Wempe schließt fast alle deutschen Filialen wegen erwarteter Gen-Z-Proteste
Der Luxusjuwelier Wempe schließt wegen der für Samstag, den 31. Oktober, angekündigten „GenZ regelt“-Proteste vorsorglich fast alle deutschen Filialen. Die Geschäfte sollen vorübergehend geschlossen bleiben. Das Unternehmen begründet die Entscheidung mit möglichen Sicherheitsrisiken und dem Schutz seiner Mitarbeiter.
Nach Angaben von Wempe sind derzeit noch drei Geschäfte geöffnet. Wie viele Filialen insgesamt geschlossen wurden, teilte das Unternehmen nicht mit. Eine Sprecherin machte dazu keine weiteren Angaben.
Friedliche Versammlungen, Sorge vor Unterwanderung
Die Initiative „Gen Z regelt“ hat für Samstag zu friedlichen Versammlungen in rund 30 deutschen Städten aufgerufen. Nach den Angaben von ZDFheute sind Demonstrationen in 23 deutschen Städten vorgesehen. In Berlin, Hamburg, München, Frankfurt am Main und Köln organisiert die Initiative die Proteste hauptverantwortlich, in 18 weiteren Städten unterstützt sie örtliche Gruppen. Im Internet haben knapp 140.000 Menschen ihre Teilnahme zugesagt.
Die größten Zusagen gibt es bislang in Köln mit rund 12.000, in Frankfurt mit knapp 11.000, in Hamburg und Berlin mit jeweils mehr als 8.000 sowie in München mit knapp 7.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
Wempe erklärte nach Abstimmung mit den Behörden, es bestehe die Wahrscheinlichkeit, dass friedliche Proteste von aggressiven Gruppierungen unterwandert werden könnten. Als Beispiele nannte das Unternehmen Entwicklungen in Frankreich und Belgien. Sicherheitsbehörden warnen ebenfalls vor einer möglichen Unterwanderung durch extremistische und gewaltbereite Gruppen. Das Bundesinnenministerium fordert dabei eine klare Unterscheidung zwischen friedlichen Schülerprotesten und einer möglicherweise gewaltbereiten extremistischen Szene.
Bei früheren Protesten in Frankreich und Italien kam es laut den Berichten zu Plünderungen von Geschäften. In Frankreich gab es am Rand friedlicher Großdemonstrationen Ausschreitungen, beschädigt wurden Geschäfte und öffentliche Gebäude, zahlreiche Einsatzkräfte wurden verletzt. Auch in Italien, Spanien und Albanien schlugen Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten und Probleme im Bildungssystem teilweise in Gewalt um. In Italien protestieren außerdem Lkw-Fahrer und Bauern. Bei Protesten in Barcelona kam es zu Plünderungen und Bränden; die Polizei nahm etwa 100 Menschen fest, rund ein Viertel davon war minderjährig.
Wempe-Standorte von Sylt bis München
Die Gesamtzahl der Wempe-Geschäfte ist nicht bekannt. Auf der Unternehmenswebsite werden Standorte unter anderem auf Sylt sowie in Hamburg, Bremen, Hannover, Berlin, Dresden, Leipzig, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Nürnberg, Stuttgart und München aufgeführt. In Berlin und Frankfurt gibt es demnach jeweils mehrere Niederlassungen. Für Kundinnen und Kunden heißt das am Samstag: Vor verschlossenen Türen stehen ist möglich, und zwar nicht nur an einem einzigen Standort.
Worum es bei den Protesten geht
„Gen Z regelt“ beschreibt sich als unabhängiger, überparteilicher und loser Zusammenschluss junger Menschen. Die Initiative erklärt, sie stehe für die Interessen der Jugend und der Zukunft und sei für Menschen verschiedener politischer Richtungen offen. Ausgeschlossen werden extremistische Gruppen, verfassungsfeindliche Symbole, Rassismus, Hetze und Gewalt.
Die Protestierenden fordern unter anderem bessere Bildung, ein bezahlbares Leben und mehr politische Berücksichtigung junger Menschen. Sie kritisieren Einsparungen bei Bildung, Sozialem, Kultur und Gesundheit, steigende Lebenshaltungskosten sowie aus ihrer Sicht zu wenig politische Aufmerksamkeit für die Sorgen der Betroffenen. Auch eine als ungerecht empfundene Verteilung gesellschaftlicher Lasten, weitere Kürzungen bei gleichzeitigem Profit großer Unternehmen, steigende Ausgaben für Aufrüstung, mehr Überwachung sowie die neue Wehrpflicht und Musterung junger Männer werden genannt.
Hinzu kommt der Fachkräftemangel in Schulen, Pflege und Gesundheitsversorgung. Die Initiative erklärt, junge Menschen sollten nicht für Kriege ausgebildet werden, über die sie nicht mitentschieden hätten. Grünen-Chef Banaszak warnt davor, die deutschen Gen-Z-Proteste vorschnell zu kriminalisieren, und fordert, die Ursachen der Proteste ernst zu nehmen.
In mehreren europäischen Ländern gibt es Proteste, an denen sich vor allem junge Menschen beteiligen. Teilweise begannen sie mit Forderungen nach besseren Lernbedingungen. Polizei und Innenpolitiker befürchten eine ähnliche Unterwanderung deutscher Proteste wie in Frankreich. CDU-Politiker Marc Henrichmann erklärt, die internationale Vernetzung der linksextremistischen Szene sei koordiniert und gewaltbereite Personen könnten Grenzen überschreiten. CDU-Innenpolitiker Alexander Throm warnt vor einer möglichen Übernahme der Demonstrationen durch Linksextremisten und Kriminelle aus migrantischen Milieus. SPD-Innenpolitiker Sebastian Fiedler fordert, Personen zu beobachten, die die Lage im Internet anheizen.
Mehrere tausend Polizisten im Einsatz
Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern stimmen sich unter anderem im Gemeinsamen Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum, kurz GETZ, ab. Gemeinsam mit Partnerländern führen sie fortlaufend Gefährdungsbewertungen durch. Das Bundesamt für Verfassungsschutz verstärkt die Beobachtung einschlägiger Internetseiten und Social-Media-Kanäle. Im Fokus stehen Aufrufe zu gewaltsamer Teilnahme oder zur Nutzung der Demonstrationen zur Verbreitung von Gewalt.
Bei den Demonstrationen sollen mehrere tausend Polizisten eingesetzt werden. Die Bundespolizei kann die Länder bei Bedarf im Rahmen der Amtshilfe unterstützen. Personen, die zur gewaltsamen Teilnahme einreisen wollen, sollen bereits an der Grenze zurückgewiesen werden. Die Deutsche Polizeigewerkschaft weist außerdem darauf hin, dass die Proteste mit Halloween zusammenfallen und dadurch zusätzliche Herausforderungen entstehen können, unter anderem bei der Durchsetzung des Vermummungsverbots.
