Galeria zwischen Weihnachtsgeschäft und vierter Insolvenz: 83 Warenhäuser suchen ihre Zukunft
Hamburg 3. November 2026 – in den Galeria-Filialen und Schaufenstern steht zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts „Come back for more“. Drinnen laufen die Kassen, draußen wird dekoriert – und hinter den Kulissen bleibt die Lage angespannt. Im November beginnt der zweite Monat des vorläufigen Insolvenzverfahrens der Warenhauskette. Die Suche nach Investoren läuft.
Nach einem erneuten Insolvenzantrag hat Galeria offiziell nach einem oder mehreren neuen Geldgebern gesucht. Die Unternehmensberatung Roland Berger begleitet den Prozess. In den derzeit 83 Filialen geht der Geschäftsbetrieb vorerst weiter. Ob und welche Warenhäuser geschlossen werden, ist allerdings offen. Der vorläufige Insolvenzverwalter Frank Kebekus will jeden Standort einzeln auf seine wirtschaftliche Tragfähigkeit prüfen.
Weihnachtsgeschäft unter Druck
Parallel verhandelt Kebekus mit der US-Investmentgesellschaft Gordon Brothers über die Finanzierung des laufenden Geschäfts. Gordon Brothers hatte Galeria im Juni eine durch Warenbestände abgesicherte Kreditfinanzierung von bis zu 160 Millionen Euro bereitgestellt. Eine Einigung soll den Betrieb und die Warenversorgung stabilisieren. Gerade im Weihnachtsgeschäft ist das entscheidend: Aus den Verkaufserlösen muss Galeria neue Warenbestellungen finanzieren können.
Der Gesamtbetriebsrat äußerte sich nach einer Informationsversammlung vorsichtig optimistisch. Die Arbeitnehmervertretung fordert langfristig orientierte, finanziell stabile Eigentümer und eine bessere Zusammenarbeit von Eigentümern und Unternehmensführung. Bei Galeria arbeiten rund 11.250 Menschen.
Wie groß die Aufgabe für einen Investor wäre, zeigt eine Einschätzung des Handelsexperten Johannes Berentzen: Für Gebäudetechnik und Innenausstattung seien etwa eine Milliarde Euro nötig. Dazu kämen Investitionen in den Ausbau des Onlinegeschäfts. Selbst wer nur ungefähr die Hälfte der Warenhäuser übernehme, brauche erhebliche finanzielle Mittel.
Gordon Brothers und Poundland im Blick
Gordon Brothers steht unterdessen auch wegen seiner britischen Discountkette Poundland im Fokus. Poundland gehört dem US-Unternehmen und soll vor der Insolvenz stehen. Im Raum steht die Frage, ob ein Rettungsangebot abgelehnt wurde. Dieses Vorgehen soll die britische Regierung verärgert haben – eine zusätzliche Baustelle für Galerias Kreditgeber.
Auch die Liste der von Galeria geplanten Filialschließungen scheint konkreter zu werden. Noch ist aber nicht entschieden, welche Häuser tatsächlich aufgeben müssen. Im Juli 2026 hatte Galeria angekündigt, 33 Warenhäuser zu überprüfen. Im April hatten erste Vermieter berichtet, das Unternehmen zahle Mieten nicht.
Die heutigen Eigentümer, die US-Investmentgesellschaft NRDC und die Beteiligungsfirma des Unternehmers Bernd Beetz, hatten Galeria im Sommer 2024 übernommen. Handelsexperten und Verdi kritisierten zuletzt wiederholt, dass die bisherigen Eigentümer zu wenig investiert hätten. Seit dem Juni 2026 steht außerdem der Kredit von Gordon Brothers über 160 Millionen Euro im Raum.
Eine lange Warenhausgeschichte
Karstadt und Kaufhof waren im 20. Jahrhundert bedeutende Warenhäuser mit breitem Sortiment. Ab den 1980er-Jahren verschärfte sich der Wettbewerb durch Einkaufszentren, Fachmärkte und neue Handelskonzepte; später kamen Internet- und Onlinehandel hinzu. Die Geschichte reicht weit zurück: 1879 eröffnete Leonhard Tietz in Stralsund auf 25 Quadratmetern ein Geschäft für Garne, Stoffe und Kurzwaren. Daraus entwickelte sich später Kaufhof. 1881 gründete Rudolph Karstadt in Wismar ein „Tuch-, Manufactur- und Confektionsgeschäft“. 1906 betrieb Karstadt bereits 24 Kaufhäuser in Norddeutschland.
