Thalia schließt Lücke an der Zeil und fordert Hugendubel heraus
Am 20. November 2026 um 10 Uhr öffnet Thalia seine erste Buchhandlung in der Frankfurter Innenstadt. Der neue Store liegt im Neubauprojekt „One Two One“ an der Ecke Zeil/Liebfrauenstraße – mitten dort, wo die Einkaufsstraße ohnehin nie ganz zur Ruhe kommt.
Auf zwei Etagen stehen rund 2.500 Quadratmeter Verkaufsfläche bereit. Noch wird im „One Two One“ gebaut und für die Eröffnung vorbereitet. Thalia hatte den neuen Standort erstmals im Januar 2025 angekündigt; jetzt wird aus der Ankündigung ein konkreter Termin.
Flagship-Store an der Zeil
Geplant ist ein neuer Flagship-Store. Frankfurt gilt für Thalia als attraktiver Standort: Die Stadt hat viele Einwohner, ist wirtschaftlich für Hessen von großer Bedeutung und verfügt über hohe Kaufkraft. Dazu kommt die Nachfrage von Kundinnen und Kunden aus der Region, die nach Angaben des Unternehmens immer wieder auf eine Lücke in der Innenstadt hingewiesen haben.
„Mit dem neuen Standort schließen wir eine häufig von Kunden angesprochene Lücke in der Frankfurter Innenstadt“, erklärte Vertriebsdirektor Michael Wetzel. Die Flächenübergabe war für die erste Jahreshälfte 2026 vorgesehen, anschließend sollte die Bauphase beginnen. Die Eröffnung war zunächst für Sommer 2026 geplant. Tatsächlich soll die Filiale nun am 20. November an den Start gehen.
Das gemischt genutzte Gebäude umfasst rund 10.000 Quadratmeter. Neben der Thalia-Filiale im Erdgeschoss entstehen Büroflächen. Ab dem fünften Stockwerk ist außerdem eine öffentlich zugängliche Dachterrasse geplant – ein Ort, an dem sich der Stadtlärm vielleicht für ein paar Minuten wegblättern lässt.
Neue Konkurrenz für Hugendubel
Bislang war Thalia in der Region im Frankfurter NordWestZentrum, im Main-Taunus-Zentrum in Sulzbach sowie in Hanau und Offenbach vertreten. Mit dem Laden an der Zeil rückt das Unternehmen nun direkt an die große Hugendubel-Filiale an der Hauptwache heran. Für den Frankfurter Buchhandel wird es damit ein Stück enger und vermutlich auch spannender.
Thalia betreibt rund 571 Buchhandlungen in der DACH-Region, während Hugendubel mehr als 100 Filialen angibt. Die neue Frankfurter Adresse fügt sich in die Expansionsgeschichte des Unternehmens ein, das nach Umsatz als Marktführer im Sortimentsbuchhandel im deutschsprachigen Raum gilt.
Vom Hamburger Theater zur Buchhandelsgruppe
Die Thalia Bücher GmbH hat ihren Sitz in Hagen und firmierte bis Oktober 2015 als Thalia Holding GmbH. Gegründet wurde das Unternehmen 1919 im Gebäude des Hamburger Thalia Theaters. Die Rechtsform ist eine GmbH. Für 2025 werden rund 7.000 Mitarbeiter genannt, im Geschäftsjahr 2024/2025 erzielte die Gruppe einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro.
Über indirekte Beteiligungen betreibt Thalia mehr als 340 Buchhandlungen in Deutschland und Österreich sowie über 30 in der Schweiz. Hinzu kommen der Online-Shop thalia.de und eine eigene mobile App. Zur Unternehmensleitung gehören Ingo Kretzschmar als Vorsitzender sowie Roland Kölbl, Claudio Di Vincenzo, Dennis Book, Alexa Deters und Marco Rebohm.
Die Entwicklung verlief nicht ohne Umwege. 1997 hatte Thalia zwölf Filialen in Hamburg, am 20. März 1997 eröffnete eine Niederlassung in Bremen. 2001 fusionierte Thalia mit der zur Douglas Holding gehörenden Buchhandelsgruppe Phönix-Montanus; anschließend trat die Gruppe einheitlich unter der Marke Thalia auf. Seit September 2005 firmieren die österreichischen Thalia-Unternehmen unter thalia.at, die Schweizer Jäggi-Gruppe unter thalia.ch.
