Bei Tegut läuft heute, am 16. Oktober 2026, der Ausverkauf weiter. Bis einschließlich Samstag, 17. Oktober, sind Rabatte von bis zu 50 Prozent möglich. Obst und Gemüse, Waren aus den Frischetheken sowie einzelne weitere Artikel bleiben allerdings ausgenommen. Wer auf Nudeln, Reis, Mehl, Kaffeebohnen, Nüsse, Müsli oder Konserven aus ist, sollte sich auf volle Gänge und Lücken im Regal einstellen.

In mehreren hessischen Filialen war der Andrang laut „Lebensmittel Zeitung“ ungewöhnlich groß. In Darmstadt zeigte sich das bereits am Donnerstagvormittag deutlich. In Bad Soden warteten Kunden teils mehr als eine Stunde an der Kasse; die Beschäftigten kamen kaum mit dem Auffüllen der Regale nach. In einer Frankfurter Filiale bildeten sich die Menschenstaus schon am Eingang. Manche Kundinnen und Kunden schoben gleich zwei Einkaufswagen durch den Markt und arbeiteten die Gänge systematisch ab. Ein bisschen Hamsterkauf, nur mit Einkaufschip.

Leere Märkte für neue Betreiber

Der Ausverkauf steht im Zusammenhang mit dem Rückzug der Schweizer Eigentümerin Migros Zürich aus Deutschland. Die Tegut-Märkte sollen möglichst leer an neue Betreiber übergeben werden. Für den 1. November war zunächst die Übergabe von 178 Tegut-Filialen an Edeka geplant. Das Bundeskartellamt genehmigte außerdem die Übernahme von 38 Filialen durch Rewe.

Der Biohändler Vollcorner hat gegen die Übernahme von rund 15 Tegut-Standorten im Großraum München Beschwerde eingelegt. Er sieht eine drohende Marktkonzentration. Für das Gesamtgeschäft hat die Beschwerde zunächst keine aufschiebende Wirkung. In Bad Soden soll der bisherige Tegut-Markt im November als Netto-Filiale wieder öffnen.

Typischerweise schließen die Tegut-Märkte für den Ausverkauf zwischen dem 29. und 31. Oktober. Danach sollen Übergaben und Wiedereröffnungen unter den Marken Edeka, Netto, Rewe und Tante Enso nach kurzen Umbauphasen gestaffelt im November erfolgen. Einen Käufer für eine vollständige Übernahme fand Migros nicht. Deshalb entschied sich das Unternehmen für die Aufteilung und den Verkauf einzelner Filialen, unter anderem an inländische Wettbewerber wie Edeka. Für Märkte und Beschäftigte soll so eine Perspektive bleiben.

Rückzug nach schwierigen Jahren

Migros Zürich beendet damit sein Engagement auf dem deutschen Markt und trennt sich von der kriselnden Handelskette Tegut. Zwar konnte Tegut sein operatives Defizit zuletzt verringern, doch anhaltende Umsatzrückgänge und der zunehmende Wettbewerb belasteten die Geschäftsentwicklung. Als Gründe für das Aus werden eine zu geringe Marktpräsenz und die besondere Ausrichtung des Unternehmens genannt.

Die Entwicklung kommt nach einer langen Vorgeschichte. Theo Gutberlet gründete das Handelsunternehmen 1947 unter dem Namen „Thegu“, abgeleitet aus den Anfangsbuchstaben seines Vor- und Nachnamens. 1955 wurde daraus „Tegut“. Größere Filialen firmierten ab 1961 unter „HaWeGe“ („HandelsWarenGesellschaft“), kleinere ab 1973 unter „Okay“. 1972 entstand die eigene Wurst- und Fleischverarbeitung kff Kurhessische Fleischwaren GmbH, ein Jahr später übernahm Wolfgang Gutberlet, der Sohn des Gründers, die Unternehmensführung.

Bio gehört ebenfalls schon lange zur Geschichte: 1982 begann Tegut mit dem Anbau und der Vermarktung von Bio-Lebensmitteln. 1989 wurde das Unternehmen in eine Stiftung überführt, deren Aufsichtsrat die Geschäftsführung einsetzt. 1996 kam die Bio-Bäckerei herzberger Bäckerei GmbH als weiteres Tochterunternehmen hinzu. Ein Jahr später war Tegut der erste Lebensmittelhändler in Deutschland, der Kreditkartenzahlungen akzeptierte. Seit 1998 heißt das Unternehmen „tegut…“ – und auch die Märkte tragen seitdem diesen Namen.

Mit dem Konzept „Lädchen für alles“ wollte Tegut ab 2010 kleinere Orte und Stadtteile wohnortnah mit Lebensmitteln versorgen. Am 11. Oktober 2012 wurde die Übernahme der Handelssparte durch die Schweizer Genossenschaft Migros Zürich (GMZ) bekanntgegeben. Nach kartellrechtlicher Genehmigung und Zustimmung des Migros-Genossenschafts-Bundes wurde sie im Januar 2013 wirksam. GMZ übernahm die Handelssparte der früheren „tegut… Gutberlet Stiftung & Co. KG“. Produktionsbetriebe wie die Herzberger Bäckerei und KFF sowie die landwirtschaftlichen Betriebe verblieben bei der neu gegründeten „W–E–G Stiftung & Co. KG“.

