Starbucks eröffnet in Xinjiang – zwischen Basar-Kulisse und Vorwürfen der Zwangsarbeit
Starbucks ist nun auch in Xinjiang präsent. Der US-Kaffeekonzern hat erstmals zwei Filialen in der chinesischen Region eröffnet: eine am internationalen Flughafen der Regionalhauptstadt Ürümqi und eine im Zentrum der Stadt, am sogenannten „Großen Basar“. Damit betreibt Starbucks in China insgesamt 8.342 Filialen; die erste eröffnete dort 1999.
Die neuen Standorte werden von chinesischen Staatsmedien ausführlich und positiv begleitet. Die Nachrichtenagentur Xinhua bezeichnete die Filiale im Zentrum Ürümqis als Chinas erste Starbucks-Flagship-Filiale mit Schwerpunkt auf immateriellem Kulturerbe. Das Design greift traditionelle Basar-Überdachungen und Atlas-Seide auf. In einem Video sind lokale Architekturelemente und Menschen in traditionellen uigurischen Trachten zu sehen. Für die Eröffnung engagierte Starbucks traditionelle Tänzer, außerdem wurden thematische Waren wie Puppen in traditioneller Kleidung angeboten.
Kaffee, Milchtee – und eine heftige politische Debatte
Auf der Karte steht unter anderem salziger Milchtee mit Milchhaut-Geschmack, ein traditionelles uigurisches Getränk. Die Schilder in der Filiale waren offenbar allerdings ausschließlich auf Chinesisch und Englisch gehalten, nicht in uigurischer Schrift. Die chinesische Regierung erklärt, Uigurisch werde in Xinjiang gleichberechtigt mit Chinesisch verwendet. Menschenrechtler berichten dagegen seit Jahren von Einschränkungen der uigurischen Sprache, der lokalen Kultur und der freien Ausübung des Islam.
Der Weltkongress der Uiguren forderte Starbucks auf, die beiden Filialen zu schließen und sich aus der Region zurückzuziehen. Die Organisation verwies auf staatlich verordnete Zwangsarbeit. Unternehmen sollten nicht zu dieser Wirtschaft beitragen, lautet der Vorwurf. Peter Irwin vom Network for Uyghur Rights erklärte ebenfalls, eine Geschäftsexpansion in Xinjiang könne zur Beteiligung an schweren Menschenrechtsverbrechen führen. Die Präsenz internationaler Unternehmen könne von der chinesischen Regierung begangene Verbrechen normalisieren und legitimieren.
John Moolenaar, Vorsitzender des China-Sonderausschusses im US-Repräsentantenhaus, bezeichnete die Eröffnung als „moralisch verwerflich“. In einer weiteren Stellungnahme nannte er sie „schockierend und moralisch bankrott“. Moolenaar wirft der chinesischen Regierung vor, in Xinjiang einen Völkermord an den Uiguren zu begehen. Nach seinen Angaben seien mehr als eine Million Uiguren inhaftiert; ihnen würden Glaube, Sprache und Kultur sowie die Rechte auf Sprache, Kultur und Religionsausübung genommen.
Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass seit 2017 bis zu eine Million Uiguren und Angehörige anderer Minderheiten in sogenannten Umerziehungslagern festgehalten wurden. Das UN-Menschenrechtsbüro bewertete die großflächige willkürliche und diskriminierende Inhaftierung 2022 als mögliche internationale Verbrechen, insbesondere als mögliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Berichten zufolge befinden sich auch nach der Schließung vieler Lager weiterhin Betroffene in Gefängnissen.
Ein Markt mit politischem Gewicht
Starbucks China wird über ein Joint Venture mit dem US-amerikanischen Starbucks-Konzern von Boyu Capital betrieben. Boyu Capital hält laut dem Bericht 60 Prozent der Einzelhandelsaktivitäten in China und soll die weitere Expansion im Land unterstützen. Der Starbucks-Chef für China erklärte laut Reuters, das Unternehmen wolle in Xinjiang weiter investieren. Starbucks plant nach eigenen Angaben, in den kommenden Jahren 12.000 weitere Filialen in China zu eröffnen.
Das chinesische Außenministerium weist die Völkermordvorwürfe zurück. Xinjiang zeichne sich durch soziale Stabilität, wirtschaftlichen Wohlstand, ethnische Einheit und religiöse Harmonie aus, erklärte das Ministerium zur Eröffnung. China wolle ausländischen Unternehmen mehr Investitionsmöglichkeiten bieten und kündigte an, Geschäftsmöglichkeiten für hochwertige Unternehmen in der Region auszuweiten. Verwiesen wurde dabei auf die wachsende Tourismusbranche sowie Investitionen internationaler Hotelketten wie Hilton, Marriott International und InterContinental Hotels.
