Stille Stunden machen Supermärkte, Schwimmbäder und Kirmes zugänglicher
Leiser einkaufen, ohne Musik aus dem Lautsprecher, ohne grelles Licht und ohne ständige Durchsagen: In Deutschland bieten rund 300 Geschäfte und andere Einrichtungen offiziell eine „Stille Stunde“ an. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, weil längst nicht jedes Angebot formal gemeldet wird. Für Menschen mit sensorischen oder kognitiven Besonderheiten, etwa Autismus oder ADHS, kann der Einkauf dadurch deutlich weniger anstrengend werden.
Während dieser festgelegten Zeit werden unter anderem die Beleuchtung gedimmt, Hintergrundmusik und Durchsagen abgeschaltet sowie Kassengeräusche reduziert. In manchen Märkten pausieren zusätzlich Reinigungs- und Verräumarbeiten, laute Telefonate sollen vermieden werden, bewegte Bildschirme bleiben ausgeschaltet. Es geht also nicht bloß um ein bisschen weniger Musik – der ganze Geräusch- und Lichtpegel sinkt.
Vom neuseeländischen Vorbild in deutsche Märkte
Das Konzept stammt ursprünglich aus Neuseeland, wo eine Supermarktkette die „Quiet Hour“ erstmals 2018 umsetzte. Die Idee kam von einem Angestellten mit einem autistischen Kind; inzwischen findet die ruhige Einkaufszeit dort wöchentlich statt. In Deutschland startete der Verein „Gemeinsam Zusammen“ 2023 eine bundesweite Kampagne. Die Initiative wurde nach neuseeländischem Vorbild gegründet, um neurodivergente Menschen zu unterstützen. Schirmherrin ist die Bundestagsabgeordnete Corinna Rüffer.
Auch in Österreich und der Schweiz bieten einzelne Unternehmen „Stille Stunden“ an. Das Bundessozialministerium unterstützt die übergeordnete Kampagne „Deutschland wird barrierefrei. Mit Dir.“, führt laut Berichten aber keine eigenen Statistiken zur lokalen Umsetzung. Rewe und Edeka machen freiwillig mit einzelnen Standorten mit, veröffentlichen jedoch keine zentralen Gesamtzahlen. Eine Teilnehmerliste auf stille-stunde.com führt Einrichtungen auf.
Unterstützung kommt vom Verband Autismus Deutschland. Der Handelsverband Deutschland und das Bundeszentrum für Ernährung weisen zugleich darauf hin, dass die weitere Verbreitung von der Nachfrage abhängen werde. Die Initiative LautsprecherAUS! verfolgt ein ähnliches Ziel und fordert den Verzicht auf Musik im öffentlichen Raum. In der taz schrieb Eiken Bruhn, die „Stille Stunde“ baue zwar sensorische Barrieren ab; für eine inklusive Gesellschaft müsse aber grundsätzlich auf Musik und Werbung in Supermärkten verzichtet werden. Andere Stimmen sehen darin einen Schritt zu mehr Teilhabe für Menschen im Autismus-Spektrum.
Konkrete Zeiten in Bayern und Thüringen
In der Globus Markthalle Mühldorf am Inn läuft die „Stille Stunde“ jeden ersten Dienstag im Monat von 18 bis 20 Uhr. Das Licht wird gedimmt, Musik und Durchsagen bleiben aus, die Kassentöne werden leiser. Angestoßen wurde die Aktion von Bezirksrätin und Behindertenbeauftragter Claudia Hausberger. Marktleiter Tobias Au prüft die Resonanz und stellte für 2027 zwei Termine pro Monat in Aussicht.
Beim Rewe in Arnstadt gilt das Konzept seit Anfang August jeden Dienstag von 16 bis 17 Uhr. Neben gedimmtem Licht und fehlender Musik werden dann keine Reinigungs- oder Verräumarbeiten durchgeführt. Das klingt nach einem kleinen Detail, kann in einem Markt mit Rollwagen, klappernden Kisten und laufenden Maschinen aber einen großen Unterschied machen.
Im Landkreis Starnberg beteiligen sich im Rahmen der „Woche der seelischen Gesundheit“ mehrere Supermärkte. Gedimmtes Licht, leise Kassen und keine Durchsagen gehören dort zum Angebot. Im Edeka Häfner in Starnberg finden die Termine am 13. und 22. Oktober jeweils von 14 bis 16 Uhr statt. Der Edeka Maciol in Pöcking macht am 14. Oktober von 14 bis 16 Uhr mit. Beim Rewe Höcker in Herrsching gibt es die ruhige Zeit donnerstags ab 8. Oktober, jeweils von 14 bis 16 Uhr. Auch drei Supermärkte im Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau nehmen teil.
