Tegut vor dem Abschied: 60 Filialen werden zu Netto-Märkten
Bei Tegut stehen die letzten Verkaufstage bevor. Die Supermarktkette wird verkauft, zahlreiche Filialen wechseln den Betreiber. Für Kundinnen und Kunden heißt das: noch einmal einkaufen, Gutscheine einlösen, Pfandbons mitnehmen – und sich auf andere Sortimente einstellen.
Heute, am 19. Oktober 2026, laufen in vielen Märkten bereits Rabattaktionen. Die meisten Tegut-Filialen verkaufen letztmals am Freitag, 30. Oktober 2026. In Thüringen ist teilweise schon Donnerstag, 29. Oktober 2026, Schluss. Zum 1. November 2026 übernehmen dann Edeka, Netto, Rewe oder Penny die Standorte.
60 Tegut-Standorte werden zu Netto-Märkten
Besonders klar ist der Wechsel bei Netto ohne Hund: 60 Tegut-Standorte sollen künftig als Netto-Märkte weitergeführt werden. Darunter sind 57 bestehende Märkte und drei Standorte, die sich noch im Bau befinden. Die 57 bestehenden Filialen schließen Ende Oktober, werden umgebaut und sollen im November wieder öffnen.
Nach Angaben des Branchenportals „Supermarktblog“ sind Neueröffnungen zwischen dem 5. und 26. November 2026 vorgesehen. Ursprünglich waren Umbauten teils erst Anfang bis Ende November geplant. Netto kündigte anschließend vorgezogene Termine an. Bis zur Neueröffnung bleiben die Märkte geschlossen – je nach Standort bis zu knapp vier Wochen.
Die 60 Standorte verteilen sich auf Hessen mit 29 Märkten, Thüringen mit zwölf, Bayern mit zehn, Baden-Württemberg mit fünf und Rheinland-Pfalz mit einem Standort. Tegut hat eine Liste der betroffenen Filialen auf seiner Unternehmenswebsite veröffentlicht. Die genauen Standorte lassen sich über die Tegut-Marktsuche prüfen. Einzelne Marktseiten nennen inzwischen abweichende Termine; Kundinnen und Kunden sollten deshalb die aktuellen Filialinformationen kontrollieren.
Bei Netto wird das Sortiment vollständig umgestellt. Das ist mehr als ein neues Schild über dem Eingang: Tegut war für ein umfangreiches Bio-Sortiment bekannt, Netto setzt auf das Discount-Konzept mit Eigenmarken und einem anderen Warenangebot.
Rabatte, leere Regale und letzte Einkaufstage
Vom 15. bis 17. Oktober galt in zahlreichen Märkten ein „Danke-Rabatt“ von 50 Prozent auf fast alles. Ausgenommen waren unter anderem Obst und Gemüse, Frischetheken, Tabak und Pfand. Der Rabatt galt nur, solange der Vorrat reichte. Tegut veröffentlichte dafür eine Liste mit 133 teilnehmenden Märkten. Alle 57 an Netto ohne Hund gehenden Filialen waren dabei, ebenso viele künftige Edeka-Märkte. Die künftigen Rewe-Märkte nahmen zunächst nicht teil.
Am 16. Oktober verlängerte Tegut die 50-Prozent-Aktion bis einschließlich 25. Oktober. Ab dem 26. Oktober sollen verbliebene Restbestände bis zum letzten Verkaufstag mit bis zu 75 Prozent Rabatt verkauft werden. Die Märkte werden grundsätzlich weiter beliefert, allerdings nicht mehr mit allen Artikeln und Sortimenten. Nach Tegut-Angaben hängt die Nachlieferung von Wirtschaftlichkeit und Lagerbeständen ab.
Der Andrang war teilweise so stark, dass es in einzelnen Märkten Einlassbeschränkungen beziehungsweise Blockabfertigung gab. An stark frequentierten Standorten wurde zusätzlich Sicherheits- und Einlasspersonal eingesetzt. Ein vorzeitiges Schließen bei vollständig ausverkauften Märkten ist grundsätzlich möglich, aber nicht geplant. Zwischen Einkaufswagen, hastig zusammengestellten Körben und den letzten vollen Regalen kann es also noch einmal ordentlich eng werden.
Tegut warb zunächst mit „Alles wie immer“, doch Eigenmarken und weitere Waren werden abverkauft. Tegut-Gutscheine können nach dem Betreiberwechsel nicht bei Netto eingelöst werden. Pfandbons sollten noch vor der Schließung in der jeweiligen Tegut-Filiale verwendet werden. Das Kundenbindungsprogramm Tebonus wird eingestellt.
Edeka übernimmt 178 Märkte
Das Bundeskartellamt genehmigte Ende September die Übernahme von 178 Tegut-Märkten durch Edeka. Ursprünglich waren 202 Edeka-Übernahmen vorgesehen. Wegen Bedenken hinsichtlich einer zu starken regionalen Marktkonzentration wurden 24 Standorte nicht genehmigt. Rewe darf 38 Märkte übernehmen, Tante Enso übernimmt 36 Standorte. Für weitere 36 Märkte werden noch Käufer gesucht; diese sollen zunächst geöffnet bleiben.
In 27 künftigen Edeka-Märkten gab es zunächst keinen Rabatt. Betroffen waren unter anderem Standorte in Fulda, Göttingen, Weimar, Kassel, Erfurt und Schwalmstadt. Edeka Hessenring erklärte, einen Teil des vorhandenen Warenbestands zu übernehmen; deshalb finde die Rabattaktion dort nicht statt. Drei von Hessenring übernommene Wetterauer Märkte in Friedberg, Karben und Wölfersheim bildeten Ausnahmen und boten den Rabatt an.