Irwins Bericht von 2025 über internationale Hotelketten in Xinjiang kam zu dem Schluss, dass Unternehmen wie Accor, Hilton und IHG einem hohen Risiko ausgesetzt seien, über staatliche Xinjiang-Hilfsprogramme in uigurische Zwangsarbeit verwickelt zu werden. Diese Programme wurden 1979 eingeführt und sollen Xinjiang durch Industrialisierung, Bergbau und Produktion wirtschaftlich entwickeln. China bezeichnet seine Maßnahmen dagegen als Terrorismus- und Extremismusbekämpfung sowie als Berufsbildungs- und Armutsbekämpfungsprogramme.
Für ausländische Unternehmen ist die Region nicht nur wegen ihrer Größe interessant. Xinjiang ist ein strategischer Standort der chinesischen „Belt and Road Initiative“ und verbindet China über Land mit zentralasiatischen Staaten und dem Westen. Wegen dieser geografischen Bedeutung fördert die chinesische Regierung dort Investitionen internationaler Unternehmen. Ausländer benötigen für Reisen nach Xinjiang laut dem Bericht keine Sondergenehmigung und müssen nicht zwingend mit einem Reiseleiter unterwegs sein – für internationale Reisende ist die Region dadurch vergleichsweise zugänglich.
Der Artikel nennt mehrere weitere Gründe für ausländische Investitionen: die ethnische und wirtschaftliche Entwicklung der Region seit dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee 1949, die größere Kaufkraft der Han-Bevölkerung und die wirtschaftlichen Chancen in den Städten. Für 2018 wird eine Gesamtbevölkerung von 25.852.345 Menschen angegeben: 42,24 Prozent Han-Chinesen und 44,96 Prozent Uiguren. Im Vergleich zur Volkszählung von 2010 sei die Han-Bevölkerung um 24,86 Prozent gestiegen. Trotz ihres Minderheitenstatus dominierten Han-Chinesen viele wirtschaftliche Möglichkeiten in den Städten.
Auch Sprache spielt dabei eine Rolle. Mandarin-Voraussetzungen beeinflussen Beschäftigung, Tourismus und andere wirtschaftliche Bereiche; Uiguren sprechen überwiegend Uigurisch. Starbucks’ Markteintritt kann vor diesem Hintergrund Teil einer allgemeinen Geschäftsstrategie in China sein. Nach Einschätzung Irwins dienen solche Investitionen zugleich politischen Zielen: Wirtschaftliche Entwicklung soll die Leistungsfähigkeit der Regierung darstellen und Vorwürfe eines Völkermords in den Hintergrund rücken.
Was hinter den Kulissen sichtbar bleibt
Menschenrechtsorganisationen berichten aus Xinjiang neben Zwangsarbeit und umfassender Überwachung von Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und erzwungenen Sterilisationen. Der Amnesty-Journal-Artikel „Perfide Unterdrückung“ von Oliver Schulz, veröffentlicht am 1. August 2024, beschreibt eine Lage, in der vieles weniger sichtbar geworden sein soll, ohne dass die Repression verschwunden wäre.
Vor fast zwei Jahren hatte die damalige UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet einen Bericht über mögliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Xinjiang veröffentlicht. Die UN kündigte an, Verstöße gegen Uigurinnen nicht straflos zu lassen; konkrete Konsequenzen blieben bislang weitgehend aus. UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk forderte China Anfang 2024 auf, grundrechtsverletzende Gesetze zu ändern, auch in Xinjiang und Tibet. Bei Bundeskanzler Olaf Scholz’ China-Reise im April 2024 spielten Menschenrechte angesichts der Wirtschaftsdelegation nur eine untergeordnete Rolle.
Einige frühere Umerziehungslager wurden nach Angaben uigurischer Aktivistinnen geschlossen oder umgewidmet – in offizielle Gefängnisse, Internate oder Fabriken; andere stehen leer. Bis 2019 waren dort schätzungsweise eine Million Menschen interniert. Der im Exil lebende Menschenrechtler Abduweli Ayup berichtet, einige Insassen seien freigelassen worden, genaue Zahlen seien aber nicht bekannt. Gulbahar Haitiwaji bezweifelt, dass die Zahl der Inhaftierungen tatsächlich zurückgeht. Sie wurde 2016 aus ihrem französischen Exil nach China gelockt und verbrachte drei Jahre in einem Umerziehungslager.
