Bank of America baut Filialnetz aus, während US-Bankenlandschaft schrumpft
Die Bank of America will ihr Filialnetz in den USA weiter ausbauen – trotz des weltweiten Trends zu Filialschließungen und digitalen Bankangeboten. In Wisconsin eröffnete sie im Oktober ihre ersten Finanzzentren in Madison und Milwaukee. Bis 2030 sollen dort insgesamt 19 neue Filialen beziehungsweise Finanzzentren entstehen. Geplant sind 130 Arbeitsplätze, darunter Stellen für Filialleiter, Kundenberater und Servicekräfte.
Auch andernorts geht es weiter: Ab dem ersten Quartal 2027 sollen zehn Filialen in Birmingham, Alabama, eröffnet werden. Im zweiten Halbjahr 2027 will die Bank ihr Engagement im Großraum New Orleans ausweiten und dort Finanzzentren eröffnen. Die Expansion in Wisconsin, Alabama und Louisiana ist Teil einer längerfristigen Ausbaustrategie. Landesweit ist die Bank auf Kurs, jährlich rund 50 neue Filialen beziehungsweise Finanzzentren zu eröffnen.
Standorte nach Wachstum ausgewählt
Holly O’Neill, Präsidentin des Geschäftsbereichs Consumer, Retail und Preferred Banking, nennt drei entscheidende Kriterien für die Standortwahl: das Bevölkerungswachstum, die Bevölkerungszahl und die Möglichkeiten zur Geschäftsausweitung. Die neuen Zentren sollen stationäre Beratung mit digitalen Bankangeboten verbinden. Also nicht entweder Schalter oder App, sondern beides – je nachdem, was Kundinnen und Kunden gerade brauchen.
Derzeit betreibt die Bank of America rund 3.500 Filialen beziehungsweise Finanzcenter. Nach Angaben des Instituts decken diese Standorte 83 Prozent der US-Bevölkerung ab. Seit 2016 flossen mehr als 5 Milliarden US-Dollar in das Filialnetz. Die Investitionen kommen in eine Zeit, in der Überweisungen, Scheckeinreichungen, Kreditanträge und Anlageverwaltung zunehmend per Smartphone erledigt werden.
Das Filialnetz schrumpft – und wächst trotzdem
Eine Studie zu US-Bankdaten von 1934 bis 2023 simuliert, dass die Vereinigten Staaten bis 2055 deutlich weniger Banken und Filialen haben könnten. Für 2025 setzt sie etwa 4.000 Banken und 70.000 Filialen als Ausgangspunkt an. Im konservativen Szenario blieben 2055 noch 2.180 Banken und 54.819 Filialen. Das Basisszenario kommt auf 1.482 Banken und 40.901 Filialen, das aggressive Szenario auf 1.000 Banken und 27.874 Filialen.
Das sind Szenarien, keine exakten Prognosen. Erstellt wurde die Studie von Todd Feldman und Chris Yost-Bremm auf Grundlage von FDIC-Daten. Für die Simulation liefen 10.000 Monte-Carlo-Simulationen mit unterschiedlichen jährlichen Schrumpfungsraten. Im Basisszenario wird ein jährlicher Rückgang von 3,25 Prozent bei Banken und 1,75 Prozent bei Filialen angenommen; im aggressiven Szenario liegen die Raten bei 4,5 beziehungsweise 3 Prozent.
Der Blick zurück zeigt, dass die Konsolidierung lange vor dem digitalen Banking begann. 1934 gab es etwa 14.146 Banken und 3.000 Filialen, 2009 rund 7.000 Banken und 83.000 Filialen. Zwischen 1984 und 2023 sank die Bankenanzahl um 72,16 Prozent, während die Zahl der Filialen um 68,16 Prozent stieg. Von 2007 bis 2023 ging die Zahl der Banken um 45,44 Prozent zurück, die Filialanzahl um 7,93 Prozent.
Als Gründe für die frühe Konzentration gelten Deregulierung, grenzüberschreitendes Banking, Fusionen, Skaleneffekte, Bankpleiten und steigende Compliance-Kosten. Die Entwicklung verlief in zwei Phasen: Zunächst ersetzten größere Banknetzwerke viele unabhängige Institute. Danach begann der Abbau der physischen Infrastruktur dieser Netzwerke. Zwischen 2017 und 2025 schrumpfte das US-Filialnetz laut einer Analyse um 14,8 Prozent; 2025 verlangsamte sich das Tempo der Schließungen.
