Tegut verschwindet: 252 Märkte werden auf Edeka, Rewe, Netto, Penny und Tante Enso verteilt
In vielen Tegut-Supermärkten sind die Türen schon zu. Dahinter: leere Regale, verwaiste Auslagen, manchmal Bauzäune vor dem Eingang. Für Kundinnen und Kunden wirkt das abrupt; für Beschäftigte und Lieferanten ist es ein Einschnitt, der sich seit Monaten angekündigt hat. Weitere Filialen sollen in den kommenden Tagen schließen. Spätestens im Dezember 2026 soll der Betrieb beendet sein.
Standorte ohne Nachfolger sollen voraussichtlich bis zum 19. Dezember 2026 geöffnet bleiben. Gleichzeitig verhandelt die bisherige Eigentümerin, die Schweizer Genossenschaft Migros Zürich, weiter mit potenziellen Käufern. Eine spätere Übergabe bleibt auch nach einer vorübergehenden Schließung möglich. Migros erklärte, weiterhin eine Lösung für die Beschäftigten und die Standorte anzustreben.
252 Märkte gehen an andere Betreiber
Tegut hatte in Deutschland rund 300 Standorte und beschäftigte laut Migros knapp 7.500 Menschen. Rewe, Edeka und Tante Enso übernehmen insgesamt 252 Standorte, den größten Anteil davon Edeka. Als Käufer und Nachnutzer sind außerdem die Discounter Netto und Penny vorgesehen. Übergaben und Neueröffnungen sollen schrittweise erfolgen.
Die Marke Tegut verlässt den deutschen Markt. Migros hatte im März angekündigt, Tegut verkaufen zu wollen; auch die Marke Tegut soll aufgegeben werden. Die Kette wurde 1947 in Fulda gegründet, gehört seit 2013 zur Migros-Gruppe und ist in sechs Bundesländern vertreten. Die meisten Märkte liegen in Hessen.
Der Rückzug kommt nach jahrelangem Engagement der Migros Zürich bei ihrer krisengeschüttelten Tochter. Maßnahmen zur Verringerung des operativen Verlusts zeigten zuletzt zwar erste Erfolge. Sinkende Umsätze und zunehmender Wettbewerbsdruck machten das Geschäft laut Unternehmen jedoch dauerhaft unrentabel. Als Gründe nannte Migros die fehlende flächendeckende Marktpräsenz und das spezielle Sortiment, das einen wirtschaftlichen Betrieb in Deutschland erschwert habe. Weil kein Investor für eine vollständige Übernahme gefunden wurde, wird Tegut auf mehrere Betreiber aufgeteilt.
Von Tante Enso bis Penny
Tante Enso soll 36 Standorte als digitale Nahversorgungsmärkte weiterführen. Bedingung ist, dass sich in jedem Ort mindestens 35 Prozent der Bevölkerung als Genossenschaftsmitglieder beteiligen. In der veröffentlichten Tegut-Standortübersicht stehen unter anderem Amt Wachsenburg, Biebergemünd, Bleicherode, Burgsinn, Dachwig, Dittelbrunn, Ebersburg, Feldatal, Föritztal, Frankenblick, Freiensteinau, Gerolzhofen, Großostheim, Herbstein, Hünfeld, Kirtorf, Kolitzheim, Langenfeld, Marburg, Niedernhausen, Nüdlingen, Partenstein, Petersberg, Poppenhausen, Saal an der Saale, Schleusegrund, Sondershausen, Steinau an der Straße, Steinbach-Hallenberg, Unterbreizbach und Wesertal. Die Liste enthält 31 Standortangaben; für fünf weitere Märkte fehlen konkrete Namen.
Rewe erhält 38 Tegut-Märkte. Das Bundeskartellamt genehmigte am 14. Oktober 2026 die Übernahme von 38 der ursprünglich 40 angemeldeten Märkte. Vier Jahre lang muss Rewe auf die Standorte Marburg-Ketzerbach und Schlüchtern verzichten. Genannt werden unter anderem Filialen in Bad Brückenau, Bad Kissingen-Garitz, Coburg, Eibelstadt, Karlstadt, Laufach, Margetshöchheim, Schwarzach am Main, Schweinfurt und Würzburg. Bad Hersfeld könnte zu Rewe oder zur Rewe-Tochter Penny wechseln.
