Rabattaktion überfordert Tegut-Filiale in Bad Vilbel – Märkte schließen vorzeitig
In der tegut…-Filiale in Bad Vilbel ist am Donnerstag der Einkauf aus dem Ruder gelaufen. Wegen einer Rabattaktion kamen so viele Menschen, dass der Markt gegen 19 Uhr schließen musste. Die Sicherheitskapazitäten waren überschritten – die Schlangen hatten sich bereits am Nachmittag gebildet und wurden immer länger.
Auf viele Waren gab es 50 Prozent Rabatt. Besonders Kaffee, Cornflakes und andere haltbare Lebensmittel waren gefragt. Eine Verkäuferin sagte, die Menschenmassen seien schließlich zu groß gewesen, um die Lage noch zu kontrollieren. Kunden veröffentlichten Fotos und Berichte über die überfüllten Märkte in sozialen Medien.
Rabattaktion sorgt für Andrang
Ähnliche Zustände wurden auch aus anderen tegut…-Filialen gemeldet, unter anderem aus Bad Hersfeld. Eine tegut-Mitarbeiterin bestätigte telefonisch, dass die Filiale in Bad Vilbel und weitere Märkte vorzeitig schließen mussten.
Der Hintergrund ist der Verkauf der Supermarktkette. Edeka und Rewe übernehmen einen großen Teil der Filialen, Aldi Nord hat Interesse an einzelnen Standorten signalisiert. In Bad Vilbel soll die Filiale Ende Oktober schließen. Bis dahin sollen möglichst alle Waren verkauft werden.
Die Rabattaktion läuft in ausgewählten tegut…-Märkten vom 15. bis 17. Oktober 2026. Der „50-%-Danke-Rabatt“ gilt auf das gesamte Sortiment, solange der Vorrat reicht. Ausgenommen sind Obst und Gemüse, Waren von der Frischetheke, Säuglingsanfangsnahrung, Tabakwaren, Verlagserzeugnisse, Handyguthaben, Geschenkgutscheine und sonstige Wertkarten, Tchibo-Artikel, Lotterieprodukte, Postdienstleistungen sowie Pfandbeträge. Der Angebotsprospekt bleibt weiterhin gültig.
Viele Märkte machen weiter
Der Rabatt gilt in den im Artikel aufgeführten Märkten, darunter Abenberg, Altenstadt, Amöneburg, Amt Creuzburg, Ansbach, Aschaffenburg, Bad Hersfeld, Bad Homburg, Bad Nauheim, Bad Neustadt, Bamberg, Böblingen, Bruchköbel, Darmstadt, Dietzenbach, Dillenburg, Dreieich, Eisenach, Ellwangen, Erbach, Erfurt und Erlangen.
Auch zahlreiche Standorte in Frankfurt am Main und München nehmen teil. Weitere Märkte gibt es in Fürth, Gelnhausen, Gießen, Gotha, Hanau, Heidelberg, Ingolstadt, Jena, Karben, Kelsterbach, Kronberg, Langen, Mainz, Meiningen, Oberhof, Oberursel, Offenbach, Schwäbisch Gmünd, Seligenstadt, Stuttgart, Suhl, Weiterstadt, Wiesbaden, Wölfersheim und Würzburg.
Eine vollständige Liste mit Postleitzahl, Marktname und Adresse ist im Artikel aufgeführt. Laut tegut… bleiben viele Märkte trotz Veränderungen an einzelnen Standorten weiterhin geöffnet. Die tegut…-Marktsuche informiert über den nächstgelegenen Markt, wichtige Marktinformationen, neue Betreiber einzelner Märkte und den jeweiligen letzten Verkaufstag.
Das Ende einer langen Unternehmensgeschichte
Bis Ende 2026 soll die Marke Tegut aus dem deutschen Lebensmittelhandel verschwinden. Betroffen sind rund 300 Filialen, etwa 7.400 Beschäftigte und 79 Jahre Unternehmensgeschichte. Eigentümer Migros Zürich verkauft den Großteil des Unternehmens: Edeka übernimmt rund 200 Filialen, das Logistikzentrum in Michelsrombach und die Herzberger Bäckerei. Mit Rewe wird über ein weiteres, laut Medienberichten „hohes zweistelliges“ Filialpaket verhandelt.
Edeka hatte zunächst Interesse am gesamten Filialnetz bekundet, das Übernahmepaket nach eigenen Angaben aber auf 200 Märkte begrenzt, um das Kartellverfahren zu beschleunigen. Für manche Filialen gibt es offenbar keinen Abnehmer. In Ehrenberg in der hessischen Rhön würde mit Tegut der letzte örtliche Supermarkt schließen.
Die vier größten Handelsgruppen Edeka, Schwarz-Gruppe, Rewe und Aldi kontrollieren laut Konzernatlas 2026 bereits 88 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. Mitte der 1990er-Jahre waren es rund 55 Prozent. Tegut gehörte zu den wenigen größeren Händlern außerhalb dieser vier Konzerne. Mit dem Verkauf fließen die Tegut-Umsätze vollständig zu Edeka und Rewe.
Edeka erzielte 2024 laut EHI Retail Institute rund 67 Milliarden Euro Umsatz im stationären Handel, entsprechend etwa 28 Prozent Marktanteil. Teguts Jahresumsatz wird auf 1,1 bis 1,2 Milliarden Euro geschätzt. Die Übernahme von 200 Filialen durch Edeka könnte etwa 700 bis 800 Millionen Euro zusätzlichen Umsatz bringen; bundesweit entspräche das ungefähr 0,3 Prozentpunkten Marktanteil.
