Traditionsmetzgerei Kaindl schließt nach mehr als 100 Jahren in Friedberg
In Friedberg endet Ende November eine lange Familiengeschichte: Die Traditionsmetzgerei Kaindl schließt dauerhaft. Mehr als 100 Jahre lang stand der Betrieb für handwerklich hergestellte Fleisch- und Wurstwaren, zuletzt geführt von Andreas und Marina Kaindl.
Das heutige Hauptgeschäft in der Haagstraße besteht seit 1924. 1955 kam eine zweite Filiale in der Robert-Hartl-Straße hinzu. Seit 1987 lenken Andreas und Marina Kaindl die Geschicke des familiengeführten Betriebs, der seit etwa 30 Jahren Bioland-zertifiziert ist. Nach Angaben des Artikels war Kaindl die einzige entsprechende Metzgerei im Landkreis Aichach-Friedberg.
Überlieferte Rezepte und Bio-Engagement
Fast alle der rund 150 Wurstsorten stellten die Beschäftigten selbst her, teils nach Rezepten, die über Jahrzehnte in der Familie weitergegeben wurden. In der Auslage dürfte dabei nicht nur Handwerk, sondern auch ordentlich Arbeit gesteckt haben: Vorbereitung, Produktion, Beratung und tägliche Abläufe liegen in einer Metzgerei eng beieinander.
Kaindl engagierte sich außerdem im Bioland-Bruder-Ox-Programm. Es soll männliche Kälber aus regionalen Bio-Milchviehbetrieben in der Bio-Wertschöpfungskette halten. Für die Qualität der Arbeit gab es mehrfach Anerkennung: Das Gourmet-Magazin „Der Feinschmecker“ zeichnete die Metzgerei als eine der besten Metzgereien Deutschlands aus. Zahlreiche Produkte erhielten Auszeichnungen des Fleischerverbands, dazu kam der Bayerische Staatsehrenpreis im Metzgerhandwerk.
Als Grund für die Aufgabe nennen Andreas und Marina Kaindl in einem Aushang „personelle Gründe“. Das Hauptgeschäft in der Haagstraße bleibt nach der Schließung geschlossen. Die Filiale in der Robert-Hartl-Straße wird von der Metzgerei Alexander Reich aus Mering übernommen.
Wenn an der Fleischtheke niemand mehr steht
Der Personalmangel trifft das Metzgerhandwerk längst nicht nur in Friedberg. 2025 blieben in Deutschland durchschnittlich rund 4.600 Stellen für Fleischfachverkäufer unbesetzt – ein Höchstwert. Eine weitere Auswertung nennt sogar 4.665 offene Stellen, rund 40 Prozent mehr als 2024.
Zur Berufsgruppe gehören unter anderem Fleisch- und Wurstwarenverkäufer sowie Metzgereifachverkäufer. Sie arbeiten vor allem in Supermärkten und Metzgereien. 38 Prozent der Beschäftigten waren 2024 älter als 55 Jahre, während die Beschäftigtenzahl zwischen 2017 und 2024 um gut 19 Prozent sank. Wenn dann die Babyboomer zunehmend in Rente gehen, dürfte sich die Lücke in vielen Berufen wieder verschärfen. Die leeren Plätze hinter den Fleischtheken sind dabei nur die sichtbarste Folge.
Laut Fichtel Consulting besteht die Branche überwiegend aus kleinen und mittleren Betrieben mit fünf bis 30 Beschäftigten. Dort beraten Mitarbeitende oft zu Fleisch, Wurst, Käse und Feinkost, bereiten Waren vor und kümmern sich zugleich um Lager und Betriebsabläufe. Fehlen klare Zuständigkeiten, definierte Prozesse und eine strukturierte Einarbeitung, kann das gerade Quereinsteiger schnell überfordern.
Nachholbedarf sieht das Beratungsunternehmen auch bei Personalführung, Kennzahlensteuerung und Digitalisierung. Digitale Instrumente zur Aufgabenplanung, transparente Zielsysteme und strukturierte Einarbeitungsprogramme seien in vielen Betrieben noch nicht etabliert. Qualifizierte Beschäftigte suchen jedoch zunehmend Arbeitsplätze mit klaren Prozessen und Entwicklungsmöglichkeiten.
Selbstbedienung als Ausweg?
Manche Betriebe reagieren mit Selbstbedienungskonzepten oder der Rekrutierung internationaler Fachkräfte. Selbstbedienung kann längere Öffnungszeiten und zusätzliche Umsätze ermöglichen. Bedienungstheken erzielen pro Stunde allerdings häufig höhere Erlöse. Und ganz ohne Personal geht es auch dort nicht: Produktion, Verpackung und Logistik müssen weiterhin erledigt werden.
Bei internationalen Beschäftigten braucht es zudem mehr als einen Arbeitsvertrag. Wohnraum, kulturelle Unterschiede und strukturierte Einarbeitungsprozesse müssen berücksichtigt werden. Ohne diese Voraussetzungen kann die Integration schwierig werden.
Fichtel Consulting führt den Fachkräftemangel deshalb nicht nur auf fehlende Bewerber zurück, sondern auch auf strukturelle Defizite in den Betrieben. Als notwendige Schritte nennt das Unternehmen klare Organisationsstrukturen, systematische Personalführung und den gezielten Einsatz digitaler Werkzeuge. Tobias Fichtel, Gründer von Fichtel Consulting, ist nach eigenen Angaben Metzgermeister, Fleischsommelier und Betriebswirt und berät Handwerksmetzgereien im deutschsprachigen Raum.
Die Lücke wächst nicht überall gleich
Bei Erdbewegungsmaschinenführern stieg die Fachkräftelücke 2025 prozentual am zweitstärksten. Mehr als 1.500 Stellen konnten nicht besetzt werden, 38 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei Steuerberatern wuchs die Lücke um knapp 27 Prozent auf 2.318 Stellen. Die größten Engpässe nach absoluten Zahlen gab es in der Bauelektrik mit mehr als 16.200 unbesetzten Stellen und in der Altenpflege mit mehr als 15.200.
Über alle Berufe hinweg sank die Fachkräftelücke 2025 allerdings: Mehr als 369.000 offene Stellen konnten nicht mit qualifizierten Bewerbern besetzt werden, knapp 25 Prozent weniger als 2024. Laut KOFA hängt der Rückgang mit der wirtschaftlichen Stagnation und mit weniger ausgeschriebenen beziehungsweise nachbesetzten Stellen zusammen. Bei einem wirtschaftlichen Aufschwung wird wieder ein zunehmender Fachkräftemangel erwartet.
Für das laufende Jahr prognostiziert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dass das Erwerbspersonenpotenzial um 40.000 auf 48,62 Millionen Menschen sinkt. Die Zahl der Arbeitslosen soll im Jahresdurchschnitt um 40.000 steigen, vor allem in der ersten Jahreshälfte; für die zweite Jahreshälfte wird ein leichter Rückgang erwartet.
Neue Arbeitsplätze entstehen laut IAB fast ausschließlich bei öffentlichen Dienstleistern, im Gesundheitswesen und in der Erziehung. In der Industrie geht die Beschäftigung dagegen weiter zurück; prognostiziert werden 140.000 verlorene Arbeitsplätze. Als zusätzliche Belastungen gelten der Iran-Krieg, höhere Energiepreise und Handelsstörungen. In Friedberg bleibt derweil die Haagstraße ohne Kaindl-Fleischtheke, während in der Robert-Hartl-Straße ein neuer Name übernimmt.
