Vor der Tegut-Filiale in der Thomas-Dehler-Straße 15 in München-Neuperlach stehen am Freitag, 16. Oktober 2026, erneut lange Schlangen. Tags zuvor hatte eine großflächige Rabattaktion den Markt regelrecht überrannt. Fotos zeigen eine Warteschlange bis in den Eingangsbereich; nach Angaben von Anwohnern waren die Zustände chaotisch.

Am Donnerstagabend musste der Supermarkt wegen Überfüllung vorübergehend schließen. Auch am Freitag warteten viele Menschen an den Kassen, während zahlreiche Regale bereits leer waren. Ein Schild am Eingang versprach „50% Rabatt auf alles“ – der maßgebliche Grund für den Ansturm.

Räumungsverkauf vor dem Betreiberwechsel

Die Tegut-Filiale soll Ende Oktober 2026 schließen. Der letzte Verkaufstag ist überwiegend für den 30. Oktober vorgesehen, in Thüringen für den 29. Oktober. Danach übernehmen Edeka, Netto Marken-Discount – also „Netto ohne Hund“ – sowie Rewe beziehungsweise Penny zahlreiche Standorte.

Tegut kündigte den Abschied mit Plakaten an: zunächst „Alles wie immer“, daneben läuft ein umfangreicher Räumungsverkauf. Vom 15. bis 17. Oktober galten zunächst 50 Prozent Rabatt auf fast alle Waren. Ausgenommen waren unter anderem Obst und Gemüse, Frischetheken, Tabak und Pfand; außerdem galt die Aktion nur, solange der Vorrat reichte. Tegut veröffentlichte dafür eine Liste mit 133 teilnehmenden Märkten.

Nicht beteiligt waren 27 künftige Edeka-Märkte, weil Edeka Hessenring Teile des Warenbestands übernimmt. Ausnahmen gibt es in den Hessenring-Märkten Friedberg, Karben und Wölfersheim. In Erfurt, Gießen und Gotha hängt die Teilnahme vom jeweiligen Standort ab. Der Rabatt galt zunächst in allen 57 Märkten, die an Netto Marken-Discount gehen, sowie in zahlreichen künftigen Edeka-Märkten. Künftige Rewe-Standorte waren zunächst nicht dabei; welche Märkte später Rewe oder Penny werden, teilte Rewe nicht mit.

Inzwischen wurde die Aktion verlängert: Bis einschließlich 25. Oktober gibt es 50 Prozent auf die teilnehmenden Waren. Ab dem 26. Oktober werden verbliebene Restbestände bis zum letzten Verkaufstag mit 75 Prozent Rabatt verkauft. Die Märkte werden grundsätzlich weiter beliefert, allerdings nicht mehr mit allen Artikeln und Sortimenten.

Der Andrang blieb nicht ohne Folgen. In einzelnen Märkten gab es zeitweise Einlassbeschränkungen, an stark besuchten Standorten setzte Tegut zusätzlich Sicherheits- und Einlasspersonal ein. Eine vorzeitige Schließung komplett leergekaufter Märkte ist laut Unternehmen möglich, aber nicht vorgesehen.

Was aus den Filialen wird

In München sollen insgesamt 17 Tegut-Filialen an Edeka übergehen. Bundesweit genehmigte das Bundeskartellamt die Übernahme von 178 Tegut-Standorten. Laut Edeka bleiben dadurch mehr als 3700 Arbeitsplätze erhalten. Der Supermarktstandort in Neuperlach soll also auch nach der Tegut-Schließung bestehen bleiben.

Edeka Hessenring übernimmt zahlreiche Märkte, unter anderem in Fulda, Kassel, Schwalmstadt und Weimar. Die Übernahme erfolgt zum 1. November. Für die technische und organisatorische Umstellung schließen die Märkte kurzzeitig; nach aktuellem Stand ist die Wiedereröffnung für den 5. November vorgesehen. Beschäftigte und Auszubildende sollen übernommen werden. Künftig firmieren alle Standorte unter der Marke Edeka – auch wenn in Stellenanzeigen Begriffe wie „Neukauf“ oder „Aktiv“ auftauchen.

Zunächst betreibt die RM Großmarkt GmbH die Märkte. Langfristig sollen sie möglichst an selbstständige Edeka-Kaufleute übergeben werden. Hessenring war schon bei früheren Verbundentscheidungen einen eigenen Weg gegangen: Die Regionalgesellschaft nahm weder am Payback-Start von Edeka noch zuvor an Deutschlandcard teil. Tebonus-Sammler in Fulda und Kassel sollen künftig Edeka-App-Coupons nutzen.