Für Hessen könnte sich viel verschieben
Die Folgen dürften vor allem regional spürbar werden. Tegut ist insbesondere in Hessen, Bayern, Thüringen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz vertreten, mit einem Schwerpunkt in Hessen. Die Edeka-Regionalgesellschaft Hessenring betreibt mehr als 500 Märkte in Nord- und Mittelhessen, Südniedersachsen und Thüringen. 100 bis 150 zusätzliche Tegut-Filialen könnten dieses Netz um 20 bis 30 Prozent vergrößern.
In der Rhein-Main-Region könnte Edeka vom Herausforderer zum dominierenden Vollsortimenter werden. Für Märkte in Stuttgart und München war Tegut bislang mit der Belieferung aus Fulda konfrontiert; Edeka könnte dort auf die Logistiknetze von Edeka Südwest und Südbayern zurückgreifen.
Der Vorsitzende der Monopolkommission, Tomaso Duso, fordert laut Lebensmittel Zeitung eine intensive Prüfung durch das Bundeskartellamt. Auch der Markenverband äußerte Bedenken. Kartellrechtler Rupprecht Podszun hält eine Untersagung für möglich und verweist darauf, dass große Handelskonzerne zunehmend auch in die Lebensmittelproduktion investieren.
Im Jahr 2025 übernahm Edeka die Molkerei Prenzlau und den Bio-Großhändler Naturkost West. Die Schwarz-Gruppe kaufte den Marmeladenhersteller Göbber. Die Monopolkommission stellte in einem Sondergutachten vom November 2025 einen geschwächten Wettbewerb, steigende Preisaufschläge von Handel und Industrie sowie eine geringe Weitergabe dieser Erlöse an Landwirte fest.
Eine vollständige Untersagung des Deals gilt im Artikel dennoch als unwahrscheinlich, unter anderem wegen möglicher Arbeitsplatzverluste. Als Auflage könnte die Abgabe einzelner Filialen verlangt werden, wenn Edeka in bestimmten Regionen eine marktbeherrschende Stellung hätte. Hessen steht dabei besonders im Fokus. Edeka verweist auf den Präzedenzfall Kaiser’s Tengelmann und betont eine Zukunftsperspektive für Tegut-Märkte und Beschäftigte.
Was bei Lieferanten auf dem Spiel steht
Für regionale Lieferanten war Tegut häufig ein wichtiger oder sogar exklusiver Absatzkanal. Das Sortiment hatte einen Bio-Anteil von rund 30 Prozent, dazu kamen direkte Vertragsbeziehungen und regionale Lieferketten. Schweinemäster Karsten Fischer aus Neuhof lieferte seit Jahrzehnten nach Tegut-spezifischen Vorgaben. Vom Verkauf erfuhr er aus dem Internet und bezeichnete sich als „geschockt“.
Ein Verbund aus 25 Bio-Betrieben in Mainfranken liefert seit mehr als 25 Jahren Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln an Tegut. Die gemeinsame Anbaufläche beträgt rund 180 Hektar. Laut dem Hessischen Bauernverband wurden erste Lieferverträge bereits gekündigt, besonders im Umfeld von Markenfleischprogrammen wie LandPrimus.
Auch der Antonius-Hof Fulda mit mehr als 100 Beschäftigten ist betroffen; dort geht es um Lieferungen von Gemüse, Getreide, Fruchtaufstrichen und Brot. Die Herzberger Bäckerei ist Teil des Edeka-Deals, offen ist allerdings, ob ihre Bio-Ausrichtung erhalten bleibt. Die Schlitzer Destillerie, Eisheilige Gersfeld und Eierproduzenten aus der Rhön verlieren möglicherweise ihren bisherigen Absatzkanal.
Verluste, Sparprogramm und neue Betreiber
Migros begründet das Scheitern mit einem verschärften Marktumfeld und rückläufigen Umsätzen trotz Kostensenkungen. Teguts operativer Verlust sank 2025 von 60 auf 29 Millionen Euro. Seit 2013 summiert sich der Verlust laut Artikel auf rund 600 Millionen Euro.
Im November 2024 trennte sich Migros von der langjährigen Tegut-Geschäftsführung und setzte schwarze Zahlen bis Ende 2026 als Ziel. Danach wurden unter anderem Frischetheken geschlossen, das Bio-Sortiment reduziert und Stellen abgebaut. Migros-Chef Patrik Pörtig sprach im Frühjahr 2025 noch von einer deutlichen Trendwende; im ersten Quartal habe sich das Ergebnis um 44 Prozent verbessert.
Die Integration der übernommenen Bio-Kette Basic in Süddeutschland scheiterte teilweise. Ein Basic-Markt in Mannheim schloss nach 13 Monaten mangels Kundenfrequenz wieder. Die finanziellen Auswirkungen des Verkaufs sollten im Migros-Jahresabschluss 2025 sichtbar werden, der am 24. März veröffentlicht wurde.
Migros hatte sich Ende 2023 vertraglich verpflichtet, Tegut bis Ende 2026 finanziell abzusichern. Nach Unternehmensangaben gilt diese Verpflichtung bis zum Vollzug und zur Abwicklung aller Verkäufe weiter. Und während in Bad Vilbel heute noch Kaffee, Cornflakes und andere haltbare Waren aus den Regalen verschwinden, bleibt für viele Standorte die Frage nach dem letzten Verkaufstag offen.
Der Konzentrationsdruck trifft dabei auf ohnehin gestiegene Preise: Laut Konzernatlas 2026 verteuerten sich Lebensmittel zwischen 2020 und Oktober 2025 um 36,1 Prozent, während die allgemeine Inflation im selben Zeitraum 23 Prozent betrug.
