Tegut vor dem Aus: Edeka übernimmt 178 Märkte, doch für viele Standorte fehlt ein Nachfolger
Für viele Tegut-Kundinnen und -Kunden wird der Einkauf in den kommenden Monaten zur Abschiedsrunde. Die Schweizer Eigentümerin Migros Zürich plant, die verbliebenen Tegut-Märkte in Deutschland ohne Übernahme bis kurz vor Weihnachten 2026 zu schließen. Filialen, für die kein neuer Betreiber gefunden wird, sollen voraussichtlich bis zum 19. Dezember 2026 geöffnet bleiben.
Rund 300 Standorte und knapp 7.500 Beschäftigte sind betroffen. Gespräche mit möglichen Käufern laufen zwar weiter, einzelne Märkte könnten also unter anderem Namen fortgeführt werden. Für viele kleinere Städte und Stadtteile bleibt die Lage trotzdem offen – und damit die bange Frage, ob der Supermarkt ums Eck einfach verschwindet.
Edeka übernimmt den größten Teil
Edeka, Rewe und Tante Enso sollen insgesamt 252 Tegut-Standorte übernehmen. Edeka bekommt davon den größten Anteil: Das Bundeskartellamt hat die Übernahme von 178 Lebensmittelmärkten und weiteren Unternehmensteilen freigegeben. Nach Angaben von Edeka-Chef Markus Mosa erhalten dadurch mehr als 3.700 Beschäftigte eine neue berufliche Perspektive.
Ursprünglich wollte Edeka 202 Tegut-Märkte, 41 automatisierte teo-Standorte, die Herzberger Bäckerei und ein Logistikzentrum übernehmen. 24 weitere Standorte darf die Edeka-Gruppe jedoch vier Jahre lang nicht erwerben. Das gilt auch für Regionalgesellschaften und selbstständige Einzelhändler; ausgeschlossen sind zudem Miet- und Anschlussmietverträge für diese Filialen.
Die Auflage betrifft den Betrieb eines Lebensmitteleinzelhandelsstandorts in Bad Neustadt, Saalestraße 2, 97616, nicht den Erwerb der Immobilie. Die gesperrten Standorte sind:
- Aalen, Am Tannenwäldle 2, 73431
- Alsfeld, An der Au 10, 36304
- Bad Langensalza, Marktstraße 25, 99947
- Bad Neustadt, Saalestraße 2, 97616
- Erfurt/Marbach, Bergener Straße 18, 99092
- Geisa, Gartenweg 3, 36419
- Gerbrunn, Am Kirschberg 5, 97218
- Heiligenstadt, Brüsseler Straße 1, 37308
- Hünfeld, Am Niedertor 2–8, 36088
- Kassel, Frankfurter Straße 86, 34121
- Kassel, Friedrich-Ebert-Straße 29, 34117
- Kassel, Wilhelmshöher Allee 262, 34131
- Kirchhain, Mühlgasse 11, 35274
- Korbach, Briloner Landstraße 4–6, 34497
- Neuhof, Hanauerstraße 1, 36119
- Oberelsbach, Oberwaldbehrunger Straße 20, 97656
- Rainrod, Mühlstraße 23, 63679
- Riedstadt, Lise-Meitner-Straße 2, 64560
- Sachsenberg, Frankenberger Straße 12, 35104
- Schonungen, Ludwig-Grobe-Straße 3, 97453
- Tauberbischofsheim, Krautgartenweg 6, 97941
- Würzburg, Frankfurter Straße 18, 97082
- Würzburg-Estenfeld, Am Zehnthügel 2, 97230
- Zella-Mehlis, Ortsteil Benshausen, Benshäuser Straße 12, 98544
Das Bundeskartellamt prüfte das Vorhaben seit März 2026 und übermittelte Edeka Ende Juli eine vorläufige wettbewerbliche Bewertung. Ohne die Zusagen hätte der Zusammenschluss in 34 regionalen Märkten in Hessen, Thüringen, Nordbayern und Baden-Württemberg den Wettbewerb erheblich beeinträchtigt. In neun dieser Markträume wäre die Entstehung oder Verstärkung einer marktbeherrschenden Stellung Edekas zu erwarten gewesen.
Der Verzicht beseitigt die Bedenken in 24 Markträumen unmittelbar, in zehn weiteren werden sie durch Auswirkungen auf benachbarte, sich überschneidende Markträume reduziert. Die vierjährige Frist soll ermöglichen, dass die betroffenen Standorte außerhalb der Edeka-Gruppe weiterbetrieben werden können. Wer dort künftig die Kassen öffnet, entscheidet die Auflage allerdings nicht.