Der Rabatt läuft außerdem in Stuttgarter Märkten, die Edeka Südwest übernimmt, in elf Münchner Edeka-Märkten und in Märkten in Franken, etwa in Abenberg, Ansbach, Erlangen und Fürth. Dazu kommen Standorte im Rhein-Main-Gebiet – von Frankfurt über Darmstadt bis Wiesbaden und Mainz – sowie direkt an Edeka-Kaufleute übergebene Märkte, unter anderem in Gelnhausen, Linsengericht, Seligenstadt und Niederdorfelden. Der von Habig übernommene Standort soll am 16. November als E-Center wiedereröffnen.

Bei den künftigen Netto-Marken-Discount-Märkten ist nach dem letzten Tegut-Verkaufstag zunächst Schluss. Dort sind ein anderes Sortiment und teilweise ein Umbau geplant. Netto kündigte Wiedereröffnungen zwischen dem 5. und 26. November 2026 an; je nach Standort können die Märkte bis zu knapp vier Wochen geschlossen bleiben.

Tegut entstand vor fast 80 Jahren in Fulda als Bio-Pionier. Zum Abschied dankt das Unternehmen seiner Kundschaft für Einkauf, Treue und Vertrauen.

Warum das Kartellamt Bedingungen stellte

Das Bundeskartellamt hatte die Übernahme seit März 2026 geprüft und den Beteiligten Ende Juli eine vorläufige wettbewerbliche Bewertung übermittelt. Ursprünglich wollte Edeka 202 Tegut-Märkte, 41 automatisierte teo-Standorte, die Herzberger Bäckerei und ein Logistikzentrum übernehmen. Ohne Zusagen hätte der Zusammenschluss in 34 regionalen Märkten in Hessen, Thüringen, Nordbayern und Baden-Württemberg den Wettbewerb erheblich beeinträchtigt. In neun dieser Markträume wäre eine Entstehung oder Verstärkung einer marktbeherrschenden Stellung Edekas zu erwarten gewesen.

Am 20. Juli 2026 legte Edeka zunächst ein aus Sicht der Behörde unzureichendes Zusagenangebot vor. Nach weiteren Verhandlungen folgte am 14. September 2026 ein erweitertes Angebot, das das Bundeskartellamt akzeptierte. Freigegeben wurde die Übernahme von 178 tegut-Lebensmittelmärkten und weiteren Unternehmensteilen. Für vier Jahre darf Edeka außerdem 24 weitere Tegut-Standorte nicht erwerben. Das Verbot gilt für die gesamte Edeka-Gruppe einschließlich Regionalgesellschaften und selbstständiger Einzelhändler und umfasst auch Miet- und Anschlussmietverträge.

In 24 Markträumen entfallen die Bedenken direkt durch den Verzicht auf die jeweiligen Standorte, in zehn weiteren durch den Verzicht auf Standorte in angrenzenden oder sich überschneidenden Gebieten. So sollen die Märkte längere Zeit außerhalb der Edeka-Gruppe weiterbetrieben werden können; wer sie künftig führt, wurde nicht festgelegt.

Betroffen sind Aalen, Am Tannenwäldle 2, 73431; Alsfeld, An der Au 10, 36304; Bad Langensalza, Marktstraße 25, 99947; Bad Neustadt, Saalestraße 2, 97616; Erfurt/Marbach, Bergener Straße 18, 99092; Geisa, Gartenweg 3, 36419; Gerbrunn, Am Kirschberg 5, 97218; Heiligenstadt, Brüsseler Straße 1, 37308; Hünfeld, Am Niedertor 2–8, 36088; Kassel, Frankfurter Straße 86, 34121; Kassel, Friedrich-Ebert-Straße 29, 34117; Kassel, Wilhelmshöher Allee 262, 34131; Kirchhain, Mühlgasse 11, 35274; Korbach, Briloner Landstraße 4–6, 34497; Neuhof, Hanauerstraße 1, 36119; Oberelsbach, Oberwaldbehrunger Straße 20, 97656; Rainrod, Mühlstraße 23, 63679; Riedstadt, Lise-Meitner-Straße 2, 64560; Sachsenberg, Frankenberger Straße 12, 35104; Schonungen, Ludwig-Grobe-Straße 3, 97453; Tauberbischofsheim, Krautgartenweg 6, 97941; Würzburg, Frankfurter Straße 18, 97082; Würzburg-Estenfeld, Am Zehnthügel 2, 97230; sowie Zella-Mehlis, Ortsteil Benshausen, Benshäuser Straße 12, 98544. Für Bad Neustadt gilt das Verbot nur für den Betrieb eines Lebensmitteleinzelhandelsstandorts, nicht für den Erwerb der Immobilie.

