Mehr als 30 Jahre nach dem Raubmord in einem Lidl-Markt in Tönisvorst im Kreis Viersen ist ein Tatverdächtiger festgenommen worden. Der Fall, der lange als „Cold Case“ galt, bekommt damit eine neue, überraschende Wendung.

Am 25. Januar 1995 wurde die damals 24-jährige Filialleiterin Sonja K. vor der Eröffnung des Geschäfts überfallen. Die Täter fesselten und knebelten sie, erdrosselten sie und raubten anschließend mehrere tausend Mark aus dem Tresor. Ein Schlüsselbund des Opfers ist seitdem verschwunden – darunter der Schlüssel zum Haupteingang und jener zum Tresor.

Neue DNA-Spuren nach Jahrzehnten

Ende September 2026 berichtete die Polizei von neuen DNA-Spuren, die zu dem Täter oder den Tätern führen könnten. Für deren Auswertung stehen heute modernere Methoden zur Verfügung als im Jahr 1995. Damals waren zahlreiche DNA-Proben genommen worden, unter anderem von Rettungskräften, Polizeibeamten, Angehörigen und Personen aus dem beruflichen Umfeld des Opfers. Befragt wurden beziehungsweise Proben abgegeben hatten auch Lieferanten, Ladendetektive und Reinigungskräfte.

Die Ermittler gingen bislang davon aus, dass mehrere Täter gemeinsam handelten. Sie dürften die Filiale gekannt haben und mit den internen Abläufen vertraut gewesen sein. Zwei Jugendliche, die sich damals vor dem Supermarkteingang aufgehalten haben sollen, suchte die Polizei bisher erfolglos.

Die Eltern von Sonja K. sind inzwischen gestorben. Ihre beiden Brüder hoffen weiterhin auf eine Aufklärung des Falls. Die Polizei Mönchengladbach nahm die Ermittlungen zu ungeklärten Tötungsdelikten aus vergangenen Jahrzehnten in ähnlichen Fällen gemeinsam mit dem Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen und der zuständigen Staatsanwaltschaft wieder auf.

Pressekonferenz in Mönchengladbach

Die Staatsanwaltschaft Krefeld und die Polizei wollen am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Mönchengladbach weitere Einzelheiten bekanntgeben. Bis dahin bleiben viele Fragen offen: Wem gehörte die DNA-Spur? Wie gelangten die Täter damals in die Filiale? Und was wurde aus dem verschwundenen Schlüsselbund?

Der Lidl-Markt in Tönisvorst steht damit auch für die mühsame Arbeit hinter alten Ermittlungsakten. Was 1995 noch in Ordnern, Asservatenkammern und Erinnerungen festhing, kann heute erneut geprüft werden. Manchmal reicht ein winziger Hinweis – ein biologisches Spurenteil, das jahrzehntelang niemand eindeutig zuordnen konnte.

Nordrhein-Westfalen rollte Hunderte Fälle neu auf

Der Fall passt in einen größeren Ermittlungsansatz des Landes. Seit November 2021 untersuchten 24 pensionierte Polizistinnen und Polizisten im Rahmen eines LKA-Projekts ungeklärte Mord- und Tötungsdelikte in Nordrhein-Westfalen. Das Projekt „Cold Cases“ und die dafür eingerichtete Besondere Aufbauorganisation (BAO) liefen zum 2. Mai 2023 aus.

Die Ermittler überprüften 1.143 ungeklärte Fälle aus dem Zeitraum seit 1970. Dabei ging es darum, ob moderne Kriminaltechnik, neue Ermittlungsmethoden, geänderte Rechtsgrundlagen oder neue Hinweise aus der Bevölkerung eine Aufklärung möglich machen könnten. In 403 Fällen sahen sie gute Chancen für weitere Ermittlungen; bereits während der Sichtung konnten sechs Fälle geklärt werden.

Die örtlich zuständigen Kriminalpolizeien übernehmen Fälle mit neuen Ermittlungsansätzen, die Staatsanwaltschaft entscheidet über das weitere Vorgehen. In einer zweiten Phase sollen pensionierte Fachleute als „Senior Experts“ die Kriminalhauptstellen bei zusätzlichen Ermittlungen unterstützen.

Bei seinem Start im November 2021 war das Projekt nach Angaben des Landeskriminalamts bundesweit das erste dieser Art. Die 24 pensionierten Ermittler wurden zuvor in einer einwöchigen Schulung auf neue Methoden und Abläufe vorbereitet. Sie waren zwischen 62 und 65 Jahre alt und brachten Erfahrungen als Todesermittler, Kommissariatsleiter, Vermisstensachbearbeiter oder Kriminaltechnik-Experten mit.

Zu ihren Aufgaben gehörten die Aktualisierung des Ermittlungsstands, die Digitalisierung von Akten, die Untersuchung von Asservaten, die Bewertung von Aufklärungschancen und die Entwicklung neuer Ermittlungskonzepte. Der Ermittler Franz Wirges war am Durchbruch in der Mordkommission Mirow beteiligt. In einem Fall aus dem Jahr 1987 in Köln-Ehrenfeld wurde zudem ein mutmaßlicher Täter eines versuchten Raubmords gefasst.

Nun richtet sich der Blick wieder nach Tönisvorst – auf einen Tresor, einen verschwundenen Schlüsselbund, alte Spuren und eine Filialleiterin, deren Familie seit Jahrzehnten auf Antworten wartet.