Tegut-Ausverkauf: Leere Regale und lange Schlangen vor dem Ende der Marke
Heute, am 16.10.2026, herrscht in zahlreichen Tegut-Filialen Ausnahmezustand. Seit Donnerstag, 15. Oktober, läuft der Ausverkauf mit 50 Prozent Rabatt – und viele Kundinnen und Kunden greifen ordentlich zu. Der Nachlass gilt noch bis 17. Oktober für das gesamte Sortiment, ausgenommen Obst, Gemüse und Waren von der Frischetheke.
Vor den Märkten bilden sich lange Warteschlangen, drinnen sind Regale leer oder fast leer. In manchen Filialen wurden Kundinnen und Kunden zeitweise nicht mehr eingelassen, einzelne Märkte mussten vorübergehend schließen. Besonders gefragt sind haltbare Lebensmittel: Kaffee, Nudeln, Reis und Konserven verschwinden in großen Mengen in Einkaufswagen und Taschen.
Bis zu zwei Stunden an der Kasse
In Bad Hersfeld wurde der Einlass laut „Osthessen News“ zeitweise aus Sicherheitsgründen gestoppt. Die Wartezeit an den Kassen soll bis zu zwei Stunden betragen haben. Während die Schlange langsam vorrückte, füllten Mitarbeiter die Regale nach – ein etwas eigenartiges Bild: vorne Geduldsspiel, hinten Nachschub.
Die „Lebensmittel Zeitung“ beobachtete Kunden, die größere Mengen Nudeln und Konserven aus dem Markt trugen. Auch der Tegut-Markt in Bad Soden war laut der Zeitung stark frequentiert.
In München-Neuperlach musste die Filiale an der Thomas-Dehler-Straße 15 am Donnerstagabend wegen Überfüllung vorübergehend schließen. Der „Merkur“ berichtete unter Berufung auf Anwohner über den hohen Andrang. Am Freitag blieb der Markt stark besucht.
In Bad Vilbel schloss die Filiale laut FFH am Donnerstag gegen 19 Uhr, weil die Sicherheitskapazitäten überschritten waren. Am Freitagmorgen warteten dort rund 30 Kunden vor der Öffnung. Waschmittel und Olivenöl waren in den Regalen nahezu oder vollständig verschwunden. In Seligenstadt wurden beim Einlass laut FFH etwa 45 Menschen gezählt.
Warum Tegut aus Deutschland verschwindet
Der Rabattverkauf steht im Zusammenhang mit dem Rückzug von Tegut aus Deutschland. Die Muttergesellschaft Migros Zürich beschloss diesen Schritt nach jahrelangen Millionenverlusten. Das bislang rund 300 Filialen umfassende Netz wird auf verschiedene Betreiber aufgeteilt.
Migros Zürich, genauer die Genossenschaft Migros Zürich (GMZ), zieht sich vollständig aus Deutschland zurück und verkauft einen wesentlichen Teil der Tegut-Gruppe an Edeka. Der Vertrag umfasst einen Großteil der Tegut-Filialen, das Verkaufspersonal, das Logistikzentrum in Michelsrombach, die Herzberger-Bäckerei sowie die Smart Retail Solutions GmbH mit den Teo-Smartstores. Der Kaufpreis wurde nicht veröffentlicht.
Für weitere, nicht genannte Standorte verhandelt Migros Zürich mit anderen Marktteilnehmern. Eine vollständige Übernahme durch einen Händler, der bislang nicht in Deutschland tätig ist, sei laut Migros nicht zustande gekommen. Die Marke „tegut…“ wird künftig nicht weitergeführt.
Das Bundeskartellamt genehmigte laut t-online.de die Übernahme von etwa 178 Märkten durch Edeka und von 38 Märkten durch Rewe; dazu kommen weitere kleinere Übernahmen. Edeka erklärte laut „Merkur“, dass durch die Übernahme von 178 Standorten bundesweit mehr als 3.700 Arbeitsplätze gesichert würden. Edeka soll nach Unternehmensangaben Arbeitsplätze in einem Großteil der rund 300 Tegut-Märkte erhalten.
In München sollen 17 Tegut-Filialen an Edeka übergehen. In Meiningen übernimmt Edeka die Märkte an der Landsberger Straße und in Walldorf. In Dreißigacker und an der Utendorfer Straße zieht Netto als Betreiber ein. Die vier Meininger Filialen nehmen laut „insuedthueringen.de“ an der Rabattaktion teil; dort sollen die Märkte mit dem Tegut-Schriftzug letztmalig am 29. Oktober öffnen.
Viele offene Fragen für Beschäftigte und Standorte
Noch ist nicht geklärt, wie viele Filialen Edeka tatsächlich übernimmt, wer die übrigen Standorte kauft und wie es mit der Tegut-Zentrale in Fulda weitergeht. Offen bleibt auch, wie viele Beschäftigte in Verwaltung, Logistik und Herzberger-Bäckerei übernommen werden. Ebenso steht die Frage im Raum, wie lange die Zusammenarbeit mit Amazon fortbesteht.