Zur Einordnung der Größenordnung: Für 2025 weist die Untersuchung Edeka rund 30 Prozent Umsatzanteil im Lebensmittelhandel aus, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland rund 25 Prozent, Rewe rund 22 Prozent und Aldi Nord und Süd zusammen rund 15 Prozent. Damit vereinten die vier Gruppen mehr als 90 Prozent der bundesweiten Umsätze. Zwischen den Handelsunternehmen herrscht intensive Wettbewerbsbeobachtung, bei Teilen des Sortiments ist die Preisgleichheit hoch. Preisänderungen gingen in der Vergangenheit häufig von Aldi aus, zuletzt wurden vermehrt auch zuerst von Lidl vorgenommene Preisänderungen festgestellt.

Die Margen stiegen während der Corona-Pandemie deutlich an und gehen seit spätestens 2022 wieder zurück. Bei den vier großen Handelsgruppen liegen sie im Durchschnitt trotzdem weiterhin über dem Vor-Corona-Niveau; im gesamten Lebensmitteleinzelhandel bewegen sich die durchschnittlichen Margen laut Untersuchung im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

Weitere Verfahren und offene Fragen

Eine einzelmarktübergreifende kollektive Marktbeherrschung der führenden Lebensmittelhändler auf den Absatzmärkten stellte die Behörde nicht fest. Dagegen sprachen unter anderem fehlende Verbindungen und Lieferbeziehungen zwischen den großen Händlern, der tatsächliche Wettbewerb und die geringen Margen. Auch andere europäische Wettbewerbsbehörden haben trotz teilweise höherer Marktkonzentration bislang keine solche kollektive Marktbeherrschung festgestellt.

Auf den Beschaffungsmärkten verfügt Edeka allerdings über eine starke Stellung gegenüber Herstellern und Lieferanten. Edeka und Rewe sind für manche Hersteller von Markenprodukten als Abnehmer einzeln kaum kurzfristig ersetzbar. Diese relative Nachfragemacht reicht nach Einschätzung des Bundeskartellamts dennoch nicht für ein Fusionsverbot. Der durch Tegut hinzukommende Anteil am gesamten inländischen Beschaffungsvolumen beträgt weniger als 0,4 Prozentpunkte. Teguts Bedeutung als eigenständiger Nachfrager und als Mitglied der Einkaufskooperation Retail Trade Group, kurz RTG, wurde als begrenzt bewertet.

Eine erhebliche Wettbewerbsbehinderung auf den Beschaffungsmärkten wurde deshalb nicht erwartet. Edeka verpflichtete sich, im Zusammenhang mit der Übernahme keine Konditionen ohne angemessene Gegenleistung zu fordern. Edeka und Tegut erklärten außerdem, keinen sogenannten Bestwertabgleich anzustreben. Edeka soll zu keinem Zeitpunkt Zugriff auf Teguts Beschaffungskonditionen erhalten, insbesondere nicht auf die Konditionen der RTG. Auch auf den Beschaffungsmärkten stellte die Behörde keine kollektive Marktbeherrschung fest: Es fehlten ausreichende Hinweise auf hohe Transparenz der Beschaffungspreise, voneinander abhängige Verhandlungen oder Anreize zur Koordinierung der Einkaufspreise.

Im Juni 2026 hatte das Bundeskartellamt bereits die Übernahme von 36 überwiegend kleineren Tegut-Standorten durch Tante Enso Süd-West freigegeben. Die geplante Übernahme weiterer Tegut-Standorte durch Rewe wird weiterhin geprüft. Rewe hat im Hauptprüfverfahren ebenfalls Zusagen angeboten; die verlängerte Prüffrist läuft bis zum 29. Oktober 2026. Eine Entscheidung zum Rewe-Verfahren steht noch aus.

In Neuperlach geht derweil der Räumungsverkauf weiter. Einkaufswagen klappern, an den Kassen wird gewartet, und hinter den 50-Prozent-Schildern werden die Lücken in den Regalen von Stunde zu Stunde größer.