In Moosach wird der Einkauf an der Allacher Straße mühsamer. Der Edeka-Markt hat geschlossen, der nächste Supermarkt liegt laut Artikel etwa 1,4 Kilometer entfernt – ungefähr am Moosacher Bahnhof. Für Menschen, die auf kurze Wege angewiesen sind, ist das keine Kleinigkeit. Eine blinde Frau etwa hatte dort mehr als 20 Jahre eingekauft.

Eine ehemalige Mitarbeiterin berichtet, die Schließung sei unerwartet gekommen. Nach ihren Angaben wurde der Mietvertrag für den Standort nicht verlängert. Wie das Edeka-Gelände und das Gebäude künftig genutzt werden, ist derzeit unklar. Die veränderte Einkaufssituation beschäftigt inzwischen den Bezirksausschuss (BA) Moosach, der die Entwicklung an der Allacher Straße mit Sorge sieht.

An der Allacher Straße bröckelt die Nahversorgung

Auch die Stadtsparkasse hat ihren Standort aufgegeben. Geblieben ist dort nur ein Geldautomat; bis zur nächsten Filiale sind es fast zwei Kilometer. In die früheren Räume der Sparkasse ist inzwischen die Volksbank Dachau eingezogen. Allerdings ist sie laut Artikel nur unregelmäßig mit Personal besetzt. Ansonsten funktioniert der Kontakt über Bildschirme – praktisch, vielleicht, aber für manche Menschen eben nicht dasselbe wie ein Gespräch am Schalter.

Und nebenan? Auch die Zukunft des KIK-Marktes ist offen. Nach Angaben aus einer BA-Sitzung plant KiK, 150 Standorte zu schließen. Welche Filialen genau betroffen sind, war zunächst nicht vollständig bekannt. Das Textilunternehmen mit Hauptsitz in Nordrhein-Westfalen schließt in Deutschland insgesamt 150 Filialen; europaweit sollen bis Ende 2026 rund 300 Filialen wegfallen. Rund 4000 KiK-Standorte in Europa sollen bestehen bleiben, in Deutschland nach Angaben eines Unternehmenssprechers mehr als 2200.

KiK hält sich bei den Standorten bedeckt

Eine vollständige Liste veröffentlicht KiK nicht. Informationen zu einzelnen Schließungen gibt das Unternehmen erst kurz vor dem jeweiligen Termin bekannt. Für Kundinnen und Kunden heißt das: Man erfährt es mitunter erst, wenn der Ausverkauf schon läuft oder die Tür bald für immer zufällt.

In Bayern wurden 2026 bereits mehrere Standorte geschlossen: Bad Windsheim, Burgthann, Freyung, Peißenberg, München-Neuperlach, München-Feldmoching, München-Aubing, Schongau, Schweinfurt, Uffenheim und Wunsiedel.

In Gunzenhausen steht eine weitere Schließung bevor. In der Filiale am Marktplatz läuft bis zum 14. Oktober ein Ausverkauf mit Rabatten. Ab dem 15. Oktober soll der Standort geschlossen sein.

Geschäftsführer und Finanzvorstand Christian Kümmel erklärte im März gegenüber der dpa, KiK richte sein Filialportfolio stärker auf Profitabilität aus. Die Strategie, fünf neue Filialen zu eröffnen und dadurch fünfmal so viele Kunden zu gewinnen, sei nicht vollständig aufgegangen. Teilweise lagen KiK-Filialen weniger als einen Kilometer auseinander. Diese dichte Expansion will das Unternehmen zurückbauen.

Wenn Läden verschwinden, verschieben sich ganze Wege

Was in Moosach zu beobachten ist, passt in ein größeres Bild: Ladensterben bezeichnet strukturell bedingte Geschäftsaufgaben im stationären Einzelhandel. Sichtbar wird das durch häufige Mieterwechsel, leer stehende Läden und die Umnutzung von Handelsimmobilien. Städte verlieren dadurch ihre traditionelle Handelsfunktion und an Attraktivität für Einwohner, Gäste, Fachkräfte, Unternehmen und Investoren.

Zunächst traf die Entwicklung vor allem kleine, inhabergeführte Geschäfte in Klein- und Mittelstädten. Inzwischen sind auch Kaufhäuser und Filialunternehmen in Großstädten betroffen. Die reine Einkaufsmeile gilt als rückläufig; Innenstädte brauchen neue Nutzungskonzepte mit mehreren Funktionen. Wohnen, Arbeiten, Dienstleistungen und Freizeit sollen stärker zusammenspielen.