Die Übernahme stand zunächst unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Bundeskartellamts. Erst nach dessen Entscheidung wollte Migros verbindliche Angaben zu den betroffenen Filialen machen. Die Garantie der Migros, Tegut finanziell auszustatten, gilt laut GMZ bis zum Vollzug und zur Abwicklung aller Veräußerungen. Migros hatte sich Ende 2023 verpflichtet, Tegut bis Ende 2026 finanziell zu unterstützen, damit das Unternehmen seine Verpflichtungen erfüllen kann. Wie lange diese Verantwortung dauert, hängt damit auch vom Verfahren des Kartellamts ab.
Der Verkauf beendet ein fast 13 Jahre dauerndes Deutschland-Engagement der Migros. Tegut wurde 1947 in Fulda gegründet und gehört seit 2013 zur Migros-Gruppe. Die Kette ist in sechs Bundesländern vertreten, mit einem Schwerpunkt in Hessen, und beschäftigt laut Migros knapp 7.500 Menschen.
Im November 2024 hatte Migros die langjährige Tegut-Geschäftsführung abgelöst, einen Stellenabbau angekündigt und öffentlich vorgegeben, Tegut bis Ende 2026 in die schwarzen Zahlen zu bringen. Danach wurden unter anderem Frischetheken in Filialen geschlossen. Zuvor war bereits die Integration der übernommenen Biomarktkette Basic gescheitert.
Im Frühjahr 2025 sprach Migros noch von einer deutlichen Trendwende und einer Ergebnisverbesserung um 44 Prozent im ersten Quartal. In der aktuellen Mitteilung heißt es, die operativen Verluste seien um mehr als die Hälfte reduziert worden. Trotzdem begründet Migros den Verkauf mit einem verschärften deutschen Marktumfeld, rückläufigen Umsätzen sowie der vergleichsweise kleinen Unternehmensgröße und der spezifischen Positionierung von Tegut.
Die Transaktion soll sich bereits im Jahresabschluss 2025 niederschlagen, der am 24. März veröffentlicht werden soll. Für Edeka bedeutet der Kauf eine Ausweitung des Filialnetzes und der Wertschöpfungskette in mehreren Regionen, darunter Hessenring, Südwest, Südbayern und Nordbayern. Mit den Teo-Smartstores kommt außerdem ein eigenständiges Smartstore- und Technologiegeschäft hinzu.
Rewe erhält 38 Märkte – mit Auflagen
Das Bundeskartellamt hat die Übernahme von 38 Tegut-Supermärkten durch Rewe freigegeben. Rewe hatte ursprünglich zwei weitere Standorte vorgesehen, verpflichtet sich aber, die Märkte in Marburg und Schlüchtern in Hessen vier Jahre lang nicht zu erwerben.
Nach Einschätzung des Kartellamts verhindert diese Auflage eine erhebliche Verschlechterung der Wettbewerbsbedingungen in den betroffenen Regionen. Rewes bundesweites Beschaffungsvolumen steigt durch die Übernahme um deutlich weniger als 0,2 Prozent. Eine erhebliche Behinderung des Wettbewerbs auf den Beschaffungsmärkten sei daher nicht zu erwarten – gemeint sind die Lebensmittel, Waren und Dienstleistungen, die Rewe bei Lieferanten einkauft.
Der deutsche Lebensmittel-Einzelhandel wird von Rewe, Edeka, Aldi und Lidl/Kaufland dominiert. Auf diese vier Unternehmen entfallen mehr als 90 Prozent des Branchenumsatzes. Hersteller haben dadurch vergleichsweise wenige Abnehmer und eine schwächere Verhandlungsposition. Mit Tegut verschwindet ein eigenständiger Abnehmer vom Markt.
Das Kartellamt stellte zwar eine sehr hohe Konzentration im Lebensmittel-Einzelhandel fest, sieht aber weiterhin Wettbewerb zwischen den großen Handelsunternehmen. Kartellamtschef Andreas Mundt sagte, die Tegut-Übernahme verändere daran nichts. Die hohe Konzentration allein reiche kartellrechtlich nicht für ein Verbot aus; entscheidend sei, ob sich die Wettbewerbsverhältnisse durch die konkrete Übernahme erheblich verschlechtern.
Rewe bezeichnete die Freigabe als wichtigen Meilenstein sowie als Grundlage für Klarheit und Planungssicherheit. Das Unternehmen erklärte, die Nahversorgung in den betroffenen Regionen langfristig sichern und die Zukunftsfähigkeit der Standorte stärken zu wollen.
Edeka, Rewes größter Konkurrent, übernimmt den größten Teil des rund 300 Märkte umfassenden Tegut-Netzes; das Kartellamt hatte zuvor die Übernahme von 178 Filialen freigegeben. Bei 24 weiteren Standorten verzichtet Edeka zunächst auf eine Übernahme und darf diese vier Jahre lang nicht erwerben. Die Smart-Store-Kette Tante Enso darf 36 Tegut-Standorte übernehmen. Über die Zukunft der übrigen Tegut-Filialen ist noch nicht entschieden.
Die Transaktion könnte die Konzentration im deutschen Lebensmitteleinzelhandel weiter erhöhen. Für Tegut-Beschäftigte bleibt damit vieles offen – bis zur kartellrechtlichen Entscheidung und bis zum Abschluss weiterer Verkäufe. In den Märkten aber zählt vorerst etwas ganz anderes: Was noch im Regal liegt, wird gesucht, eingepackt und zur Kasse getragen.
