Rewe darf 38 Tegut-Märkte übernehmen – doch 23 Standorte bleiben offen
Bei Tegut bleibt die Zukunft vieler Märkte offen. Rewe will weitere Filialen des insolventen Lebensmitteleinzelhändlers übernehmen, doch wie viele es am Ende werden, ist am 24. Oktober 2026 noch nicht bekannt. Am 20. Oktober meldete der Handelskonzern beim Bundeskartellamt den Erwerb zusätzlicher Tegut-Filialen an. Das Verfahren läuft unter dem Aktenzeichen B4-75/26.
Wenige Tage zuvor, am 14. Oktober 2026, hatte die Behörde die Übernahme von 38 Tegut-Märkten durch Rewe unter Auflagen freigegeben. Ursprünglich wollte Rewe 40 Märkte und zwei Immobilien erwerben. Die Immobilien wurden ebenfalls genehmigt. Zwei Märkte fielen jedoch weg, weil die Kartellwächter an den Standorten Wettbewerbsprobleme sahen.
Vier Jahre Sperre für zwei Standorte
Rewe darf vier Jahre lang die Tegut-Standorte Marburg-Ketzerbach und Schlüchtern nicht erwerben. Das gilt für die gesamte Rewe-Gruppe und umfasst auch Anschlussmietverträge. Nach Einschätzung des Bundeskartellamts werden dadurch Bedenken in den lokalen Markträumen Schlüchtern, Marburg-Ketzerbach und Marburg-City ausgeräumt oder auf ein kartellrechtlich hinnehmbares Maß reduziert. Die Einzugsgebiete überschneiden sich; deshalb verringert der Verzicht auf Marburg-Ketzerbach zugleich die Bedenken für Marburg-City.
Geprüft wurde das Vorhaben seit April 2026. Ende August übermittelte das Bundeskartellamt den Beteiligten seine vorläufige Bewertung. Ohne die Zusagen erwartete die Behörde in drei regionalen Märkten eine erhebliche Behinderung des Wettbewerbs. Im Mittelpunkt standen der Wettbewerb um Kundinnen und Kunden vor Ort, Einkaufs- und Ausweichmöglichkeiten in den jeweiligen Einzugsgebieten sowie mögliche Folgen für Hersteller und Lieferanten.
Bei den Beschaffungsmärkten griff die Behörde weitgehend auf Ermittlungen aus dem parallelen Verfahren EDEKA/tegut zurück. Rewe gehört beim Einkauf von Lebensmitteln zu den führenden Unternehmen und ist für viele Markenhersteller ein wichtiger Abnehmer. Durch den Tegut-Erwerb würde der Anteil am bundesweiten Beschaffungsvolumen um deutlich weniger als 0,2 Prozentpunkte steigen. Eine erhebliche Wettbewerbsbehinderung erwartet das Bundeskartellamt dort deshalb nicht. Die Verkäuferin versicherte außerdem, dass Rewe weder während des Verkaufsprozesses noch nach dem Vollzug Zugriff auf die Beschaffungskonditionen von Tegut und der Einkaufskooperation RTG erhält.
Viele Märkte, viele offene Fragen
Die Tegut-Gruppe betrieb zuletzt rund 300 Lebensmittelmärkte sowie weitere automatisierte Kleinflächenmärkte. Die Schweizer Genossenschaft Migros Zürich hatte im März 2026 ihren Rückzug aus Deutschland und den Verkauf von Tegut angekündigt. Im Verkaufsprozess sind bislang 36 Standorte für Tante Enso, 178 Märkte und weitere Unternehmensteile für Edeka sowie nun 38 Standorte für Rewe freigegeben worden.
Nach aktuellem Stand übernimmt Edeka damit das größte Tegut-Standortpaket. Ganz fix ist die Sache aber noch nicht: Der Bio-Händler Vollcorner hat beim Oberlandesgericht Düsseldorf Beschwerde eingelegt. Betroffen sind Filialen in München. Auch die Entscheidung zugunsten von Rewe ist noch nicht rechtskräftig; dagegen kann ebenfalls beim Oberlandesgericht Düsseldorf Beschwerde eingelegt werden. Eine Liste der 38 für Rewe freigegebenen Märkte und der beiden ausgenommenen Standorte ist der Pressemitteilung des Bundeskartellamts beigefügt.
Edeka muss laut „Lebensmittel Zeitung“ auf 24 Tegut-Filialen verzichten. Ob Rewe diese Märkte übernehmen möchte, ist nicht bekannt. Ohne diese 24 Standorte wären noch 23 Märkte verfügbar, weil ein weiterer Markt dauerhaft geschlossen wurde. Tegut informiert auf seiner Website über die Zukunft der einzelnen Filialen.
Rund 18 Tegut-Märkte sind von Schließungen betroffen. Einige haben bereits zugemacht, weitere sollen bis Mitte Dezember folgen. Über die Zukunft der übrigen Standorte sowie der von Edeka und Rewe nicht erworbenen Märkte entscheiden die beteiligten Unternehmen. Die Entscheidungen des Bundeskartellamts legen nicht fest, ob und von wem diese Filialen künftig betrieben werden. Für Beschäftigte und Kundschaft bleibt damit mancher Einkaufsweg vorerst eine offene Rechnung.
Ein konzentrierter Lebensmittelhandel
Das Bundeskartellamt prüft Unternehmenszusammenschlüsse darauf, ob sie den Wettbewerb erheblich behindern. Es kann Fusionen untersagen, sie unter Auflagen genehmigen und bei Wettbewerbsverstößen Bußgelder verhängen. Eine hohe Marktkonzentration allein reicht kartellrechtlich allerdings nicht für ein Verbot; entscheidend sind die konkreten Auswirkungen der jeweiligen Übernahme.
Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel vereinen Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland sowie Aldi inzwischen mehr als 90 Prozent des bundesweiten Umsatzes auf sich. Trotzdem stellte die Behörde fest, dass zwischen den großen Handelsunternehmen Wettbewerb stattfindet. Die genossenschaftlich organisierte Edeka-Gruppe war 2025 mit einem nicht näher bezifferten Marktanteil das größte Unternehmen im deutschen Lebensmittelhandel. Neben Edeka-Märkten betreibt die Gruppe auch Netto-Markendiscount.
Viel Bewegung ist in den Marktanteilen der größten Lebensmittelhändler seit Jahren nicht zu sehen; sie haben sich nur geringfügig verändert. Edeka, Rewe, Aldi und der Schwarz-Konzern halten zusammen seit Jahren einen stabilen Marktanteil von rund einem nicht näher bezifferten Anteil. Mehrere große ausländische Handelskonzerne, darunter Walmart, scheiterten mit Expansionsversuchen in Deutschland.
Wachsender Druck kommt eher aus einer anderen Ecke: Drogerieketten, insbesondere dm und Rossmann, gewinnen im deutschen Lebensmittelhandel zunehmend Marktanteile. Lebensmittel online kaufen die Deutschen bislang vergleichsweise selten, obwohl die Umsätze im Netz in vielen Handelsbereichen stark steigen. Die Webshops von Rewe und Edeka sind im Online-Lebensmittelhandel relevant vertreten. Ein wachsender Online-Handel dürfte die Vormachtstellung der vier großen Handelsgruppen voraussichtlich trotzdem kaum verändern.