Filialnetz, Logistik und ein digitaler Ableger

Tegut betreibt mehr als 300 Filialen, überwiegend in der Nähe des Unternehmenssitzes in Fulda. Das Verbreitungsgebiet umfasst vor allem Hessen, Thüringen und Westfranken sowie einzelne Standorte in Mainz und im Raum Göttingen. Durch die Expansion mit Migros kamen Filialen im Raum Stuttgart und München hinzu; 2014 eröffnete Tegut in Stuttgart den ersten Markt außerhalb des bisherigen Verbreitungsgebiets.

Die Logistikstandorte in Seebergen und Fulda wurden Anfang 2024 geschlossen. Seit Juli 2024 läuft die Logistik über das neue, direkt an der A7 gelegene Logistikzentrum Michelsrombach. Auch an der Spitze gab es Veränderungen: Der bisherige Geschäftsführer Thomas Gutberlet, Enkel des Unternehmensgründers, verließ Tegut am 14. November 2024 sofort. Er hatte seit dem 30. August 2009 in dritter Generation den Vorsitz inne. Migros kündigte damals außerdem an, etwa jede zehnte Filiale verkaufen zu wollen, 120 Vollzeitstellen in der Fuldaer Zentrale abzubauen und die Geschäftsleitung zu erneuern.

Ein kleiner, ziemlich anderer Baustein ist „tegut… teo“. Im November 2020 eröffnete in Fulda der erste digitale Markt: rund 50 Quadratmeter Verkaufsfläche, etwa 950 Produkte, Selbstbedienung und rund um die Uhr geöffnet. Anfang März 2024 gab es 39 teo-Märkte. Wegen einer Neubewertung der Rechtslage durften die unbesetzten teo-Märkte in Hessen von Januar bis zur Neufassung des Ladenöffnungsgesetzes im Juli 2024 an Sonn- und Feiertagen nicht öffnen. Migros führte das Konzept im Oktober 2022 auch in der Schweiz ein; dort sind die Märkte am Wochenende rund um die Uhr zugänglich.

2024 wurde in Fulda die Smart Retail Solutions GmbH gegründet, um teo als Franchise-Konzept zu vertreiben. Die Gesellschaft ist eine Tochter von Migros, Schwesterunternehmen von Tegut und Betreiberin der teo-Märkte, die damit nicht mehr zu Tegut gehören.

Von der Expansion zum Verkauf

Ende 2016 verkaufte die Gutberlet-Stiftung ihre KFF-Anteile an die Deuerer-Gruppe aus Bretten, einen Hersteller von Heimtiernahrung. KFF war nach dem Wegfall von Tegut als Hauptkunden wirtschaftlich gefährdet. Im Mai 2017 wurde die Herzberger Bäckerei wieder in die Tegut-Gruppe eingegliedert.

Ende April 2021 führte eine Cyberattacke zum Ausfall des Warenwirtschaftssystems und dadurch zu leeren Regalen. Hacker veröffentlichten außerdem eine Datenbank mit persönlichen Daten von Kundenkartenbesitzern im Darknet. 2023 übernahm Tegut 19 Filialen sowie alle Mitarbeitenden der insolventen Bio-Supermarktkette Basic; die Filialen werden schrittweise auf Tegut umgestellt.

Zwischen 2013 und 2023 erzielte Tegut nur in vier Jahren keinen Verlust. Nach hohen Verlusten der Schweizer Muttergesellschaft 2022 und 2023, für die auch das Deutschlandgeschäft verantwortlich gemacht wurde, erklärte Migros Zürich 2024 zunächst, keinen Verkauf von Tegut zu planen. Laut „Lebensmittel Zeitung“ wollte Migros bis Ende 2024 über die weitere Zukunft entscheiden. Anfang Dezember 2024 setzte Migros Zürich Tegut eine Frist bis Ende 2026, um wieder Gewinne zu erzielen. Im März 2026 berichteten mehrere Medien über einen möglichen Verkauf.

Nun stehen zahlreiche Filialen bei Edeka, Rewe und Tante Enso. Die Zentrale in Fulda soll voraussichtlich Ende März 2027 geschlossen werden. Tegut gab bereits 2012 bekannt, die selbst betriebenen Bäckereitheken im Vorkassenbereich aufzugeben. Die Flächen sollten an regionale Bäckereien vergeben werden; Herzberger-Backwaren werden seitdem nur noch im Selbstbedienungsbereich verkauft. Und während heute haltbare Ware aus den Regalen verschwindet, ist vielerorts schon klar, welches Schild nach der kurzen Umbaupause darüber hängen soll.