Warum 5 Euro für Nutella in Deutschland plötzlich günstig wirken
Vivien und ihr Mann wanderten 2022 nach Alabama aus. Dort bauten sie sich ein neues Leben auf – fast fünf Jahre lang. Seit etwa zwei Wochen sind sie nun wieder in Deutschland. Was Vivien offenbar nicht vermisst: die Preise im amerikanischen Supermarkt.
In einem Instagram-Video hielt sie mehrere Preisvergleiche fest. Toilettenpapier kostet in Deutschland etwa 3 Euro, eine große Packung 4,85 Euro. In den USA zahlte das Paar dafür 17 bis 20 US-Dollar. Ein großes Glas Nutella schlug dort mit 15 US-Dollar zu Buche, hierzulande kostet es etwa 5 Euro. „Paradies“ wirke Deutschland für sie trotz der steigenden Preise derzeit, sagte Vivien.
Beim Einkauf zeigt sich der Unterschied sofort
Ganz aus der Luft gegriffen ist dieser Eindruck nicht. Laut den im Artikel genannten Daten lag die Inflationsrate 2022 bei 6,9 Prozent und 2023 bei 5,9 Prozent. 2024 und 2025 waren es jeweils 2,2 Prozent. Im März 2026 stieg die Rate von 1,9 auf 2,7 Prozent.
Lebensmittel verteuerten sich von Januar 2020 bis Juni 2025 um 36,3 Prozent, während die Verbraucherpreise insgesamt um rund 22 Prozent zulegten. Anfang 2026 fiel der Anstieg der Lebensmittelpreise zunächst geringer aus: 2,1 Prozent im Januar, 1,1 Prozent im Februar und 0,9 Prozent im März.
In den USA wirken seit der Pandemie gestiegene Transport- und Rohstoffkosten auf die Preise. Hinzu kommen Importzölle, die Unternehmen häufig an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben. Nach Angaben von „ETIAS“ liegen die Preise in den USA etwa 25 bis 33 Prozent über dem deutschen Niveau.
Auch Viviens Follower bestätigten ihren Eindruck. Deutschland sei trotz der gestiegenen Preise weiterhin deutlich günstiger als etwa Kalifornien, berichteten einige. Eine Nutzerin gab allerdings zu bedenken, dass die Einkommen in den USA höher seien.
Das stimmt zumindest beim durchschnittlichen monatlichen Nettoeinkommen: Laut „Western Union“ liegt es in den USA bei etwa 4.320 US-Dollar, in Deutschland bei rund 3.504 US-Dollar. Wegen höherer Wohn- und sonstiger Kosten bleibt in den USA dennoch nicht zwangsläufig mehr Geld übrig. Das teure Toilettenpapier verschwindet eben nicht allein deshalb aus dem Einkaufswagen, weil der Gehaltszettel größer ist.
Was internationale Preisvergleiche tatsächlich messen
Für solche Vergleiche werden häufig Kaufkraftparitäten, kurz KKP, herangezogen. Sie zeigen, wie viele Währungseinheiten eine bestimmte Menge an Waren und Dienstleistungen in verschiedenen Ländern kostet. Damit lassen sich gesamtwirtschaftliche Größen, vor allem das Bruttoinlandsprodukt, in eine einheitliche Währung umrechnen und international vergleichbar machen.
Erhoben werden Preise für Waren und Dienstleistungen des privaten und öffentlichen Verbrauchs, für Ausrüstungsgüter und für Bauleistungen. Bei den Konsumausgaben privater Haushalte zählen die Ausgaben aller inländischen privaten Haushalte für Waren und Dienstleistungen, die der unmittelbaren Befriedigung individueller Bedürfnisse dienen. Gerade deshalb eignen sich diese Daten zum Vergleich der Lebenshaltungskosten.
KKP ermöglichen es, das BIP verschiedener Länder zu vergleichen, ohne dass unterschiedliche Preisniveaus das Bild verzerren. Ein Preisniveau lässt sich als KKP geteilt durch den nominalen Wechselkurs berechnen. Die KKP werden in derselben Dimension wie Wechselkurse angegeben: als Einheiten ausländischer Währung je Einheit der inländischen Währung. Dafür wird zunächst eine Basiswährung festgelegt.