Am 20. Juli 2026 hatte Edeka zunächst ein aus Sicht des Bundeskartellamts unzureichendes Zusagenangebot vorgelegt. Am 14. September 2026 reichte das Unternehmen ein deutlich erweitertes Angebot ein, das die Behörde als geeignet bewertete.
Rewe und Tante Enso bleiben im Spiel
Das Bundeskartellamt hatte bereits im Juni 2026 die Übernahme von 36 überwiegend kleineren Tegut-Standorten durch Tante Enso Süd-West freigegeben. Die geplante Übernahme weiterer Märkte durch Rewe wird weiterhin geprüft. Rewe legte im Hauptprüfverfahren ein Zusagenangebot vor; die verlängerte Prüffrist läuft bis zum 29. Oktober 2026. Eine Entscheidung steht noch aus.
Für weitere Märkte gibt es bislang keinen Nachfolger. Gerade in kleineren Städten und Stadtteilen drohen dadurch wohnortnahe Einkaufsmöglichkeiten wegzufallen. In Marburg fordert eine OpenPetition deshalb den Erhalt eines Supermarkts im Bereich Ketzerbach. Hintergrund ist die Schließung des Edeka-Marktes in der Bahnhofstraße im Jahr 2020.
Nach Angaben der Initiatoren leben in Marbach rund 3.500 Menschen. Im Stadtteil gebe es weder eine Bank noch Geldautomaten oder eine Drogerie. Ein Supermarkt mit nahegelegenem Parkplatz sei deshalb für die Versorgung vor Ort besonders wichtig. Erreichbare und möglichst barrierefreie Lebensmittelgeschäfte seien vor allem für ältere, mobilitätseingeschränkte, blinde und sehbehinderte Menschen wichtig – dazu zählen auch Schülerinnen und Schüler der blista und der Carl-Strehl-Schule.
Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel vereinten Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe und Aldi 2025 zusammen mehr als 90 Prozent des Umsatzes. Edeka kam auf rund 30 Prozent, die Schwarz-Gruppe auf rund 25 Prozent, Rewe auf rund 22 Prozent sowie Aldi Nord und Süd gemeinsam auf rund 15 Prozent. Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl kontrollieren nach anderer Einordnung bereits rund 85 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels – je nach Abgrenzung fällt die Zahl also unterschiedlich aus.
Die großen Händler beobachten sich intensiv. Bei Teilen des Sortiments ist eine hohe Preisgleichheit festzustellen. Preisänderungen gingen in der Vergangenheit häufig von Aldi aus, zuletzt wurden aber auch öfter zuerst von Lidl vorgenommene Preisänderungen beobachtet. Die Margen stiegen während der Corona-Pandemie deutlich an und gehen seit spätestens 2022 wieder zurück; bei den vier großen Handelsgruppen liegen sie weiterhin über dem Vor-Corona-Niveau. Nach Kosten bewegen sich die durchschnittlichen Margen im Lebensmitteleinzelhandel im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Was das Kartellamt geprüft hat
Eine einzelmarktübergreifende kollektive Marktbeherrschung der führenden Lebensmittelhändler auf den Absatzmärkten stellte das Bundeskartellamt nicht fest. Dagegen sprachen unter anderem fehlende Verbindungen und Lieferbeziehungen zwischen den großen Händlern, tatsächlicher Wettbewerb und vergleichsweise geringe Margen. Auch andere europäische Wettbewerbsbehörden haben trotz teilweise höherer Marktkonzentration bislang keine solche kollektive Marktbeherrschung festgestellt.
Auf den bundesweiten Beschaffungsmärkten verfügt Edeka allerdings über eine starke Stellung. Edeka und Rewe, in geringerem Umfang auch die Schwarz-Gruppe, sind für manche Markenhersteller als Abnehmer kaum kurzfristig ersetzbar. Diese relative Nachfragemacht kann in Missbrauchsverfahren relevant sein, reicht aber allein nicht für ein Fusionsverbot aus.
Durch die Übernahme steigt Edekas Anteil am gesamten inländischen Beschaffungsvolumen um weniger als 0,4 Prozentpunkte. Tegut hat als eigenständiger Nachfrager und als Mitglied der Einkaufskooperation Retail Trade Group, kurz RTG, nur ein begrenztes Beschaffungsvolumen. Deshalb erwartet das Bundeskartellamt keine erhebliche Wettbewerbsbehinderung auf den Beschaffungsmärkten.
