Tegut-Abschied in Mittelhessen: Leere Regale, wechselnde Rabatte und neue Betreiber
Bei Tegut in Mittelhessen läuft der Abschied. Letzter Verkaufstag ist der 30. Oktober 2026 – und schon am Freitag zeigte sich, was das heißt: großer Andrang, leere Regale, lange Schlangen an den Kassen. Nudeln, Kaffee, Marmelade, Mehl, Toilettenpapier und Waschmittel gingen besonders schnell weg. Haltbare Ware eben, die man gut nach Hause tragen kann.
An ausgewählten Standorten gibt es 50 Prozent Rabatt auf das gesamte Sortiment. Obst, Gemüse und die Frischfleischtheke sind unter anderem ausgenommen. Welcher Nachlass gilt, hängt allerdings davon ab, wer den jeweiligen Markt übernimmt. Netto, Edeka, Tante Enso – die Zukunft der Filialen ist nicht überall dieselbe.
Volle Gänge in Dillenburg, anderer Weg in Braunfels
In Dillenburg gilt der halbe Preis. Im Markt am Sportzentrum war der Andrang so groß, dass sich die Schlangen zeitweise durch den rund 1.500 Quadratmeter großen Laden zogen. Die Filiale war 2019 als erste Tegut-Niederlassung im Lahn-Dill-Kreis eröffnet worden. Nach dem 30. Oktober übernimmt Netto den Standort und führt ihn mit einem Discount-Konzept weiter. Dillenburg gehört damit zu etwa 30 Tegut-Standorten, die künftig von Netto übernommen werden.
In Braunfels sieht es anders aus: Dort gibt es keinen vollständigen Ausverkauf. Tegut gewährt 30 Prozent Rabatt auf Eigenmarken, außerdem soll ein Teil des bisherigen Sortiments vom künftigen Betreiber übernommen werden. Nach Tegut soll Edeka den Markt übernehmen, ihn voraussichtlich kurz schließen, umfirmieren und anschließend wiedereröffnen.
Auch andernorts entscheidet der Standort über den Preis. In Gießen gilt in der Adolph-Kolping-Straße 9 ein Rabatt von 50 Prozent; Netto übernimmt die Filiale. Im Einkaufszentrum Neustädter gibt es dagegen keinen halben Preis, weil Edeka den Markt ab November übernimmt. Der Tegut-Standort in Limburg bietet wegen der geplanten Edeka-Übernahme ebenfalls keinen 50-Prozent-Rabatt an.
In Marburg steht keine Filiale auf Teguts Rabattliste. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf nimmt dagegen der Markt in Amöneburg am Angebot teil. Für andere Standorte sind je nach Lage Nachfolgelösungen durch Edeka, Netto oder Tante Enso vorgesehen.
178 Märkte für Edeka – aber nicht alle
Die Marke Tegut soll aufgegeben werden. Edeka darf 178 Tegut-Filialen übernehmen; ursprünglich waren 202 von rund 300 Märkten vorgesehen. Die meisten Standorte liegen in Hessen, Bayern und Thüringen. Unter den freigegebenen Märkten sind unter anderem Filialen in Langen, Frankfurt und Kassel. Die vollständige Liste umfasst außerdem Orte wie Abenberg, Altenstadt, Alzenau, Fulda, Gießen, Göttingen, München, Stuttgart, Wiesbaden und Würzburg sowie zahlreiche weitere Standorte in Hessen, Bayern, Thüringen und Baden-Württemberg.
Zum genehmigten Paket gehören außerdem das Tegut-Logistikzentrum in Hünfeld-Michelsrombach, die Bäckerei Herzberger und 41 personallose „Teo“-Minimärkte. Die übernommenen Märkte sollen schrittweise in den genossenschaftlichen Edeka-Verbund integriert werden; einige sollen künftig von Netto Marken-Discount betrieben werden. Edeka begrüßte die Entscheidung und erklärte, rund 3.700 Beschäftigte erhielten dadurch eine Zukunftsperspektive. Zugleich bedauerte das Unternehmen, auf zahlreiche Standorte verzichten zu müssen.
