Um 6.30 Uhr ging in Lendringsen die neue REWE-Filiale der Familie Drath an den Start – beinahe wäre der Morgen allerdings mit ausgeschalteten Lichtern und stillstehenden Kassen losgegangen. Ein Stromausfall hatte den Markt erwischt. Ursache war eine Überlastung im Trafohaus, weil erstmals alle Maschinen gleichzeitig gestartet wurden.

Ein Elektriker bekam die Störung kurzfristig in den Griff. Als die ersten Kundinnen und Kunden kamen, war davon nichts mehr zu merken. Nur hinter den Kulissen blieb es hektisch: Die letzten Handwerkerarbeiten wurden erst am Mittwochnachmittag abgeschlossen. Riccarda Drath nannte die Vorbereitung eine „Punktlandung“ und sprach von anstrengenden letzten Tagen.

Neun Tage für Umzug und Neustart

Der bisherige Markt war neun Tage geschlossen, damit der Umzug vorbereitet werden konnte. In dieser Zeit wanderten rund 25.000 Artikel in die neuen Regale. Waren aus dem alten Markt wurden übernommen, frische Produkte kamen tagesaktuell hinzu. Viel Karton, viele Schritte, vermutlich auch der eine oder andere Kaffee zu viel.

Die neue Verkaufsfläche umfasst knapp 1.700 Quadratmeter zuzüglich Nebenräumen und ist damit rund 500 Quadratmeter größer als zuvor. Hinzugekommen sind eine Sushi-Verkaufsstation, eine Spielecke für kleine Kinder und eine Sitzecke mit zwei Sesseln. Wer nur schnell Milch holen wollte, kann trotzdem zügig durch den Markt gehen: Neben den normalen Kassen stehen Selbstscanner-Kassen, also Scan & Go, bereit.

Im Eingangsbereich befindet sich weiterhin eine Filiale der Bäckereikette Kamps. Für den neuen Markt wurden außerdem zusätzliche Mitarbeitende eingestellt. Das Rewe-Drath-Team in Lendringsen umfasst nun gut 50 Vollzeit-, Teilzeit- und Minijob-Kräfte. Geöffnet ist montags bis samstags von 7 bis 21 Uhr.

Teil eines größeren Neubauprojekts

Der Markt steht im Zusammenhang mit einem gemeinsamen Standort für ALDI und REWE in Menden-Lendringsen. Der Bau dieses Vorhabens beginnt im August 2025. Geplant ist ein Neubau, der einen Discounter und einen Vollsortimenter in zwei eigenständigen Marktbereichen unter einem Dach vereint. Zwei separate Eingänge werden durch ein großzügiges Flugdach verbunden.

Auch beim Dach geht es nicht nur ums Drüberstehen: Die gesamte Fläche soll als Gründach gestaltet und mit einer Photovoltaikanlage kombiniert werden. Die Nutzfläche beträgt 4.260 Quadratmeter, der umbaute Raum umfasst 36.258 Kubikmeter. Die Fertigstellung ist für Ende 2026 vorgesehen.

Was sich im Lebensmittelhandel 2026 bewegt

Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel verändert sich derzeit an mehreren Stellen gleichzeitig: Retail Media und Digitalisierung gewinnen an Gewicht, Eigenmarken werden stärker, Automatisierung und Künstliche Intelligenz ziehen in die Abläufe ein. Dazu kommen Omnichannel-Angebote, Nachhaltigkeitsanforderungen und eine stärker datengestützte Kundenbindung. Für 2026 werden sechs zentrale Entwicklungen beschrieben.

Eine davon ist Retail Media. Supermärkte verkaufen Werbeflächen auf Websites, Apps und in Filialen und nutzen Kundendaten zur Zielgruppensegmentierung. Werbemargen können bis zu 50 Prozent erreichen und liegen damit deutlich über den Margen des Produktverkaufs. Die Investitionen in digitale Werbung in Europa erreichten 2024 insgesamt 118,9 Milliarden Euro. REWE bündelt seine Aktivitäten in der Plattform „Retail Media Connect“.

Standardisierte Kennzahlen sollen künftig den Vergleich von Kampagnenergebnissen zwischen Einzelhändlern erleichtern. Generative KI unterstützt bei der Erstellung und Optimierung von Kampagnen, bei der Anpassung von Inhalten sowie bei der Steuerung von Werbeformaten und Budgets. Aus einer Zusatzaktivität wird damit ein zentrales Geschäfts- und Wettbewerbsfeld.

Auch Eigenmarken rücken weiter nach vorn. 2024 erreichten sie einen Anteil von 38,1 Prozent am Umsatz des europäischen Lebensmittelsektors – das entspricht 352 Milliarden Euro. In 17 europäischen Ländern lag ihr Anteil über 30 Prozent, in fünf Ländern über 40 Prozent. Weltweit gibt die Hälfte der Konsumenten an, mehr Eigenmarkenprodukte als früher zu kaufen.

Eigenmarken gelten zunehmend als qualitativ gleichwertige und preislich attraktive Alternativen zu Herstellermarken. Inflation und angespannte Haushaltsbudgets verstärken ihre Bedeutung. Aldi und Lidl führen bereits überwiegend Eigenmarken; auch Edeka und REWE bauen Premium- und Bio-Eigenmarken mit eigener Markenidentität, hochwertiger Verpackung und Qualitätsanspruch aus. Bis 2026 könnten Eigenmarken für deutsche Konsumenten häufig als Referenz für ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis gelten.