Eurostat, OECD und Weltbank verwenden den Euro dabei nicht als Basiswährung. Eurostat nutzt den Kaufkraftstandard, eine künstliche Währung. OECD und Weltbank rechnen mit dem US-Dollar. Wer deutsche Eurobeträge umrechnen möchte, muss daher zuerst eine direkte Relation aus den KKP der beiden zu vergleichenden Länder berechnen. Beispiele zur Umrechnung von Gehältern, Unterhalt oder BAföG gibt es im Bereich „Methoden“.
Die KKP und Preisniveaus für die Konsumausgaben privater Haushalte werden monatlich aktualisiert und in Tabellen veröffentlicht. Grundlage ist allerdings nicht ein einheitliches, etwa deutsches Wägungsschema. Verwendet werden Warenkörbe, die das repräsentative Verbrauchsverhalten des jeweiligen Landes abbilden. Das ist praktisch – und zugleich eine kleine Stolperfalle: Die Berechnung beruht auf dem inländischen Verbrauchsverhalten, nicht auf dem deutschen.
Der Big-Mac-Index macht das Prinzip anschaulich, ist aber kein präzises Instrument zur Messung der Kaufkraft von Währungen. Ein einzelner Burger kann sich leichter verändern als ein standardisierter Warenkorb. Unterschiede bei Löhnen und Transportkosten werden nicht berücksichtigt, außerdem sind Big Macs nicht weltweit erhältlich oder identisch.
Warum der Warenkorb nicht überall gleich aussieht
Ein repräsentativer Warenkorb ist eine virtuelle Liste jener Waren und Dienstleistungen, die ein typischer Haushalt regelmäßig kauft. Sie kann mehrere hundert oder tausend Positionen umfassen und wird laufend an aktuelle Gegebenheiten angepasst. In Deutschland erstellt das Statistische Bundesamt den Warenkorb; er dient auch zur Berechnung der Inflationsrate.
Festnetztelefone wurden darin durch Smartphones ersetzt. Butter ist weiterhin enthalten, wird aber zum aktuellen Preis bewertet. Autos fließen mit heutiger technischer Ausstattung ein. Jedes Land verwendet jedoch seinen eigenen Warenkorb mit landestypischen Produkten, Mengen und Kaufintervallen.
In Asien kann Reis den Alltag prägen, in Europa eher Kartoffeln. Treibstoff ist in Europa vergleichsweise teuer, in den USA günstiger; dort werden wegen größerer Fahrzeuge durchschnittlich größere Mengen gekauft. Auch die Qualität spielt hinein: EU-Länder haben häufig hohe Anforderungen an Gesundheit, Sicherheit und Nachhaltigkeit. Die zusätzlichen Zertifizierungs- und Produktionskosten landen am Ende nicht selten im Preis.
Lebensmittel wie Fleisch oder Fisch können in Entwicklungsländern unter schlechteren Bedingungen verkauft werden. In der EU wären solche Waren ohne ausreichende Kühlkette nicht zulässig. Leitungswasser ist in manchen europäischen Regionen direkt trinkbar, in anderen Ländern dagegen nicht. Der Preis allein erzählt also nicht, was am Ende auf dem Teller liegt oder aus dem Hahn kommt.
Niedrigere Lebenshaltungskosten bedeuten deshalb nicht automatisch, dass sich der bisherige Lebensstandard dort unverändert günstiger fortsetzen lässt. Waren in gewohnter Qualität sind in manchen Ländern schwer erhältlich oder nur als teure Importprodukte verfügbar. Auf den Philippinen sind Autos und Unterhaltungselektronik unter anderem wegen Zöllen und Transportkosten teurer als in Europa.
KKP, Mieten und das Geld, das übrig bleibt
Die Abgrenzung über die Konsumausgaben privater Haushalte umfasst alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte konsumieren und bezahlen. Für den Vergleich der Lebenshaltungskosten ist das sinnvoll. Nicht erfasst wird dadurch aber automatisch jede individuelle Lebenssituation.
Das zeigt auch der Unterschied zwischen KKP und den Teuerungsziffern für den Kaufkraftausgleich der Auslandsbesoldung. Teuerungsziffern vergleichen Berlin mit dem jeweiligen Auslandsdienstort, KKP beziehen sich auf den Durchschnitt des gesamten Staates. Die Teuerungsziffern basieren auf einem deutschen Verbrauchsschema, während KKP die Ausgaben aller inländischen privaten Haushalte des jeweiligen Landes umfassen.