Anfang 2006 lag Thalias Marktanteil im deutschsprachigen Raum bei knapp sieben Prozent. Nach der Vereinigung der Hugendubel-Buchhäuser mit den Verkaufsstellen der Verlagsgruppe Weltbild fiel Thalia auf den zweiten Platz hinter den neu entstandenen Konzern DBH zurück.
Übernahmen, E-Reader und neue Geschäftsfelder
Die Unternehmenschronik liest sich stellenweise wie ein dicker Katalog. 1979 beteiligte sich Thalia an der Montanus-aktuell-Gruppe. 1988 folgte die Übernahme der Phönix Universitätsbuchhandlung in Bielefeld, 1994 die Fusion mit Montanus zur Phönix-Montanus GmbH. 1996 kaufte Thalia die Herder-Buchhandlungen in Münster und Freiburg, 1999 beteiligte sich das Unternehmen am Onlinehändler Buch.de.
Im Jahr 2000 kamen die Schweizer Buchhandlungen W. Jäggi in Basel und Stauffacher in Bern hinzu. 2001 fusionierten Phönix-Montanus und Thalia zur Thalia Holding GmbH. 2002 übernahm Thalia die österreichische Buchhandelskette Amadeus; Bol.de ging durch Buch.de an die Gruppe. 2003 beteiligte sich Thalia an der Schweizer Zur alten Post AG mit fünf Filialen und übernahm Palm & Enke, Mencke & Blaesing sowie die Universitätsbuchhandlung Jena.
2004 folgten die Beteiligung an der Kober-Löffler-Gruppe sowie die Übernahme der Bouvier/Gonski-Buchhandelskette und des Buchhauses Campe in Nürnberg. 2006 übernahm Thalia die Reinhold Gondrom GmbH & Co. KG mit 26 Filialen, die Versandbuchhandlung Dr. Claus Steiner und die Wagnersche Buchhandlung in Innsbruck. Außerdem erwarb das Unternehmen 50,1 Prozent an der Buchhandlung Grüttefien mit 18 Buchhandlungen.
Ein Jahr später kamen die Buch-&-Kunst-Gruppe mit 44 Buchhandlungen, die Meissner Bücher AG, das Haus der Bücher Spaethe, die Buchhandlung Franz Potthoff und die Buchhandlung Köhl hinzu; über Grüttefien übernahm Thalia außerdem die Buchhandlung Bräuer. 2008 wurde Buch-Kaiser in Karlsruhe gekauft, zugekaufte Buchhandlungen wurden in Thalia.de umbenannt. Die Schließung von Buch-Kaiser für 2010 kündigte das Unternehmen 2009 an, verbunden mit der Konzentration auf zwei Thalia-Großfilialen.
Auch technisch wollte der Konzern früh mitmischen. 2010 stellte Thalia den E-Book-Reader OYO vor, der im Herbst in den deutschen Handel kam. Ende November 2012 nahm das Unternehmen den E-Book-Reader Odyssey HD FrontLight von Bookeen ins Angebot auf. Im März 2013 gründete Thalia gemeinsam mit Buchhandelsunternehmen und der Deutschen Telekom die Marke Tolino und brachte danach mehrere E-Reader heraus.
2013 kündigte Thalia ein Joint Venture mit Orell Füssli an. Im Herbst nahm Orell Füssli Thalia, kurz OFT, als Schweizer Buchhandelskette den Betrieb auf; beide Unternehmen hielten je 50 Prozent. Die Schweizer Thalia-Filialen wurden schrittweise auf die Marke Orell Füssli umgestellt.
2014 leitete Thalia den Squeeze-out der Aktionäre von Buch.de ein. 2015 wurde Buch.de vollständig übernommen, aufgelöst und mit Thalia verschmolzen; 2018 wurde die Marke Buch.de eingestellt. Seit Januar 2017 übernahm Thalia mehr als 20 Buchhandlungen, teilweise gemeinsam mit den bisherigen Eigentümern.
Im Januar 2019 fusionierte Thalia mit der Mayerschen Buchhandlung und übernahm außerdem die seit 150 Jahren bestehende Buchhandlung Jos. Fischer. Nach dem Zusammenschluss beschäftigte das Unternehmen 2019 rund 6.000 Mitarbeiter. Ab Februar 2020 führte Thalia zwölf Decius-Standorte in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt fort. Im November 2020 genehmigte das Bundeskartellamt den Zusammenschluss von Thalia und Osiander. Seit 2021 gehört Lehmanns Media, ein Anbieter wissenschaftlicher Fachliteratur, zur Gruppe.