Eine 2020 veröffentlichte Analyse bezifferte den Rückgang deutlich: Seit 2005 sank die Zahl der Einzelhandelsunternehmen um 39.000 auf knapp 226.000. Bis 2030 wurden weitere 64.000 Geschäftsaufgaben und der Verlust von 80.000 Verkaufsstellen erwartet. In manchen Kleinstädten betreffen Leerstände bereits rund 40 Prozent der Immobilien. Auch zentrale Einkaufsstraßen großer Städte bleiben nicht verschont; Discounter und Drogeriemärkte übernehmen teilweise frühere Flächen des Textileinzelhandels.

Bis 2020 galten vor allem Modehandel, Buchhandel, Spielwarenhandel und der Handel mit Wohnaccessoires als betroffen. Der technische Wandel setzt außerdem Uhrmacher- und Fotogeschäften zu. Im Lebensmittelhandel geraten handwerkliche Bäckereien und Fleischereien durch Supermarktketten und deren industrielle Produktion unter Druck.

Bei Banken und Sparkassen kommt die Digitalisierung hinzu. Wegen Online-Wettbewerb und Marktkonzentration wurde bis 2030 die Schließung von etwa zwei Dritteln der 2022 bestehenden 20.000 Filialen prognostiziert. 2017 gab es noch rund 32.000 Zweigstellen. Da klingt ein verbliebener Geldautomat an der Allacher Straße fast wie ein kleines, blinkendes Zeichen dafür, wie sehr sich der Alltag verändert.

Onlinehandel, Kosten und fehlende Frequenz

Die Ursachen unterscheiden sich je nach Ort und Zeitraum. Wahrscheinlich begann die Entwicklung bereits in den 1960er-Jahren, als Tante-Emma-Läden von größeren und kostengünstigeren Supermärkten und Discountern verdrängt wurden. Standorte am Stadtrand oder „auf der grünen Wiese“ versprachen Zeitersparnis und bequemes Einkaufen. Seit Ende der 1990er-Jahre beschleunigt der Online-Handel das Ladensterben, ab 2020 verstärkte die Corona-Pandemie den Trend zusätzlich.

2021 sahen nur noch 41 Prozent der Konsumenten Innenstädte als Ort für Bedarfskäufe. Hinzu kommen veraltete Geschäftsmodelle, fehlende Innovationen und veränderte Kundenbedürfnisse. Gestiegene Einzelhandelspreise, Energie- und Mietkosten sowie höhere Zinsen bremsen die Kauflaune. Viele bestellen im Internet oder kaufen in Supermärkten und Discountern. Nach der Schließung von Kaufhäusern oder anderen Frequenzbringern entstehen Dominoeffekte.

Corona-bedingte Umsatzeinbußen, besonders während der Lockdowns, verstärktes Homeoffice beziehungsweise Smart Working und weniger Städtetourismus haben zusätzlich Spuren hinterlassen. Vielen Handelsunternehmen fehlen ausreichende Liquiditätsreserven. Auch Gewerbesteuerbelastung spielt eine Rolle, weil Mieten, Zinsen und Leasingraten teilweise nicht abzugsfähig sind.

Die Kunden sind mobiler und weniger auf die Versorgung im eigenen Viertel angewiesen. Gleichzeitig machen höhere Parkgebühren, weniger Parkplätze, autofreie Zonen, Fahrverbote und fehlende Parkmöglichkeiten in bequemer Gehdistanz den Einkauf schwieriger. Baustellen, steigende Mieten, Personalmangel, fehlende Fachkräfte und Unternehmensnachfolger kommen dazu. Und geringe Verdienstmöglichkeiten bei ungünstigen Arbeitszeiten machen die Suche nach Personal nicht leichter.

Was aus leeren Flächen werden kann

Für einzelne Geschäfte gibt es dennoch Stellschrauben. Neue Sortimente, etwa in Form eines Concept Stores, können sich vom Wettbewerb abheben. Personal Shopping, Lieferservice, Gastronomieangebote, eine erlebnisorientierte Ladengestaltung, Direktmarketing und digital unterstützte Beratung gehören ebenfalls dazu. Händler können in den Internethandel einsteigen – Multichannel-Marketing macht’s möglich.