Mieten und damit verbundene Dienstleistungen werden bei den Teuerungsziffern nicht berücksichtigt. Sie machen aktuell etwa 25 Prozent der Verbrauchsausgaben eines durchschnittlichen deutschen Haushalts aus. Für derzeit etwa 43 Prozent der Güter werden bei den Teuerungsziffern Pauschalen angesetzt; tatsächliche Preisunterschiede dieser Güter fließen nicht ein.
Nach § 55 Bundesbesoldungsgesetz werden die Teuerungsziffern als Ausgleichsfaktor bei der Auslandsbesoldung verwendet. Sie sollen Mehr- oder Minderausgaben deutscher Entsandter für die private Lebenshaltung im Ausland gegenüber Deutschland ausgleichen. Die monatlichen Teuerungsziffern können beim Auswärtigen Amt angefragt werden.
Eine weitere Übersicht setzt die Lebenshaltungskosten Deutschlands im Jahr 2025 auf den Indexwert 100. Ein Index von 80 bedeutet dort, dass Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs durchschnittlich 20 Prozent günstiger sind als in Deutschland. Der Kaufkraft-Index setzt Deutschland ebenfalls auf 100: Ein höherer Wert bedeutet, dass sich Menschen gemessen an den Lebenshaltungskosten mehr leisten können, ein niedrigerer Wert weist auf eine geringere durchschnittliche Kaufkraft hin.
Die Schweiz kommt in diesem Vergleich auf einen Lebenshaltungskosten-Index von 158. Waren sind dort durchschnittlich 58 Prozent teurer als in Deutschland. Das Monatseinkommen wird mit 8.136 Euro angegeben – rund 83 Prozent mehr als in Deutschland. Unterm Strich ergibt sich daraus eine etwa 16 Prozent höhere Kaufkraft als in Deutschland.
Das Monatseinkommen in dieser Übersicht wird aus dem Bruttonationaleinkommen pro Einwohner berechnet und ist nicht mit Lohn oder Gehalt gleichzusetzen. Alle Angaben beziehen sich auf 2025. Die Übersicht enthält nur ausgewählte Länder; eine vollständige Tabelle umfasst Daten zu 175 Ländern. Grundlage sind Daten der OECD, der Weltbank, von Eurostat, dem Internationalen Währungsfonds und eigene Recherchen.
Unterschiede zwischen armen und reichen Bevölkerungsschichten werden nicht berücksichtigt, ebenso wenig Preise für Güter, die nicht zum normalen Bedarf gehören. Die Berechnung ist eine mathematisch-statistische Modellrechnung. Ob ein bestimmter Kaufkraftwert zum tatsächlichen Überleben ausreicht, wird nicht bewertet.
Wie weit solche Durchschnittswerte von der Lebenswirklichkeit entfernt sein können, zeigt Haiti: Der Kaufkraft-Index liegt dort bei 2,7. Das entspricht ungefähr einem 38stel der deutschen Kaufkraft. Extremwerte für Iran, Somalia, Syrien und Simbabwe wurden entfernt, weil sie als unrealistisch eingestuft wurden. Mögliche Ursachen sind offizielle Wechselkurse, die im Alltag nicht verwendet werden, subventionierte Güter, die teilweise rationiert oder nicht verfügbar sind, sowie der Umstand, dass Ausländer oft keinen Zugang zu Parallelmärkten mit realistischeren Preisen haben.
Wer über einen möglichen Wohnsitz nachdenkt, sollte neben den Lebenshaltungskosten auch die medizinische Versorgung und die politische Stabilität berücksichtigen. Ein weiterer Vergleich des Anbieters soll verschiedene Faktoren zu einem Ranking der Lebensqualität zusammenführen. Andere internationale Indizes, etwa von UBS oder dem Schweizer Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten, betrachten meist einzelne größere Städte und nicht ganze Länder. Mit einem Sternchen gekennzeichnete Gebiete sind keine souveränen Staaten, sondern abhängige Territorien anderer Staaten.
Für Vivien bleibt unterdessen der Blick in den deutschen Supermarkt ziemlich konkret: eine Packung Toilettenpapier, ein Glas Nutella – und der kurze Moment an der Kassa, in dem 5 Euro plötzlich erstaunlich freundlich wirken.