2024 übernahm Thalia die Kundenbeziehungen aus dem Weltbild-Onlineshop, die von Weltbild verkauften Tolino-E-Reader sowie die Weltbild-Marken und Domains. Im November 2024 bestätigte das Bundeskartellamt die Übernahme von Bücher.de durch Thalia.
Eigentümer, Sitz und öffentliche Rolle
Bis 2012 hielten die Könnecke-Beteiligungs-GmbH 25 Prozent und die Buch & Medien GmbH 75 Prozent an der Thalia Holding. Die Buch & Medien GmbH gehörte vollständig zur Douglas Holding; die Könnecke-Familie hatte Thalia 1931 erworben. Bis Ende 2012 gehörte Thalia vollständig zur Douglas Holding. Im selben Jahr stieg der US-Finanzinvestor Advent in den Douglas-Konzern ein, während die Douglas-Gründerfamilie Kreke mit 20 Prozent beteiligt blieb.
Seit Juli 2016 befindet sich der Großteil der Thalia-Gruppe im Besitz eines Konsortiums um die Verlegerfamilie Herder, den Unternehmer Leif Erik Göritz und den geschäftsführenden Thalia-Gesellschafter Michael Busch. Die Familie Kreke hält weiterhin eine Minderheitsbeteiligung. Am 6. Oktober 2015 wurde die Umfirmierung von Thalia Holding GmbH in Thalia Bücher GmbH beschlossen. Im August 2019 feierte das Unternehmen sein 100-jähriges Bestehen, im November 2019 gab es dazu eine Gala in Hamburg.
Am 21. Februar 2025 kündigte Thalia an, den Firmensitz bis 2028 von Hagen nach Dortmund zu verlegen. In Frankfurt bleibt derweil die Zeil die greifbare Adresse – mit Baustellenlärm, neuen Schaufenstern und bald wohl vielen Menschen, die nur schnell ein Geschenk kaufen wollten und dann doch mit drei Büchern wieder herauskommen.
Seit 2009 ist Thalia exklusiver Buchpartner der lit.COLOGNE, seit 2017 Partner der lit.Ruhr. 2018 trat das Unternehmen dem Stifterrat der Stiftung Lesen bei. Nach eigenen Angaben veranstaltet Thalia mehr als 5.000 Veranstaltungen pro Jahr und kooperiert lokal mit öffentlichen Institutionen zur Leseförderung.
Ganz ohne Reibung blieb das Wachstum allerdings nicht. Die zentrale Einkaufsmacht großer Buchhandelsunternehmen wie Thalia wird als Faktor beschrieben, der Vertriebskonditionen von Verlagen beeinflussen kann. 2006 wurde der Vorschlag kritisiert, Verlage sollten sich finanziell am Ausbau und an der Ausstattung neuer Filialen beteiligen. Außerdem gab es Vorwürfe, Thalia habe durch Angriffe auf die Buchpreisbindung inhabergeführte Buchhandlungen unter Druck gesetzt.
Ab 2007 protestierten Menschen gegen die geplante Thalia-Großfiliale im denkmalgeschützten Metropol-Kino in Bonn. Ein Bürgerbegehren sammelte 16.000 Unterschriften; nach Restaurierungsarbeiten eröffnete die Filiale im Herbst 2010. 2010 wurde Thalia Österreich beschuldigt, einen lokalen Verlagsbuchhändler durch die angedrohte Beendigung von Lieferantenbeziehungen zum Verkauf bewegen zu wollen.
2017 verschickte Thalia Rechnungen für eine Werbekostenzuschuss-Pauschale an rund 1.000 Verlage. 2020 testete das Unternehmen in drei Filialen eine gemeinsame Buchauswahl mit dem chinesischen Handelsunternehmen China National Publication Import & Export Cooperation, CNPIEC. Die Kooperation führte zu kritischer Berichterstattung.
Anfang 2021 kündigte Thalia nach Umstrukturierungen dem langjährigen Betriebsratsvorsitzenden. Ab Mai 2021 wurde dessen Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht Berlin verhandelt. Im selben Jahr verließ Thalia die Tarifbindung.