Edeka Hessenring übernimmt die betreffenden Märkte zum 1. November. Für die technische und organisatorische Umstellung schließen sie kurzzeitig, die Wiedereröffnung ist nach aktuellem Stand für den 5. November geplant. Mitarbeitende und Auszubildende sollen übernommen werden. Alle Standorte sollen künftig unter der Marke Edeka auftreten. Zunächst betreibt die RM Großmarkt GmbH die Märkte, perspektivisch sollen sie an rechtlich selbstständige Edeka-Kaufleute übergeben werden. Zeitpunkt und Umfang sind offen.
Auch bei den Kundenbindungsprogrammen geht Hessenring einen eigenen Weg. Die Regionalgesellschaft nahm weder am Payback- noch am Deutschlandcard-Programm teil. In Fulda und Kassel sollen Kundinnen und Kunden künftig Coupons der Edeka-App statt Tebonus-Punkte nutzen.
Der Rabatt lief außerdem in Stuttgarter Märkten, die Edeka Südwest übernimmt, in elf Münchner Edeka-Märkten sowie in Märkten in Franken, unter anderem in Abenberg, Ansbach, Erlangen und Fürth. Auch Märkte im Rhein-Main-Gebiet, etwa in Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und Mainz, waren dabei. Gleiches galt für direkt an Edeka-Kaufleute übergehende Filialen, etwa von Habig, Ermel und Stenger. Die Neueröffnung des künftigen E-Centers von Habig in Gelnhausen und Linsengericht war für den 16. November angekündigt.
Rewe machte keine Angaben dazu, welche der 38 übernommenen Standorte künftig Rewe- oder Penny-Märkte werden. Danach übernehmen andere Betreiber insgesamt 160 Tegut-Filialen; der Betreiberwechsel erfolgt zum 1. November 2026.
Warum Tegut verschwindet
Hinter dem Verkauf steht der Rückzug der Schweizer Migros-Gruppe aus Deutschland. Migros hatte im März 2026 angekündigt, Tegut verkaufen zu wollen. Als Gründe wurden wirtschaftliche Schwierigkeiten und der zunehmende Wettbewerb genannt. Tegut blickt in seinem Abschiedstext auf fast 80 Jahre Unternehmensgeschichte seit der Gründung in Fulda zurück und bedankt sich bei Kundinnen und Kunden für Einkauf, Treue und Vertrauen.
Tegut hatte sich früh auf Bio- und Regionalprodukte sowie lokale Lieferketten spezialisiert. Für regionale Produzenten ist die Kette deshalb ein wichtiger Abnehmer. Christoph Jestädt vom Unternehmen Wiesenkiez beliefert Tegut seit Jahren direkt vom Hof und bezeichnete die Verkaufspläne als Schock. Ob regionale Lieferanten die Märkte unter Edeka- oder Rewe-Führung weiter beliefern können, ist offen.
Auch Schweinefleischlieferant Daniel Euler produziert für die Tegut-Eigenmarke LandPrimus. Bei neuen Handelspartnern müsste er möglicherweise kostengünstiger produzieren – ein Schritt, der Zeit und Investitionen erfordern würde. Jestädt berichtet allerdings bereits von wachsendem Interesse von Edeka und Rewe. Regionale Produzenten hoffen daher auf weitere Lieferbeziehungen, weil große Supermarktketten die Bedeutung regionaler Produkte erkannt haben.
Handelsexperte Carsten Kortum führt die Entwicklung unter anderem auf ein verändertes Konsumverhalten zurück: Viele Verbraucher achten stärker auf Preise, und Discounter sind inzwischen der wichtigste Absatzkanal für Bio-Produkte. Dadurch verschärft sich der Wettbewerb für qualitäts- und nachhaltigkeitsorientierte Anbieter.
Mehr Konzentration im Lebensmittelhandel
Die vier größten Handelsgruppen Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl kontrollieren bereits rund 85 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. Die Übernahme muss deshalb vom Bundeskartellamt geprüft werden, weil sie die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel weiter erhöhen würde.
Laut Rechtsexperte Thomas Weck liegt der Fokus der Kartellbehörde auf den mittelständischen Handelspartnern. Er erwartet ein langwieriges Verfahren. Sollte Edeka den Großteil der Märkte einschließlich der personallosen Teo-Märkte übernehmen dürfen, seien zum Schutz kleinerer Anbieter vermutlich Auflagen zu erwarten.
Eine stärkere Marktkonzentration könnte kurzfristig niedrigere Preise ermöglichen. Langfristig könnten jedoch Qualität, Vielfalt und Produktionsbedingungen leiden. Das Verschwinden von Tegut würde damit nicht nur Filialschilder verändern, sondern auch die Handelsbranche und die Vielfalt des Supermarktangebots.
Unter Druck steht neben Tegut auch die Supermarktkette Feneberg aus dem Allgäu. Sie betreibt mehr als 70 Filialen. Nach einem Schutzschirmverfahren wurde Anfang April ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eröffnet; Feneberg sucht nach einem Investor.
Für viele Tegut-Kundinnen und -Kunden bleibt zunächst der Gang zur Marktsuche: letzter Verkaufstag, Rabattbedingungen, Pfandbon und Gutschein im Blick behalten. Und wer noch einmal das vertraute Bio-Regal sucht, sollte nicht zu lange warten – manche Lücken sind derzeit schneller da, als ein Einkaufszettel geschrieben ist.
