Ikea startet in Deutschland einen Secondhand-Marktplatz für gebrauchte Möbel
Heute, am 14.10.2026, verspricht Ikea online „Festtagsstimmung“: Weihnachtsdekoration, Beleuchtung und saisonale Produkte stehen bereit. Wirtschaftlich ist die Lage allerdings weniger festlich. Nach dem Rekordjahr 2022/23 sanken die weltweiten Erlöse, viele Kunden sparen bei Möbeln oder verschieben Anschaffungen. Deutschland bleibt zwar Ikeas wichtigster Markt, zugleich wächst der Druck durch Jysk, XXXLutz, Höffner, Home24 und Wayfair.
Die deutsche Möbelbranche steckt schon länger in der Krise. 2025 sanken die Erlöse der Möbelhersteller zum dritten Mal in Folge auf den niedrigsten Stand seit 2009. Im ersten Halbjahr des laufenden Jahres ging der Umsatz erneut zurück, auch der Möbelhandel bekam die Flaute zu spüren. Branchenweit lag das Umsatzminus 2025 bei bis zu 9 Prozent – Ikea gewann in diesem Umfeld allerdings Marktanteile.
Secondhand mit Bonus und vielen Bedingungen
Heute startet Ikea in Deutschland einen eigenen Secondhand-Marktplatz für gebrauchte Ikea-Möbel. Erste deutsche Inserate sind bereits online, das Angebot richtet sich ausschließlich an Mitglieder des Ikea-Family-Programms. Verkäufer müssen mindestens 18 Jahre alt sein, in Deutschland wohnen und ein persönliches Ikea-Family-Profil besitzen. Die Plattform wird von der schwedischen Ingka NB AB betrieben.
Käufer und Verkäufer schließen den Vertrag direkt miteinander; Ikea Deutschland ist nicht Vertragspartei. Angeboten werden dürfen gebrauchte Ikea-Möbel und Einrichtungsgegenstände. Lebensmittel, Matratzen, Haushaltsgeräte wie Kühlschränke, Backöfen und Luftreiniger sowie Produkte, die von einem Rückruf betroffen sind, bleiben außen vor.
Beim Erstellen eines Inserats lässt sich das passende Ikea-Modell über den Produktnamen oder eine Bildersuche auswählen. Die Plattform ergänzt dann teilweise automatisch Maße, Beschreibung, Materialien, Pflegehinweise und Aufbauanleitungen. Mindestens zwei eigene Fotos sind Pflicht, außerdem müssen Verkäufer Schäden und Veränderungen angeben. Ikea schlägt anhand von Neupreis und Zustand einen Verkaufspreis vor. Der Vorschlag kann übernommen oder geändert werden, mehr als 1.995 Euro darf ein Angebot aber nicht kosten. Auch eine kostenlose Abgabe ist möglich.
Ältere Produkte, die nicht mehr im digitalen Ikea-Katalog auftauchen, können manuell angelegt werden; solche Inserate prüft Ikea vor der Veröffentlichung. Abholung oder Versand organisieren die Beteiligten selbst. Lieferung und Transport übernimmt Ikea nicht. Wird kein anderer Treffpunkt angegeben, kann laut Teilnahmebedingungen sogar die Adresse aus dem Ikea-Family-Profil des Verkäufers sichtbar sein.
Käufer können den geforderten Preis zahlen oder einen Gegenvorschlag machen. Ein Gebot bleibt 24 Stunden gültig und wird bei Annahme durch den Verkäufer verbindlich. Regulär kommen 5 Prozent des Kaufpreises für den verpflichtenden Käuferschutz hinzu. Bis zum 1. Januar 2027 ist dieser Schutz in Deutschland laut Ikea-Aktion kostenlos; mögliche Versandkosten fallen zusätzlich an.
Bezahlt wird über die Plattform und den Zahlungsdienstleister Stripe. Das Geld wird zunächst zurückgehalten. Nach der Bestätigung des Erhalts durch den Käufer beginnt eine 48-Stunden-Frist, anschließend wird der Betrag an den Verkäufer freigegeben. Weicht die Ware erheblich von der Beschreibung ab, kann innerhalb dieser Frist eine Erstattung beantragt werden. Ein gesetzliches Widerrufsrecht wie beim Ikea-Onlineshop gibt es beim privaten Kauf nicht. Solange der Erhalt noch nicht bestätigt wurde, ist eine Stornierung über die Plattform möglich.