Haitiwaji sagt, die Lager bestünden weiterhin und immer mehr Uigurinnen würden interniert. Einige Menschen kämen nach ihrer Aussage nur tot aus den Lagern heraus. Die Umwandlung von Lagern in Gefängnisse diene ihrer Einschätzung nach dazu, Inhaftierungen formal zu rechtfertigen. Zu ihrer Familie in Xinjiang hat sie keinen Kontakt, aus Angst, sie dadurch in Gefahr zu bringen. Von ihrer Haft sind Rücken- und Gelenkschmerzen durch Ketten und Kälte geblieben, dazu eine beeinträchtigte Sehkraft durch dauerhaft eingeschaltetes Neonlicht und ein allgemein schlechter Gesundheitszustand. Sie berichtet außerdem von Schreckreaktionen bei plötzlicher Nähe anderer Menschen, Albträumen, Schlafproblemen und der Angst, verfolgt zu werden. Sie verlässt das Haus nie allein und fühlt sich außerhalb nie entspannt.
Lockerungen, die nicht beruhigen
Sichtbare Sicherheitsmaßnahmen wurden teilweise gelockert: Es gibt weniger Polizeikontrollpunkte und Patrouillen, besonders strenge Sicherheitsmaßnahmen wurden beendet, und Überwachungskameras zeichneten in Städten offenbar nicht mehr rund um die Uhr auf. Erkin Sidick vom World Uyghur Congress berichtet, dass Schilder an Polizeistationen und ehemaligen Umerziehungslagern entfernt wurden. Nach Einschätzung der Aktivisten sollen diese Veränderungen Chinas Vorgehen nach außen weniger sichtbar machen.
Auch bei der Religionsausübung gebe es laut Ayup nur scheinbare Lockerungen. Zwei Moscheen in Kashgar seien wiedereröffnet worden. Für öffentliche Gebete seien vor allem ältere Männer ausgewählt worden, darunter pensionierte Offiziere und ehemalige Parteimitglieder. Ayup bezeichnet dies als Inszenierung für Touristinnen; ähnliche Berichte gebe es aus Urumqi.
Tausende uigurische Kinder müssen staatliche Internate besuchen und dort Mandarin lernen. Das System beginnt laut Ayup direkt nach dem Kindergarten. Manche Kinder dürfen am Wochenende und in den Ferien nach Hause, andere bleiben dauerhaft im Internat. Besonders betroffen seien Kinder inhaftierter Eltern.
Viele Uigurinnen verlassen laut Sidick weiterhin Xinjiang. Einige ziehen etwa nach Qingdao und kaufen dort Häuser, junge Menschen verlegen Unternehmen nach Chengdu oder gründen Firmen in anderen Landesteilen. Sidick zufolge werde dadurch eine Zerstreuung der uigurischen Bevölkerung in Han-chinesische Provinzen gefördert. Gleichzeitig versucht die chinesische Polizei offenbar verstärkt, im Ausland lebende Uigurinnen unter Druck zu setzen: Sie ruft sie zunehmend an, teils vom Haus ihrer Eltern aus, und fordert Betroffene auf, sich politisch nicht zu engagieren. Sidick berichtet von einem Betroffenen, der nach einem Anruf eines Polizisten große Angst gehabt habe. Ayup erzählt von einem in den Niederlanden lebenden Uiguren, der ebenfalls von der chinesischen Polizei angerufen und unter Druck gesetzt worden sei.
Währenddessen verbreiten chinesische Institutionen in sozialen Netzwerken Propagandainhalte, besonders während des Ramadan. Die Kampagne soll den Eindruck vermitteln, dass in Xinjiang alles normal sei. Beteiligte sollen über ihren Alltag, ihr Leben in Xinjiang oder ihre Arbeit, etwa im Getreideanbau, berichten. Auch Exil-Uigur*innen werden angesprochen. Laut Ayup seien Familien in Norwegen aufgrund solcher Darstellungen nach Xinjiang zurückgekehrt.
Und in Ürümqi läuft nun Starbucks-Kaffee über den Tresen, daneben salziger Milchtee mit Milchhaut-Geschmack, Atlas-Seide im Raum, Puppen in traditioneller Kleidung und die Kulisse des Großen Basars. Ein Geschäftsbetrieb, der auf den ersten Blick ganz gewöhnlich wirkt – und gerade deshalb die alte, ungelöste Frage wieder laut macht, was internationale Marken an Orten sichtbar machen und was sie lieber nicht zeigen.