Waren lassen sich digital bestellen und im Geschäft abholen, etwa über Click and Collect. Auch Livestream-Shopping oder virtuelle Umkleidekabinen sind denkbar. Der stationäre Handel kann seine Stärken zeigen: sofort verfügbare Ware, Anfassen und Anprobieren sowie persönliche Beratung. Das klingt weniger spektakulär als die nächste App, ist für viele aber genau der Punkt.

Leer stehende Verkaufsflächen können vorübergehend als Pop-up-Stores, Co-Working-Flächen oder für Angebote der Kreativ- und Kulturwirtschaft dienen. Gerade kleinere Flächen in weiterhin funktionierenden Einkaufsumfeldern eignen sich dafür. Brandschutzvorschriften und Bebauungspläne müssen bei solchen Zwischennutzungen allerdings berücksichtigt werden. Im Juni 2023 wurde ein bundesweites Netzwerk zum Austausch über Zwischennutzungen gegründet.

Größere Waren- und Kaufhäuser können mittel- bis langfristig in Shopping-Center, Co-Working-Flächen oder Mixed-Use-Quartiere umgebaut werden. Neben Einzelhandel könnten dort Büros, Wohnungen, Pflegeeinrichtungen, Hotels sowie Sport- und Kulturstätten Platz finden. In Frankfurt wird geprüft, eine Grundschule in einem Kaufhaus an der Zeil unterzubringen. In Berlin steht die Idee im Raum, ein zentral gelegenes Luxus-Kaufhaus nach Ablauf des Mietvertrags als Zentral- und Landesbibliothek zu nutzen. Eine Bibliothek könnte als Publikumsmagnet das gesamte Quartier beleben.

Einfach ist so ein Umbau nicht. Große Raumtiefen und schlechte Lichtverhältnisse machen ihn anspruchsvoll und teuer. Im Durchschnitt führen solche Projekte zu einem Leerstand von etwa vier Jahren. Knapp ein Drittel der zwischen 2010 und 2020 geschlossenen Kaufhäuser wurde bislang abgerissen. Mit zunehmenden Leerständen wird gelegentlich sogar vor der Entstehung von „Geisterstädten“ gewarnt.

Kommunen suchen nach neuen Rezepten

Kommunen arbeiten mit Raumordnung, Bauleitplanung, Einzelhandelskonzepten und Citymanagement. Neuere Instrumente sind Vorkaufsatzungen, die Städten und Gemeinden ein vorrangiges Erwerbsrecht an Handelsimmobilien geben. Rollierende Entwicklungsfonds sollen es ermöglichen, wichtige Immobilien aufzuwerten und anschließend wieder zu verkaufen.

Hanau plant den Erwerb und Umbau einer zentralen Kaufhausimmobilie. In Hamburg-Harburg gibt es ähnliche Überlegungen, um Spekulationen mit städtebaulich wichtigen Immobilien zu vermeiden. Weitere Maßnahmen reichen vom Abriss leer stehender Immobilien über die Umwandlung von Brachflächen in Grünflächen bis zur Neugestaltung und Neuaufteilung von Verkehrsflächen.

Es geht dabei um Besucher- und Käuferfrequenz, aber auch um Sicherheit, Komfort und Erlebnisdichte. Für die Attraktivierung von Fußgängerzonen und anderen Innenstadtbereichen stehen Mittel des Städtebauförderungsprogramms „Lebendige Zentren“ zur Verfügung. Innenstädte sollen wieder vielfältige Orte sein: mit Einzelhandel, Pop-up-Stores, Gastronomie, Dienstleistungen und Kultur.

Eine höhere Erlebnisdichte kann kleinere, individuelle Geschäfte erhalten und neue anziehen. Als Erfolgsfaktoren gelten Kreativität, ungewöhnliche Geschäftsmodelle und deren Umsetzung. Auch in schrumpfenden Märkten können innovative Konzepte und spezialisierte Nischen neue Nachfrage schaffen; kleinere Städte sollen sich dabei besonders auf ausgewählte Zielgruppen konzentrieren.

Bundesweit unterstützt das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen die Innenstadtentwicklung mit dem Programm „Lebendige Zentren“. Zusätzlich gibt es Förderprogramme einzelner Bundesländer zur Stärkung städtischer Zentren. In Moosach bleibt derweil die konkrete Frage an der Allacher Straße offen: Was kommt in die früheren Edeka-Räume, wie entwickelt sich der Bereich rund um Sparkasse und Volksbank – und ob der KIK-Markt bleibt, entscheidet sich womöglich erst kurz vor dem jeweiligen Termin.