Den Erlös können Verkäufer per Banküberweisung oder als digitale Ikea-Guthabenkarte erhalten. Vor der ersten Überweisung kann eine Identitätsprüfung nötig sein. Die Guthabenkarte gilt im Ikea-Onlineshop und in Einrichtungshäusern, nicht aber auf dem Secondhand-Marktplatz.
Wer sich für die Guthabenkarte entscheidet, bekommt zum Start zusätzlich einen Coupon über 15 Prozent des Erlöses. Bei einem Verkaufspreis von 100 Euro wären das eine Guthabenkarte über 100 Euro und ein separater Coupon über 15 Euro. Der Coupon gilt ausschließlich in stationären Ikea-Einrichtungshäusern und hat eine eigene Gültigkeitsdauer. Der Bonus kann sich ändern; maßgeblich sind die Bedingungen, die im Profil und auf dem Coupon stehen.
Das neue Modell ist nicht mit dem bestehenden Rückkaufservice zu verwechseln. Dort verkauft der Kunde Möbel direkt an Ikea, das Unternehmen prüft die Stücke und bietet sie anschließend selbst im Zweite-Chance-Markt an. Auf dem Marktplatz bleiben die Family-Mitglieder Vertragspartner und kümmern sich um Preis, Übergabe und Versand. Seit 2019 können Kunden gebrauchte Möbel bereits direkt an Ikea zurückverkaufen.
Zunächst wurde die Plattform in Madrid und Oslo getestet. Laut Ingka Group ist sie inzwischen in acht europäischen Ländern verfügbar; Großbritannien und Irland kamen am 7. Oktober 2026 hinzu. Deutschland ist der nächste angekündigte Markt.
Günstiger, näher, ein bisschen anders
Der Secondhand-Marktplatz ist Teil eines größeren Pakets. Anfang September kündigte Ikea Preissenkungen für rund 1.500 Produkte an. Viele Haushalte litten weiter unter steigenden Lebenshaltungskosten, hieß es zur Begründung. EHI-Vertreter Marco Atzberger erklärte, die Preise seien angepasst worden, um für Kunden relevant zu bleiben.
Auch das Sortiment wächst. Auf der Gamescom in Köln stellte Ikea gemeinsam mit Xbox die Gaming-Kollektion YXSTABY vor. Neun Produkte gehören dazu, darunter ein mobiler TV-Ständer, Sitzmöbel und weitere Accessoires. Ikea will im Alltag der Kunden präsenter sein und zusätzliche Kaufanlässe schaffen.
Ende Juni eröffnete in Ingolstadt die erste deutsche Kleinformat-Filiale. Rund 3.000 Quadratmeter sind deutlich weniger als in einem herkömmlichen Einrichtungshaus. Angeboten werden etwa 2.700 Produkte, vor allem Wohnaccessoires, kleinere Möbel sowie Küchen- und Haushaltsartikel. Der Standort liegt zentraler und näher an der Innenstadt. Ob weitere solcher Filialen entstehen, ist offen; Ikea prüft verschiedene zentrumsnahe Standorte.
Im Großraum München und im Rhein-Main-Gebiet testet Ikea außerdem Abholstationen auf Aldi-Süd-Parkplätzen. Dort können Kunden bestellte Waren an Lieferfahrzeugen abholen. In Nürnberg gibt es einen temporären Pop-up-Store mit 50 Quadratmetern am Hauptbahnhof, weitere Pop-up-Stores stehen in der Bremer Innenstadt und in einem Regensburger Einkaufszentrum. Zusätzliche Standorte werden geprüft.
Seit Juni dürfen Kunden ihre Hunde in alle Ikea-Filialen mitbringen. Im Ikea-Einrichtungshaus Hamburg-Altona soll im Sommer 2027 erstmals ein Decathlon-Sportgeschäft einziehen. Und im Programm Ikea Family sammeln Kunden Punkte, die sich in Rabatt-Coupons umtauschen lassen. Ein Ein-Euro-Frühstück, günstige Gastronomieangebote und Einkaufsgutscheine nach Restaurantbesuchen sollen aus dem gelegentlichen Möbelkauf einen regelmäßigen Besuch machen.