Bei der Automatisierung ist REWE schon einen Schritt weiter gegangen: Ende 2022 eröffnete das Unternehmen in München gemeinsam mit Trigo Deutschlands erstes vollständig automatisiertes Geschäft. Kunden identifizieren sich per App, nehmen Waren aus den Regalen und verlassen den Laden ohne Kassenstopp. Kameras, Sensoren und ein digitaler Zwilling erfassen die Warenentnahme; bezahlt wird automatisch, der Beleg kommt per App.

Nach Tests in Köln und Berlin wurde die Filiale zum ersten vollständig kassenfreien REWE-Supermarkt in Deutschland. KI wird außerdem für Nachfrageprognosen, automatische Regalauffüllung und Chatbot-Kundenservice eingesetzt. Algorithmen passen Preise dynamisch an und können durch Rabatte bei einem nahenden Mindesthaltbarkeitsdatum Lebensmittelverschwendung reduzieren. Europäische Marktführer erhöhten ihre Kapitalinvestitionen zwischen 2021 und 2023 um 13,9 Prozent, insbesondere in IT, KI und Automatisierung.

Für 2026 wird erwartet, dass automatisierte Systeme repetitive und körperlich belastende Aufgaben übernehmen. Beschäftigte sollen sich stärker um Kunden und um Ausnahmen kümmern – also um jene Fälle, in denen die Technik eben doch nicht weiterweiß.

Abholen, sparen, nachhaltiger einkaufen

Click-and-Collect wächst durch die zunehmende E-Commerce-Nutzung, Bequemlichkeit, digitale Plattformen und den Wunsch nach Zeitersparnis. Der Anteil der deutschen Konsumenten, die Click-and-Collect für Lebensmitteleinkäufe nutzen, lag 2024 geschätzt bei 27,7 Prozent, nach 23,4 Prozent im Jahr 2020.

Der europäische Markt soll von 46,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf 276 Milliarden US-Dollar 2033 wachsen; prognostiziert wird eine jährliche Wachstumsrate von 22 Prozent. Aldi, Lidl, REWE und Edeka erweitern Abholstellen – darunter Schließfächer, Drive-through-Schalter und spezielle Parkplatzbereiche. Kunden vermeiden Lieferwartezeiten und können die Abholung flexibel planen. Händler bündeln Bestellungen und senken dadurch gegenüber Einzelzustellungen ihre Logistikkosten. Bis 2026 soll Click-and-Collect ein zentraler Bestandteil der Omnichannel-Strategien deutscher Supermärkte sein.

Bei Verpackungen wirken neue Gesetze und steigende Kundenerwartungen auf Kosten und Betriebsabläufe. Das Einwegkunststofffondsgesetz sieht Gebühren ab 2024 und verpflichtende finanzielle Beiträge ab 2025 vor. Bis 2030 sollen Verpackungen vollständig recycelbar oder wiederverwendbar sein; PET-Flaschen müssen ab 2025 mindestens 25 Prozent recyceltes Material enthalten.

Händler und Lieferdienste führen unter anderem kompostierbare Verpackungen, Mehrwegbeutel und Nachfüllsysteme ein. Aldi, Lidl, REWE, Edeka und Kaufland haben sich Netto-Null-Ziele zwischen 2045 und 2050 gesetzt. Zu den Maßnahmen gehören Solaranlagen, LED-Beleuchtung, Elektro- oder Biogasflotten sowie der Verkauf von Waren kurz vor Ablauf der Haltbarkeit. Das kostet zunächst Geld, kann aber durch geringere Verschwendung Einsparungen ermöglichen. Einer Studie zufolge wären Konsumenten im Durchschnitt bereit, rund zehn Prozent mehr für nachhaltig produzierte Waren zu zahlen. 2026 soll Nachhaltigkeit rechtlich ebenso wie für Reputation und Wettbewerbsfähigkeit maßgeblich sein.

Treueprogramme werden persönlicher

Händler passen ihre Treueprogramme an, um personalisierte Angebote zu ermöglichen und eigene Kundendaten zu gewinnen. Zwischen 2024 und Anfang 2025 aktualisierten acht der zehn größten europäischen Einzelhändler ihre Treueprogramme. REWE beendete Ende 2024 die Teilnahme an PAYBACK und führte „REWE Bonus“ ein. Edeka kündigte an, PAYBACK ab Januar 2025 anzubieten.

Inflation erhöht die Aufmerksamkeit für Rabatte, Punkte und Cashback. Die Auswertung von Transaktionen ermöglicht personalisierte Gutscheine auf Basis häufig gekaufter Produkte, segmentierte Angebote, Tests von Aktionen, eine nahezu in Echtzeit mögliche Umsatzmessung und die Rückgewinnung inaktiver Kunden.

Neue Programme sollen Apps, digitale Echtzeit-Gutscheine, Kategorie-Rabattclubs und Partnerschaften etwa mit Banken, Tankstellen und E-Commerce-Plattformen verbinden. Die gewonnenen Eigendaten zeigen Markenpräferenzen, Preisbewusstsein und regionales Kaufverhalten. Sie beeinflussen Sortimentsentscheidungen und Retail-Media-Strategien und verringern die Abhängigkeit von Daten Dritter.

Der Lebensmitteleinzelhandel soll 2026 technologischer, datenbasierter, omnichannel-orientierter und stärker auf wirtschaftliche, ökologische und soziale Langfristziele ausgerichtet werden. Als Voraussetzungen gelten kontinuierliche Verbesserung, Innovation in der Lieferkette, neue Kompetenzen in den Teams und strategische Partnerschaften. Während in Lendringsen Sushi, Spielecke und Scan & Go den Einkauf verändern, laufen die großen Umbauten der Branche längst weiter – manchmal leise per App, manchmal mit einem Elektriker im Trafohaus.