24 der ursprünglich geplanten 202 Standorte darf Edeka vier Jahre lang nicht erwerben. Das Verbot gilt für die gesamte EDEKA-Gruppe, einschließlich Regionalgesellschaften und selbstständiger Einzelhändler, und umfasst auch Miet- und Anschlussmietverträge. Es legt nicht fest, ob und von wem die Märkte künftig betrieben werden. Für Bad Neustadt gilt es nur für den Betrieb eines Lebensmitteleinzelhandelsstandorts, nicht für den Immobilienerwerb.
- Aalen, Am Tannenwäldle 2
- Alsfeld, An der Au 10
- Bad Langensalza, Marktstraße 25
- Bad Neustadt, Saalestraße 2
- Erfurt/Marbach, Bergener Straße 18
- Geisa, Gartenweg 3
- Gerbrunn, Am Kirschberg 5
- Heiligenstadt, Brüsseler Straße 1
- Hünfeld, Am Niedertor 2–8
- Kassel, Frankfurter Straße 86
- Kassel, Friedrich-Ebert-Straße 29
- Kassel, Wilhelmshöher Allee 262
- Kirchhain, Mühlgasse 11
- Korbach, Briloner Landstraße 4–6
- Neuhof, Hanauerstraße 1
- Oberelsbach, Oberwaldbehrunger Straße 20
- Rainrod, Mühlstraße 23
- Riedstadt, Lise-Meitner-Straße 2
- Sachsenberg, Frankenberger Straße 12
- Schonungen, Ludwig-Grobe-Straße 3
- Tauberbischofsheim, Krautgartenweg 6
- Würzburg, Frankfurter Straße 18
- Würzburg-Estenfeld, Am Zehnthügel 2
- Zella-Mehlis, Ortsteil Benshausen, Benshäuser Straße 12
Für diese Märkte ist offen, ob sie einen anderen Käufer finden oder geschlossen werden. Die 24 Standorte wurden ausgewählt, weil das Bundeskartellamt ohne entsprechende Zusagen in regionalen Märkten Wettbewerbsprobleme sah.
Warum das Kartellamt so genau hinschaute
Das Verfahren lief seit März 2026. Ende Juli übermittelte das Bundeskartellamt den Beteiligten eine vorläufige wettbewerbliche Bewertung. Ohne Zusagen hätte der Zusammenschluss in 34 regionalen Märkten in Hessen, Thüringen, Nordbayern und Baden-Württemberg den Wettbewerb erheblich beeinträchtigt. In neun dieser Markträume hätte eine marktbeherrschende Stellung EDEKAs entstehen oder verstärkt werden können. In 24 Markträumen verschwanden die Bedenken unmittelbar durch den Verzicht auf die dortigen Tegut-Standorte, in zehn weiteren durch den Verzicht auf Standorte in benachbarten Märkten.
Edeka hatte am 20. Juli 2026 zunächst ein aus Sicht der Behörde unzureichendes Zusagenangebot vorgelegt. Am 14. September 2026 folgte ein erweitertes Angebot, das das Kartellamt als geeignet bewertete. Edeka verpflichtete sich unter anderem, im Zusammenhang mit der Übernahme keine Konditionen ohne angemessene Gegenleistung – sogenannte „Hochzeitsrabatte“ – zu verlangen. Einen Bestwertabgleich, bei dem günstigere Tegut-Konditionen auf Edeka übertragen werden könnten, soll es nicht geben. Edeka darf außerdem zu keinem Zeitpunkt auf die Beschaffungskonditionen von Tegut oder der Einkaufskooperation Retail Trade Group, kurz RTG, zugreifen.
Die Behörde untersuchte rund 150 Hersteller und Lieferanten in neun Produktgruppen. Auf den Beschaffungsmärkten verfügt Edeka über eine starke Stellung; Edeka und Rewe, teilweise auch die Schwarz-Gruppe, sind für manche Markenhersteller als Abnehmer einzeln unverzichtbar. Diese relative Nachfragemacht kann in Missbrauchsverfahren eine Rolle spielen, reichte aber nicht für ein Fusionsverbot. Durch die Übernahme steigt Edekas Anteil am gesamten Beschaffungsvolumen des deutschen Lebensmitteleinzelhandels um weniger als 0,4 Prozentpunkte. Teguts Bedeutung als eigenständiger Nachfrager und RTG-Mitglied wurde als begrenzt bewertet.
Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel vereinten EDEKA, REWE, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland sowie ALDI 2025 zusammen mehr als 90 Prozent der bundesweiten Umsätze. Nach den Angaben des Bundeskartellamts entfielen davon rund 30 Prozent auf EDEKA, rund 25 Prozent auf die Schwarz-Gruppe, rund 22 Prozent auf REWE sowie rund 15 Prozent auf ALDI Nord und Süd. Eine gemeinsame marktübergreifende beherrschende Stellung stellte die Behörde dennoch nicht fest. Dagegen sprächen unter anderem fehlende Verbindungen und Lieferbeziehungen zwischen den großen Händlern, der tatsächliche Wettbewerb und die vergleichsweise niedrigen Margen.
Zwischen den Handelsgruppen gibt es intensive Wettbewerberbeobachtung und bei Teilen des Sortiments eine hohe Preisgleichheit. Preisänderungen gingen in der Vergangenheit häufig von ALDI aus, zuletzt wurden vermehrt auch zunächst von Lidl ausgehende Änderungen beobachtet. Während der Corona-Pandemie stiegen die Margen deutlich, seit spätestens 2022 gehen sie zurück. Bei den vier großen Handelsgruppen liegen sie durchschnittlich weiterhin über dem Vor-Corona-Niveau, nach Kosten aber im niedrigen einstelligen Bereich. Auch andere europäische Wettbewerbsbehörden haben bislang keine einzelmarktübergreifende kollektive Marktbeherrschung festgestellt.
Tante Enso, Rewe und die offenen Adressen
Tante Enso erhielt im Juni die Freigabe für 36 Märkte. Dazu zählen Standorte in Amt Wachsenburg, Biebergemünd, Bleicherode, Burgsinn, Dachwig, Dittelbrunn, Ebersburg, Hünfeld, Karben, Marburg, Petersberg, Sondershausen und weiteren Orten. Eine Korrektur zur Standortliste ist wichtig: Die Märkte in Marburg, Stümpelstal 1a, und Karben, Friedhofsweg 2, wurden zwar für eine Edeka-Übernahme freigegeben, werden aber nicht von Edeka beliefert. Für beide ist eine Belieferung durch Tante Enso geplant.
Rewe beantragte die Übernahme von bis zu 40 Filialen. Die Entscheidung steht noch aus; die verlängerte Prüffrist läuft bis zum 29. Oktober 2026. Rewe legte im Hauptprüfverfahren ein Zusagenangebot vor. Migros Zürich teilte zudem mit, dass noch nicht vergebene Standorte in einem laufenden weiteren Bieterverfahren angeboten werden.
Tegut wurde 1947 in Fulda gegründet, gehört seit 2013 zur Migros-Gruppe und ist in sechs Bundesländern vertreten. Die meisten Märkte befinden sich in Hessen; laut Migros beschäftigt Tegut knapp 7.500 Menschen. Die Übernahme durch Edeka umfasst also nicht nur Einkaufswagen, Kassen und Regale, sondern auch ein großes Stück Infrastruktur – samt Logistik, Bäckerei und den kleinen, personallosen Teo-Läden.
Für die Kundschaft bleibt bis zum 30. Oktober vor allem die praktische Frage: Wo gilt welcher Rabatt? In Dillenburg kann der Einkaufswagen halbvoll zum halben Preis werden, in Braunfels sind es 30 Prozent auf Eigenmarken, in Gießen entscheidet die Adresse. Und danach? Dann beginnen die Umbauten, neue Schilder kommen, manche Türen bleiben kurz zu. In den Läden riecht es bis dahin nach Kaffee, Waschmittel und dem ganz eigenen Duft leerer Regale.