Ob dadurch tatsächlich zusätzliche Nachfrage entsteht, bleibt offen. Vielleicht wird nur Geld zwischen Marktplatz, Restaurant, Online-Shop und Einrichtungshaus hin- und hergeschoben. Ein bisschen wie der Einkaufswagen, der bei Ikea selten dort endet, wo man ihn anfangs vermutet hat.
Ein Konzern mit zwei Strängen
Hinter dem deutschen Möbelhaus steht ein weltweit verzweigtes System. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Ikea 44,6 Milliarden Euro Umsatz, beschäftigte 222.000 Menschen und betrieb 484 Filialen in 63 Ländern. Im Wesentlichen besteht das System aus zwei getrennten Konzernsträngen: Die Ingka Group ist der größte Franchisenehmer und betreibt rund 88 Prozent der Ikea-Filialen. Die Inter Ikea Group ist Franchisegeber sowie Eigentümerin des Ikea-Konzepts und der Markenrechte.
Kontrolliert werden beide Stränge durch Stiftungen. Die Stichting INGKA Foundation in Leiden ist Eigentümerin der INGKA Holding und damit des operativen Geschäfts. Die Interogo Foundation in Vaduz kontrolliert über Holdings die Inter Ikea Group und die Markenrechte. Ingvar Kamprad übertrug das operative Geschäft 1982 auf die niederländische Stiftung, 1989 gründete er die Stiftung in Liechtenstein.
Die Konstruktion soll langfristige Unternehmensentscheidungen ermöglichen und Übernahmen verhindern: Stiftungen haben keine Aktionäre und können nicht verkauft werden. Niederländische Stiftungen unterliegen grundsätzlich keiner umfassenden Publizitätspflicht. Der frühere ANBI-Status der INGKA Foundation brachte zusätzliche steuerliche Vorteile; laut dem zugrunde liegenden Artikel bestand er zwischen 2008 und 2010. Die Liechtensteiner Stiftung wurde laut Artikel erst 2011 durch eine schwedische Fernsehdokumentation öffentlich bekannt.
Zum Franchise- und Lizenzmodell gehört eine Gebühr von 3 Prozent des Umsatzes, die Ikea-Franchisenehmer an Inter Ikea Systems B.V. in den Niederlanden zahlen. Bei 44,6 Milliarden Euro Systemumsatz entspricht das rechnerisch mehr als 1 Milliarde Euro jährlich. Die Zahlungen schmälern den Gewinn der Franchisenehmer vor Ort. Eine Attac-Berechnung bezifferte die Zahlungen von Ikea Deutschland an die niederländische Markenholding auf rund 60 Millionen Euro jährlich.
Eine Studie der Grünen im Europaparlament schätzte, dass EU-Staaten zwischen 2009 und 2014 mindestens 1 Milliarde Euro an Steuereinnahmen verloren; für Deutschland wurden für 2014 rund 35 Millionen Euro genannt. Die EU-Kommission leitete 2017 ein Beihilfeverfahren gegen die Niederlande wegen möglicher Vorteile durch Steuerabkommen mit Inter Ikea Systems ein. Laut Artikel war das Verfahren noch nicht abschließend entschieden. Ikea weist die Vorwürfe zurück. Die Ingka Group gab für 2025 eine effektive Steuerquote von 32,8 Prozent und eine Gesamtsteuerlast von rund 1,2 Milliarden Euro an.
Zwischen Preisanker und Selbstmontage
Wer durch ein Ikea-Haus geht, folgt meist einer festgelegten Strecke: Ausstellung, Markthalle, Selbstbedienungshalle. Fenster gibt es häufig nicht. Der Artikel beschreibt den Gruen-Effekt: Der fehlende Außenbezug und die räumliche Orientierungslosigkeit können die Aufenthaltsdauer verlängern. Erst steht man vor einem teureren Möbel, später wirkt das günstigere daneben plötzlich ziemlich vernünftig – der Preisanker lässt grüßen.