Wenn auch Museum, Schwimmbad und Kirmes leiser werden
Die „Stille Stunde“ bleibt längst nicht auf den Handel beschränkt. Das Kunstmuseum Hamburger Bahnhof in Berlin bietet seit dem Frühjahr einmal monatlich reizreduzierte Zugänge an. In Neuwied veranstalten Stadt und Deichstadtfreunde vom 19. bis 25. Oktober eine Aktionswoche zu nicht sichtbaren Behinderungen. Geplant sind eine Informationsveranstaltung am 20. Oktober, eine „Stille Stunde“ im örtlichen Handel am 24. Oktober von 9 bis 10 Uhr, begleitende Angebote in der Gastronomie und am Abend eine reizarme Tanzveranstaltung. Die Verantwortlichen wollen das Konzept dauerhaft etablieren.
Auch Baumärkte, Museen und Bars bieten vergleichbare reizarme Zeiträume an. Genannt werden unter anderem Ikea Bremerhaven, Globus Wiesbaden und Rewe Essen. In Kaiserslautern, Münster, Hamburg und Stuttgart gibt es das Konzept ebenfalls; dort werden Musik und andere Geräusche reduziert, das Verräumen von Waren pausiert und Bildschirme ausgeschaltet.
Wie konsequent das aussehen kann, zeigt ein Schwimmbad in Pinneberg. An bestimmten Tagen dauert die „Stille Stunde“ dort eineinhalb Stunden. Die Lichter werden gedimmt, Massagedüsen ausgeschaltet und Sprungtürme gesperrt. Sportschwimmen ist in diesem Zeitraum nicht erlaubt. Die Badeaufsicht trägt keine Schlappen, damit kein Quietschen und Trappeln über den Boden hallt. Im Bad darf höchstens geflüstert werden.
Entwickelt wurde die Idee von einer Rettungsschwimmerin und einer Schwimmlehrerin. Die Schwimmlehrerin ist selbst ADHS-Autistin und hat drei neurodivergente Kinder. Der Eintritt kostet weiterhin sechs Euro für Erwachsene und drei Euro für Kinder; Ermäßigungen gibt es nicht. Auch ein Schwimmbad in Langenhagen bietet „Stille Stunden“ zu festen Terminen an, dort ebenso als Wasserwelt Langenhagen genannt.
Ein Fitnessstudio in Lippstadt dimmt dienstags von 9:00 bis 12:30 Uhr die Lichter und schaltet die Musik aus. Das Angebot richtet sich an alle, die in ruhigerer Atmosphäre trainieren möchten. Bei Leeds in England gibt es mit „low sensory sessions“ ein ähnliches Konzept; in Deutschland ist es bislang weniger verbreitet.
Selbst auf der Kirmes wird an leisere Zeitfenster gedacht. In Aachen werden zu bestimmten Zeiten Musik und Beleuchtung reduziert, Strobo-Effekte ausgeschaltet und Achterbahnen fahren langsamer. Vergleichbare Angebote gibt es in den Niederlanden sowie in Würzburg und Geilenkirchen. Als weitere Beispiele für Einrichtungen mit „Stiller Stunde“ werden mehrere Volks- und Kirmesveranstaltungen genannt.
Was „neurodivers“ bedeutet
Eine „Stille Stunde“ bezeichnet einen festgelegten Zeitraum, in dem an Orten wie Supermärkten, Schwimmbädern oder Baumärkten Geräusche und Beleuchtung reduziert werden. Lärm, Durchsagen, Musik und grelles Licht verschwinden nicht für immer, aber für eine Weile aus dem Vordergrund. Das soll öffentliche Orte für neurodivergente und geräuschempfindliche Menschen barriereärmer machen.
Neurodiversität beschreibt die Vielfalt menschlicher Nervensysteme sowie unterschiedliche kognitive, sensorische und kommunikative Erfahrungen. Diese Unterschiede werden nicht grundsätzlich als Defizite betrachtet. Beispiele sind ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen und Legasthenie. Schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung gelten als neurodivers; wegen möglicher fehlender oder überlappender Diagnosen sind diese Zahlen unsicher. Grundlage ist unter anderem ein wissenschaftlicher Artikel aus dem Jahr 2023.
Eine feste ruhige Stunde kann dabei ganz unterschiedlich aussehen: im Markt ohne Werbejingle, im Bad ohne Massagedüsen, im Fitnessstudio ohne wummernden Bass oder auf der Kirmes ohne Strobo-Blitze. Ein bisschen weniger Reiz, ein bisschen mehr Luft im Kopf. Und manchmal ist genau das der Unterschied zwischen „Ich schaffe den Einkauf noch“ und „Ich muss sofort raus“.