Edeka übernimmt mit 178 Märkten das größte Tegut-Paket. Darunter sind unter anderem Filialen in Abenberg, Bodenheim, Frankfurt am Main, Kassel und Langen. Die Tegut-Teo-Smartstores, die ebenfalls zur Migros-Gruppe gehören, sollen an den Mannheimer Betreiber Yobsti übergehen und künftig unter diesem Namen laufen. Edeka soll nach den vorliegenden Angaben Lieferant bleiben. Der Münchner Biohändler Vollcorner hat gegen die Edeka-Genehmigung Beschwerde beim Oberlandesgericht Düsseldorf eingelegt; eine Entscheidung steht noch aus.
Rund 60 Standorte aus dem Edeka-Paket soll Netto Marken-Discount übernehmen, ein Tochterunternehmen des Edeka-Verbunds. Edeka gibt kleinere Vollsortimentmärkte teilweise an sein Discountformat weiter. Als Beispiel gilt der Standort Brachttal, Fabrikstraße 5. Weitere Umwandlungen und Neubauten sind im Werra-Meißner-Kreis und in Osthessen geplant.
Penny könnte zusätzliche Märkte aus dem Rewe-Kontingent übernehmen. Die Weitergabe einzelner Standorte soll helfen, kartellrechtliche Vorgaben gegen eine zu hohe Marktkonzentration zu erfüllen. Eine vollständige Liste der Penny-Standorte liegt noch nicht vor.
36 Märkte bleiben vorerst offen
Für 36 Tegut-Filialen wurde im ersten Bieterverfahren offenbar noch keine Übernahmelösung gefunden. Genannt werden unter anderem Flieden, Hofbieber und Hann. Münden. Für diese Märkte läuft ein weiteres Bieterverfahren. Falls sich kein Betreiber findet, droht nach dem Ende der Übergangsregelungen die Schließung.
Die vollständige Zuordnung soll schrittweise über die regionale Tegut-Standortsuche bekannt gegeben werden. Das erklärt auch, warum sich die Lage für manche Orte beinahe täglich anders liest: Ein Schild verschwindet, ein neuer Betreiber wird genannt, dann heißt es wieder warten. Für Filialen ohne Nachfolger bleibt der 19. Dezember 2026 vorerst die maßgebliche Grenze.
Mit Sorge blickt der Hessische Bauernverband auf die Entwicklung. Regionale Absatzwege für landwirtschaftliche Betriebe könnten wegfallen oder neu organisiert werden. Ob Lieferverträge angepasst oder neu ausgehandelt werden müssen, hängt von den jeweiligen Vertrags- und Lieferbeziehungen ab. Konkrete Zahlen zu betroffenen regionalen Zulieferern oder wegfallenden Absatzmengen liegen dem Verband derzeit nicht vor.
Fest steht für den Bauernverband: Regional erzeugte Lebensmittel brauchen weiterhin einen verlässlichen Zugang zum Lebensmitteleinzelhandel. Landwirtschaftliche Betriebe seien auf langfristige Absatzperspektiven und Planungssicherheit angewiesen. Gerade bei regionalen Produkten lässt sich ein verlorener Absatzweg nicht immer binnen weniger Wochen ersetzen.
Ein Markt mit wenigen großen Namen
Der Lebensmitteleinzelhandel ist die umsatzstärkste Branche im deutschen Einzelhandel. Unternehmen verkaufen vor allem Lebensmittel, häufig ergänzt durch sogenannte Near-Food-Produkte wie Reinigungsmittel. Im stationären Handel werden vier Betriebsformen unterschieden: Supermärkte, Discounter, Verbrauchermärkte und SB-Warenhäuser.
Die größten Marktanteile entfallen auf Lebensmittel-Discounter wie Aldi und Lidl. Führendes Einzelhandelsunternehmen ist die in Hamburg ansässige Edeka-Gruppe mit Edeka und Netto Marken-Discount; besonders mit dem Vollsortimenter Edeka erzielt sie Erfolge. Größter Konkurrent ist die Rewe-Gruppe mit Rewe und Penny.
Der deutsche LEH ist stark konzentriert. Internationale Lebensmittelhändler wie Walmart konnten sich deshalb hier nicht dauerhaft etablieren. Und während in den Tegut-Märkten heute vielerorts die Regale leer bleiben, wird sich in den kommenden Monaten zeigen, welche Namen an den Standorten künftig über den Türen stehen.
