Greenpeace protestiert in Hamburg gegen Ikea-Holz aus rumänischen Schutzgebieten
Am 13.10.2026 haben rund 20 Greenpeace-Aktivist:innen vor einer Ikea-Filiale im Hamburger Bezirk Altona gegen die Zerstörung schützenswerter Wälder protestiert. Fassadenkletterer befestigten unter dem Ikea-Schriftzug ein Banner mit dem Spruch: „Ikea vermöbelt Schutzgebiete“. Auf dem Vorplatz standen zwei überdimensionale Figuren im Stil der Strichmännchen aus Ikea-Montageanleitungen – mit Sägen in der Hand, als würden sie Bäume vor der Filiale fällen.
Anlass war eine Greenpeace-Recherche zu einem Kahlschlag in den rumänischen Karpaten. Die Umweltorganisation wirft Ikea vor, Holz aus einem geschützten Natura-2000-Gebiet zu verarbeiten. Ikea erklärte auf Nachfrage, die Holzfällung habe dem rumänischen Recht entsprochen. In dem betroffenen Gebiet werde zudem wieder aufgeforstet.
Ein alter Wald, zurückgelassener Müll
Nach Angaben von Greenpeace wurde in dem Natura-2000-Schutzgebiet ein etwa 170 Jahre alter Laub- und Mischwald vollständig gerodet. Der Boden trockne aus und erodiere. Zwischen den Spuren der Arbeiten seien Plastikmüll, Ölpfützen, eine Benzinflasche und ein alter Traktorreifen zurückgeblieben – keine Kulisse, die man sich gern näher ansieht.
Der Wald habe auf einer Liste von Gebieten gestanden, die ab 2030 strenger vor Holzeinschlag geschützt werden sollten. Laut Greenpeace wurde er vor Inkrafttreten des Schutzes gerodet und anschließend von der Liste entfernt. Einen Wald wiederherzustellen, könne Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern.
Den Weg des Holzes verfolgte Greenpeace nach eigenen Angaben mithilfe von Satellitenbildern, Abholzgenehmigungen, Lieferkettenanalysen, Holzlagern und Handelsregistern bis in Ikeas Lieferkette. Mit der Zerstörung des Gebiets werden unter anderem Tritthocker, Kochlöffel und Betten in Verbindung gebracht.
Ikea, Holz und die Schutzgebiete
Greenpeace erklärt, solche Kahlschläge seien nach früheren Recherchen keine Einzelfälle, sondern systematisch. Ikea ist laut Greenpeace der weltgrößte Möbelhändler und einer der größten Holzverbraucher weltweit. Rund 80 Prozent des nicht recycelten Frischholzes stammen demnach aus Europa. Deutschland ist Ikeas größter Absatzmarkt; Schätzungen zufolge wird weltweit alle zwei Sekunden ein Baum für Ikea-Möbel gefällt.
Die Karpaten ziehen sich rund 1.500 Kilometer durch mehrere osteuropäische Länder. Dort leben große europäische Populationen von Braunbären, Wölfen und Luchsen, außerdem mehr als ein Drittel der europäischen Pflanzenarten. In der Region werden laut Greenpeace stündlich Flächen in der Größe von fünf Fußballfeldern abgeholzt. Greenpeace fordert Ikea deshalb auf, kein Holz mehr aus schützenswerten Wäldern zu verwenden.
Ikea wirbt mit Nachhaltigkeitszielen und Produkten, die ein nachhaltigeres Leben ermöglichen sollen. In der Nachhaltigkeitsrichtlinie des Unternehmens gebe es beim Schutz von Ökosystemen und Biodiversität laut Greenpeace allerdings kein konkretes Ziel.
Fast 98 Prozent des von Ikea verwendeten Holzes stammen laut Ikea aus FSC-zertifizierten Quellen. Greenpeace weist jedoch darauf hin, dass FSC-Zertifizierungen Kahlschläge und Holzeinschlag in ökologisch wertvollen Wäldern nicht grundsätzlich ausschließen. Nationale Standards würden teilweise unzureichend eingehalten oder kontrolliert. Greenpeace Deutschland verließ das FSC-System 2018.
Forderungen an den Möbelhandel
Eine Greenpeace-Analyse der Baumbedeckung in fünf europäischen Ländern über 25 Jahre zeigt zunehmende Kahlschlagflächen, auch in Natura-2000-Schutzgebieten. Rund 200 Staaten vereinbarten, bis 2030 weltweit 30 Prozent der Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Die EU will davon 10 Prozent der Gesamtfläche streng vor industrieller Ausbeutung schützen. Greenpeace zufolge werden diese Ziele zu langsam umgesetzt, während die Abholzung in vorgesehenen Schutzgebieten weitergeht.
Auch Unternehmen sieht die Organisation in der Verantwortung, weil sie von der Naturzerstörung finanziell profitieren. Greenpeace fordert von Ikea den sofortigen Verzicht auf Holz aus ökologisch besonders wertvollen europäischen Wäldern, bis diese gesetzlich geschützt sind. Außerdem verlangt die Organisation vorübergehende Einschlagsmoratorien in von Greenpeace definierten „Moratoriumsflächen“ sowie konkrete, messbare und verbindliche Vorgaben zum Schutz von Arten und Ökosystemen in den Unternehmensrichtlinien.
Ikea sei vor der Veröffentlichung mit den Rechercheergebnissen konfrontiert worden, teilt Greenpeace mit. Der Konzern habe in seiner Antwort auf Legalitätszusagen und Zertifizierungen verwiesen und die Aufnahmen vor Ort zurückgewiesen.
Die Dimension des Streits zeigt sich auch an den Zahlen zur Region: Nur etwa 10 Prozent der rumänischen Wälder sind älter als 120 Jahre. Rumänien soll in den vergangenen 20 Jahren mehr als 50 Prozent seiner Urwälder durch Abholzung verloren haben. Vor der Hamburger Filiale blieb davon am Dienstag vor allem das Bild zweier Ikea-Strichmännchen mit Sägen – und ein Banner, das zwischen dem Alltag vor dem Einrichtungshaus und der Debatte über Lieferketten hing.