Edeka verpflichtete sich außerdem, im Zusammenhang mit der Übernahme keine Konditionen ohne angemessene Gegenleistung, sogenannte „Hochzeitsrabatte“, zu verlangen. Edeka und Tegut erklärten, keinen sogenannten Bestwertabgleich anzustreben. Edeka soll keinen Zugriff auf Teguts Beschaffungskonditionen erhalten, insbesondere nicht auf die Konditionen der RTG.
Auch auf den Beschaffungsmärkten sah die Behörde keine kollektive Marktbeherrschung der führenden Unternehmen. Es fehlten ausreichende Hinweise auf eine hohe Transparenz der Beschaffungspreise, voneinander abhängige Verhandlungen oder Anreize zur Koordinierung.
Regionale Lieferanten bangen mit
Der Hessische Bauernverband befürchtet Folgen für regionale landwirtschaftliche Betriebe, wenn Tegut als Verkaufsstelle für heimische Produkte wegfällt. Eine Sprecherin erklärte, Einschränkungen regionaler Vermarktungsmöglichkeiten könnten problematisch sein, wenn Absatzwege wegfielen oder neu organisiert werden müssten.
Tegut wurde 1947 in Fulda gegründet und gehört seit 2013 zur Schweizer Migros-Gruppe. Migros kündigte im März 2026 an, einen Käufer für das deutsche Handelsunternehmen zu suchen. Der Schweizer Konzern will den deutschen Markt verlassen und das Fuldaer Lebensmittelunternehmen verkaufen.
Tegut setzte früh auf Bio-Produkte und regionale Lieferketten und war für viele regionale Produzenten ein wichtiger Abnehmer. Wiesenkiez aus Niederrode beliefert die Märkte seit Jahren direkt vom Hof. Inhaber Christoph Jestädt bezeichnete die Verkaufspläne als Schock; wie die Zusammenarbeit weitergeht, ist ungewiss. Jestädt berichtet zugleich von wachsendem Interesse durch Edeka und Rewe.
Daniel Euler aus Maar liefert Schweinefleisch für die Tegut-Eigenmarke LandPrimus. Auch er sieht seine Zukunft gefährdet: Eine Zusammenarbeit mit neuen Ketten könnte eine günstigere Produktion und damit Zeit sowie Investitionen erfordern.
Handelsexperte Carsten Kortum führt die Entwicklung unter anderem auf ein verändertes Konsumverhalten zurück. Viele Verbraucher achteten wieder stärker auf den Preis. Discounter sind inzwischen der wichtigste Absatzkanal für Bio-Produkte, der Wettbewerb wird dadurch härter – und zwar nicht nur für Tegut.
Auch die mehr als 70 Filialen der Supermarktkette Feneberg aus dem Allgäu stehen unter Druck. Nach einem Schutzschirmverfahren wurde Anfang April ein Insolvenzverfahren in Eigenregie eröffnet; das Unternehmen sucht einen Investor. Kortum sieht ein strukturelles Problem: Wenige große Handelsunternehmen gewinnen Marktanteile, während kleinere Anbieter unter Druck geraten.
Niedrigere Preise können Verbraucherinnen und Verbrauchern zunächst zugutekommen. Langfristig könnten jedoch Qualität, Vielfalt und Produktionsbedingungen leiden. Regionale Produkte bleiben für große Supermarktketten wichtig – auf den Höfen und in den Filialen wird sich trotzdem erst zeigen, was daraus wird.
Das Bundeskartellamt musste die geplante Übernahme prüfen, weil sie die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel weiter erhöht. Rechtsexperte Thomas Weck erwartet ein langwieriges Verfahren und sieht den Fokus der Behörde bei den Auswirkungen für mittelständische Handelspartner. Sollte Edeka den Großteil der Märkte einschließlich der personallosen Teo-Märkte übernehmen dürfen, seien vermutlich Auflagen zum Schutz kleinerer Anbieter zu erwarten.
Der Verkauf würde Tegut aus dem deutschen Markt verschwinden lassen und die Angebotsvielfalt im Lebensmitteleinzelhandel verändern. Bis zum 19. Dezember bleibt in manchen Filialen noch Zeit für den letzten Einkauf – vielleicht mit Einkaufszettel, vielleicht auch ein bisschen wehmütig.