Während des Wirtschaftswunders ab den 1950er-Jahren florierten die Warenhäuser. Kaufhof erzielte im Jahr seines 100-jährigen Bestehens 7,4 Milliarden Mark Umsatz. Karstadt betrieb zu seinem 100-jährigen Bestehen 155 Warenhäuser und beschäftigte etwa 75.000 Menschen.
Dann begann die Kette der Übernahmen. 1980 stieg Metro bei Kaufhof ein, 1994 übernahm Kaufhof den Konkurrenten Horten. Karstadt übernahm parallel Hertie; 1997 beteiligte sich Quelle an Karstadt. 2005 trat der frühere Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff bei KarstadtQuelle an. Seine geplante Expansion in Europa wurde nicht umgesetzt. Ein Jahr später verkaufte er die Warenhausgebäude für 3,7 Milliarden Euro an einen Goldman-Sachs-Fonds. Danach musste Karstadt hohe Mieten zahlen.
Vier Insolvenzen in sechs Jahren
2009 wurde für die wichtigsten Gesellschaften des inzwischen Arcandor genannten Konzerns, darunter Karstadt, das Insolvenzverfahren eröffnet. 13 Filialen schlossen, mehr als 1.000 Beschäftigte verloren ihre Arbeit. 2010 kaufte der Privatinvestor Nicolas Berggruen Karstadt; das Insolvenzverfahren wurde aufgehoben. Rund 40.000 Gläubiger verzichteten auf etwa zwei Milliarden Euro. Der Sanierungsplan umfasste Mietnachlässe und Lohnkürzungen.
2014 übernahm René Benkos österreichische Signa-Holding Karstadt für einen symbolischen Euro. 2015 wurde Kaufhof von der kanadischen Hudson’s Bay Company übernommen. Drei Jahre später fusionierten Karstadt und Kaufhof zur Galeria Karstadt Kaufhof. 2019 übernahm Signa alle Anteile und wurde alleiniger Eigentümer der 174 Filialen. Der Umsatz lag bei 4,5 Milliarden Euro.
Während der Corona-Pandemie mussten alle Filialen schließen; Galeria erwartete einen Umsatzverlust von einer Milliarde Euro. Im Schutzschirmverfahren wurden die Schließung von 40 Warenhäusern und mehreren Karstadt-Sports-Filialen geplant. Gläubiger verzichteten auf mehr als zwei Milliarden Euro. Ende September 2020 wurde das Insolvenzverfahren aufgehoben, knapp 130 Filialen blieben erhalten, etwa 16.000 Beschäftigte behielten ihre Arbeitsplätze.
2022 war Galeria Karstadt Kaufhof erneut zahlungsunfähig. Am 1. Februar 2023 eröffnete das Amtsgericht Essen ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Gläubiger verzichteten erneut auf mehr als eine Milliarde Euro, 47 der damals 129 Filialen sollten geschlossen werden.
Im Januar 2024 stellte das Unternehmen den dritten Insolvenzantrag. Als Grund wurde die Schieflage der Signa-Gruppe genannt; zugesagte Sanierungsgelder seien nicht geflossen. Galeria hatte zu diesem Zeitpunkt 92 Filialen und 12.800 Mitarbeitende. Im April 2024 kündigten NRDC und BB Kapital SA von Bernd Beetz die Übernahme an. Das Insolvenzverfahren wurde eröffnet, zunächst waren 16 Filialschließungen und der Abbau von 1.400 Stellen geplant. Die Namen „Karstadt“ und „Kaufhof“ verschwanden aus dem Firmennamen; seit Juli 2024 heißt das Unternehmen nur noch Galeria.
Im August 2024 übernahmen die neuen Eigentümer Galeria und verlegten den Firmensitz von Essen nach Düsseldorf. Statt der geplanten 16 wurden neun Filialen geschlossen, etwa 800 Beschäftigte verloren ihre Arbeitsplätze. Am 2. Oktober 2026 meldete Galeria zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren Insolvenz an. Rund 12.000 Mitarbeitende bangen um ihre Arbeitsplätze – während in den Schaufenstern schon wieder „Come back for more“ leuchtet.