Wie belastbar die Fernsicht bis 2055 ist, bleibt offen. Historische Trendmodelle kamen für den Zeitraum 2001 bis 2023 auf mittlere absolute prozentuale Fehler von 17,64 Prozent beim Bankenmodell und 22,76 Prozent beim Filialmodell. Gerade die höhere Unsicherheit beim Filialmodell begrenzt die Aussagekraft der genannten Zahlen.
Beratung statt reiner Transaktion
Laut FDIC nutzte 2023 fast die Hälfte der US-Haushalte mit Bankkonto hauptsächlich Mobile Banking. Das Smartphone ersetzt inzwischen vieles, wofür früher ein Weg zum Finanzcenter nötig war. Trotzdem bleiben physische Standorte für Bargeldgeschäfte, ältere Kunden, komplexe Kredite, Vermögensverwaltung und Firmenkundenbeziehungen relevant.
Künftige Filialen dürften deshalb stärker als Beratungs-, Beziehungs- und Akquisitionszentren dienen und weniger als reine Transaktionsstellen. Für Banken werden drei Fähigkeiten wichtiger: leistungsfähige digitale Plattformen, gezielte Filialstandorte in wachstumsstarken Märkten und ausreichend Größe, um Compliance, Sicherheit und Technologie zu finanzieren. Dass die Gesamtzahl der Filialen sinkt, schließt nicht aus, dass einzelne Banken gleichzeitig neue Standorte eröffnen oder alte ersetzen.
Auch die Entwicklung digitaler Finanzangebote liefert dafür ein gemischtes Bild. Die Zahl der DeFi-Anwendungen stieg von 20 im Jahr 2018 auf 1.100 im Jahr 2024. Die Marktkapitalisierung von Tether kletterte von etwa 2 Milliarden US-Dollar auf über 139 Milliarden US-Dollar. Der Total Value Locked in DeFi lag 2021 bei 180 Milliarden US-Dollar, fiel 2022 auf 40 Milliarden US-Dollar und lag 2024 bei 87 Milliarden US-Dollar. Diese Werte zeigen das Wachstum digitaler Angebote, belegen laut Studie aber keine direkte Verdrängung von Banken oder Filialen.
Stablecoins können rund um die Uhr Werttransfers ermöglichen, programmierbare Transaktionen unterstützen und Zugang zu Blockchain-Märkten schaffen. Banken könnten solche Funktionen selbst übernehmen – etwa über tokenisierte Einlagen, Blockchain-Abwicklung, Verwahrung und regulierte Stablecoin-Dienste. Der klassische Bankschalter ist damit nicht plötzlich weg, er bekommt nur Konkurrenz aus mehreren Richtungen.
BMO als Beispiel für einen Mischkurs
Als Beispiel für eine hybride Strategie nennt die Studie die Bank of Montreal, kurz BMO. Das Institut ist an der Toronto Stock Exchange und der New York Stock Exchange unter dem Kürzel BMO gelistet. Seine US-Präsenz wurde 2023 durch die Übernahme von Bank of the West erweitert. Innerhalb von fünf Jahren plant BMO rund 150 Finanzzentren, davon mehr als 130 in Kalifornien.
Die BMO-Expansion konzentriert physische Investitionen auf bestimmte Wachstumsregionen, während Routineaktivitäten digital abgewickelt werden. Das ähnelt dem Kurs der Bank of America: neue Standorte dort, wo Bevölkerung und Geschäftschancen wachsen, digitale Angebote für vieles andere. Für die Institute bleiben trotzdem Kreditausfälle, Zinssensitivität, Regulierung, Integrationskosten und der Wettbewerb um Einlagen als Risiken bestehen.
Eine geringere Zahl von Banken garantiert laut Studie keine überdurchschnittliche Entwicklung einzelner Institute. Erwartet wird eher ein konzentrierteres als ein bankloses Finanzsystem. Einlagen, Kredite, Zahlungsdienste und Finanzberatung bleiben zentrale Funktionen – möglicherweise werden sie künftig von weniger Instituten und mit weniger physischen Standorten angeboten. Offen bleiben dabei politische Fragen zum Wettbewerb, zur Versorgung ländlicher Regionen, zur systemischen Konzentration und zur Abhängigkeit von Technologie.
