ohnehin nicht an, während in Berlin viele Händler am Samstag ihren normalen Betrieb erwarten.