Spiegel an Möbelstücken sollen den Endowment-Effekt fördern, also das Gefühl eines gedanklichen Besitzes. Das Restaurant und das Småland-Bällebad verlängern den Aufenthalt und sprechen Familien an. In der Markthalle warten Kerzen, Servietten, Bürsten und Schalen auf spontane Zugriffe. In der SB-Halle folgen größere und teurere Produkte, nachdem zuvor günstigere Vergleichspunkte gesetzt wurden.
Zu Hause kommt der Ikea-Effekt hinzu: Selbstgebaute Produkte werden höher bewertet. Eine Studie von Norton, Mochon und Ariely aus dem Jahr 2011 stellte bei selbst montierten Ikea-Boxen eine um 63 Prozent höhere Zahlungsbereitschaft fest als bei identischen, vormontierten Boxen. Soziale Bewährtheit, Reziprozität und mentale Besitzbildung gehören ebenfalls zu den im Artikel genannten psychologischen Mechanismen.
Finanziell zeigen die Zahlen ein gemischtes Bild. Die Inter Ikea Group erzielte 2025 26,3 Milliarden Euro Umsatz und 1,5 Milliarden Euro Nettogewinn; 69 Prozent ihres Umsatzes stammten aus dem Möbelgroßhandel an Franchisenehmer. Die Ingka Group kam auf 41,5 Milliarden Euro Umsatz und 1,4 Milliarden Euro Nettogewinn. Davon fließen laut Artikel 85 Prozent zurück ins Unternehmen und 15 Prozent als Dividende an die Stichting INGKA Foundation.
Das gesamte Ikea-System verzeichnete 915 Millionen Filialbesuche, der Online-Anteil lag bei 28 Prozent. Die Umsätze lagen unter den Vorjahren, nachdem Großhandelspreise und Endkundenpreise im Durchschnitt um etwa 10 Prozent gesenkt worden waren. Gleichzeitig stieg das Verkaufsvolumen um 2,6 Prozent, die Besucherzahl um 1,9 Prozent. Ingka Centres betrieb 37 Shopping-Center in 14 Märkten mit 320 Millionen Besuchen. Ingka Investments hatte 4,3 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert oder zugesagt.
2025 übernahm die Ingka Group vollständig die Ikano Bank und integrierte damit Konsumkredite und weitere Finanzdienstleistungen stärker in das Ikea-Geschäft. Das passt zu einem Unternehmen, das nicht nur Möbel verkaufen, sondern möglichst viele Momente des Wohnens, Zahlens und Einkaufens abdecken will.
Reibung gibt es trotzdem. Ikea gab an, 2024 rund 97 Prozent seines Holzes aus FSC-zertifizierten oder recycelten Quellen bezogen zu haben. Greenpeace kritisierte das FSC-System. Nach Berichten aus den rumänischen Karpaten wurde Ikea vorgeworfen, auch Holz aus Primärwäldern zu verwenden; Ikea wies die Vorwürfe zurück.
Die Gewerkschaft Verdi fordert seit drei Jahren einen zusätzlichen Zukunftstarifvertrag für rund 19.500 Beschäftigte in Deutschland. Ikea verweigert laut Artikel bislang Verhandlungen. In Schweden werden mögliche Gesetzesänderungen diskutiert, die die steuerliche Behandlung des Stiftungsmodells verschärfen könnten.
Der Net-Zero-Transition-Plan der Ingka Group sieht eine Reduktion der absoluten Treibhausgasemissionen um mindestens 50 Prozent bis 2030 und um 90 Prozent bis 2050 vor. Gleichzeitig setzt der Konzern auf Expansion über Franchise statt auf die vollständige Eigenfinanzierung aller Filialen, auf die Trennung von Markenrechten und operativem Geschäft, auf Eigentümerstrukturen mit langfristigem Investitions- und Übernahmeschutz sowie auf systematisch gestaltete Verkaufsflächen und digitale Kundenerlebnisse.
Die Kunden werden dabei in Konfiguration, Personalisierung oder Montage eingebunden. Steuerplanung gehört ebenfalls zur Unternehmensstruktur – unter Berücksichtigung regulatorischer Risiken. Und heute liegt zwischen Weihnachtsbeleuchtung, Ein-Euro-Frühstück und dem neuen Marktplatz die ganz praktische Frage: Wird wirklich ein zusätzliches Billy verkauft, oder wechselt nur eines den Besitzer?
